Ausgabe 
6.6.1903
 
Einzelbild herunterladen

331

Das zweite Gesicht.

Plauderei von P. K. von Perfuhn.

(Nachdruck verboten.)

Tas zweite Gesicht? Was versteht man darunter? Woher stammt das Wort? Wir haben uns im Laufe der Zeiten so daran gewöhnt, alles, was in das dunkle, geheimnis­volle Gebiet der Hellseherei gehört, mit diesem Namen zn bezeichnen, daß es uns gar nicht mehr einfällt, seines engeren Bedeutung uachzuforschen. Und doch besaß es diese Es war im Jahre 1625, unmittelbar nach der Thron- besteigung Karl I. von England. Unter den Landeskindern, Vie sich nach London begeben hatten, um den ihm zn Ehren Veranstalteten Festlichkeiten beizuwohnen, befand sich auch ein schottischer Häuptling Mac Eavor. Als er seinen neuen Herrscher zum erstenmale sah, blieb er totenblaß, wie ver­steinert stehen und fiel dann plötzlich bewußtlos zur Erde.

senren Freunden befragt, was ihn denn angewandelt hatte, wollte er anfänglich nicht sprechen, erzählte auf ihr Trangen aber spater doch, es wäre ihm in dem Augenblick, er des Königs ansichtig geworden, ein fürchterliches Bild erschienen. Inmitten eines schwarz verhangenen Gw- ^""es, umgeben von einer ungezählten Volksmenge, hätte er zwer Manner tn Matrosenkleidung mit verhüllten Ge- sichtern gesehen, vo,l denen der eine das blutige Stäupt des E^san dien Haaren hoch empor hielt, dazu rufend: Tas ist der Kopf eines Verräters!" Von der einen Seite

r?-6,;,eineS Schlosses aufragten, aber habe Trommelwirbel herubergeschallt. Mac Eavor fügte dann noch hinzu, daß es sicher alles so kommen würde, wie seine S? ®=S KE**"" *" ,el" 8nm,lic ,ei "das itodte Gesicht?" fragten die andern.Was ist ? ?"^'!/rwlderte Mac Eavor:Das sind die Augen der Seele, welche die Männer und Frauen unseres Namens körperlichen Augen besitzen. Für gewöhiu It? KJle geschlossen aber bei besonderen Anlassen öffnen Ue nch- Es wurde damals viel über den Fall ge- Mtelt bis - vierundzwanzig Jahre später die Ereignisse iiel w 9(lbciL Sfm 30- Januar 1649

jiel zu Wh lieh all Karl Stuarts Haupt unter den von Mac Eavor geschilderten Begleitumständen!

Nunmehr urteilte man doch anders über die Sacbe Hier und dort hörte inan von demzweiten Gesicht" reden na? t,e@ (rrle^ne £euie behaupteten, im Besitz der unheim-

?nbe F fein- Ein paar englische Geistliche und Gelehrte machten den Gegenstand zum Ziel ihrer st-oricb- S'^Ls^^en ganz seltsame Resultate ans Raes­licht. Es stellte sich nämlich heraus, daß erstens die Vratwe- lAftÄ Ä" 6Ä S'L mej(?9em -chetter, von blauem Tunst umflossen allerhand $ Landschaften, zuweilen'aber a7ch

Ä'Ä'ÄÄ» ÄSÄ&fS die die Ppi.?» sJ. wM, daß es sich in allen ienen Fällen füllten, lediglichabergläubischem Entsetzen er- Morgana der Wüsw /iB N mißlungen, ähnlich der Fata dem Namen des auch jenes unter

gehanüelt habe NatürlvuÄ^nstes bekannten Phänomens E-str nl<S iÄJ "" das ftr di- Bi,im, t. °m° °m,z X BiS' °*ti ebc" <> »«Meh in

StoentnM^ einer uns unbekannten Naturkraft undphvsp dhonomenen untereinandergemengt werde/Ter unkritische Aberglauben und die allzu kritische

4iä) ?bide gleichermaßen dieses Fehlers schüldch denn wahrend der erstere alles Erdenkliche, was streng ge­

nommen gar nichts mrt der Sache zu tun hat, als Belag 'ur die Wahrheit seiner phantastischen Anschauungen heran- zieht, lehnt die letztere in ihrer vornehmen Geringschätzung der betreffenden Materie es rund ab, irgend etwas, was seinen Ausgangspunkt von derselben genommen, in den Kreis ihrer Betrachtungen zn ziehen. Wir würden sonst m der Erkenntnis mancher physischen Probleme wahrschein- lich weiter fern, als wir es sind. Wie lange hat es z B gedauert, bis die Gelehrten die mannigfachen Erschein- migen aus dem Gebiete des Hypnotismus und tierischen Magnetismus als tatsächlich vorhanden zugaben und ihnen ihre Aufmerksamkeit zuwandten? Heute fällt es niemand mehr eut, fte zu leugnen, und die Hälfte aller Aerzte, vor allem aber fast jeder Psychiater, experimentiert damit. In­folge der scharfen Scheidung, die dadurch zwischen Occul- tismus und Hypnotismus gemacht worden, ist ein großer Schritt vorwärts in der Volksaufklärung geschehen.

Doch, um zu meinem Thema zurückzukehreu, will ich hier nur konstatieren, daß unter den Begriff desziveiten Gesichts von Schottland" während langer Jahre alles fiel, was die Schulweisheit jener Zeit nicht zu begreifen ver­mochte. Im übrigen drang die Kunde von der ganzen Angelegenheit nicht über die Grenzen des britischen Jnsel- landes hinaus, oder zum mindesten vergaßen die, welche im Festlaude davon hörten, sie bald. Erst nahezu hundert Jahre später, als die seltsanien Lehren Emanuel Sivedem- borgs (geb. 29. Januar 1688, gest. 29. März 1772) viel von sich reden machten, trat man ihr näher. Emanuel Sweden­borg, ein ausgezeichneter Gelehrter, der bedeutende Werke über Physik und Mineralogie verfaßt und als Mitglied des schwedischen Bergwerkskollegiums zahlreiche Erfind­ungen und Verbesserungen gemacht hat, die sich bei der Anlage von Kanälen und Toüs trefflich bewährten, bat im Jahre 1747, nachdem er seiner Verdienste wegen in den Adelstand erhoben war, um Entlassung aus allen seinen Aemtern, um den Rest seines Lebens als Mystiker zu verbringen. Er behauptete, durch eine Vision, die er ein Jahr zuvor gehabt hatte, hierzu «ufgefordert worden zn sem. Anfänglich betrafen seineGesichte" nur göttliche Offenbarungen und Erscheinungen, die mit seinem Seelen­heil, wie überhaupt mit religiösen Dingen zusammenhingen, daun fing er angeblich n», mit längst Gestorbenen zu ver­kehren und Wunderkuren zu vollbringen, bis ^s schließlich dazu kam, daß er prophetische Visionen hatte. Nun tauchte auch wieder mit Bezug auf ihn der Ausdruckdas zweite Gesicht aus. So soll er in Gothenburg den Brand von Stockholm im Jahre 1759 unt allen seinen Einzelheiten gesehen haben. Es existieren hierüber urkundliche Belege.

Inwieweit dieselben auf Wahrheit beruhen, soll tut dieser Stelle nicht untersucht werden, ein immerhin zum Nachdenken anregendes Faktunt aber ist es, daß sein großer Zeitgenosse, der Königsberger Philosoph Immanuel Kant, welcher dieKritik der reinen Vernunft" verfaßte, an Swedenborgs Sehergabe glaubte. Er hat umfassende Nach­forschungen über den Gegenstand angestellt, und von ihm rührt unter anderem auch die genaue Schilderung der Vor­gänge her, in deren Begleitung die den Brand von Stock­holm betreffende Vision stattfand. Auch eine andere Ge­schichte, in der die Gattin des holländischen Gesandten in Stockholm, Frau Marteville, eine Rolle spielt, hat uns Kant überliefert.

Diese Dame erhielt von einem Goldschmied eine Rech­nung üßer 25 000 holländische Gulden. Sie war zwar über­zeugt, daß ihr Wann, der damals schon tot war, die Summe längst bezahlt hatte, leider aber vermochte sie die Quittung nicht zu finden. In ihrer Not wendete sie sich au Swedenborg, der ihr Hülfe versprach und nach drei Tagen wirklich aussagte, der Verstorbene hätte ihm mit­geteilt, die Quittung läge im geheimen Fach eines gewissen Schrankes. Frau Marteville sah an dem bezeichneten Ort nach und fand das Gesuchte. Bekannt ist, daß Swedenborg die Sekte der Swedenborgianer stiftete, unter denen einige sich ebenfalls der Gabe des zweiten Gesichts rühmten.

Als eilten Nachfolger des merkwürdigen Mannes darf man Johann Heinrich Jung-Stilliug neunen, der sich als Augenarzt großen Ruf erwarb und zum Schluß Professor der Staatswisseuschaft an der Universität Heidelberg wurde. In Karlsruhe starb er 1817. Tiefer war der Erfinder der Pueumatologie, derzufolge der Mensch aus Körper, Geist und Nervengeist bestehen soll. Er behauptete, daß man durch mesmerische Behandlung den Körper zeitweise vom