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in meinen Einnahmen. Und das ist noch lange nicht das Schlimmste. Denn ich weiß ganz genau, wenn irgend io ein Kump von Kritiker auch nur das leiseste davon erfährt, so bin ich verloren. Es gibt für diese Kerle ja nichts Schöneres, als dem Publikum zu erzählen, daß ein berühmter Sänger auf dem Wege ist, seine Stimme zu verlieren. Und wenn man auch wieder ganz gesund ist und fingen kann wie eine Nachtigall oder sonst ein Wundertier, — in den Zeitungen geht es dann doch los mit Beben der Stimme und Flackern des Tones und anderen Schänd- lichkeiteu. Das Publikum glaubt es natürlich, und um den armen Sänger ist es getan. Deshalb habe ich vorgebeugt und habe neulich schon eine Notiz in die Presse lauziert über einen Gastspielantrag, nach Amerika. Die Leute sollen denken, daß ich schon auf dem Wasser schwimme, und nun fangen Sie auch noch an, von Krankheit zu reden! Sie könnten wirklich, — was haben Sie denn zu lachen?"
Sie hatte nur zu Anfang auf ihn gehört, dann hatte sie angefangen, mit dem Kaffeelöffel zu spielen und mit der Spitze allerlei Figuren auf das Tischtuch zu zeichnen. Plötzlich hatte sich ihr Gesicht erheitert wie von einem glücklichen Einfall — im selben Augenblick, als nun auch in diesem Raum die elektrischen Flammen aufglühten, ein dreiblütiger Lichterstrauß an jeder Säule — und jetzt lachte sie wirklich, herzlich und laut.
„Ich lachte nicht über Sie, Wotan, das müssen Sie nicht glauben. Aber die Geschichte wird wunderbar!"
Ihre Heiterkeit erneuerte sich, und im Lachen ertönte ihr prachtvolles Organ nocy klarer und metallischer, als int Sprechen.
„Wenn ich fragen dürfte —"
„Ja, das dürfen Sie, Wotan. Denn Sie sind der nächste dazu, wie die schöne Redensart heißt. Ich hab' es jetzt ausgefunden, was wir tun müssen, um einmal wieder gründlich von uns reden zu machen. Wir müssen —", sie lachte von neuem — „wir müssen uns miteinander verloben."
„Wissen Sie, Müller, dazu gehören zwei." Er hatte seinen Aerger noch nicht überwunden, uno ihre Lustigkeit machte ihn nervös.
„Tie sind vorhanden."
„Aber durchaus verschiedener Ansicht."
„Tas wird sich schon geben. Warum wollen Sie sich denn nicht mit mir verloben?"
„Müller, was denken Sie denn! Ich werde doch nicht gegen mich selber wüten. Ein unverheirateter Sänger ist für die jungen Mädmen ein ganzer Gott, ein verheirateter nur noch ein halber. Ach, nicht einmal das, —i höchstens ein achtel."
„Seine Mißverständnisse, Wotan. Wer spricht denn vom Heiraten!"
„Wer sonst, als mein hochverehrtes Fräulein Milka Millerta!"
„Sie denkt ja gar nicht daran. Vom Verloben hat sie gesprochen, das Wort Heiraten hat sie nicht in den Mund genommen."
„Ah, so ist's gemeint! Ja, dann läßt sich vielleicht über die Sache reden."
„Nun, also."
„Aber ist es auch keine Falles
„Was soll das heißen?"
„In bte Sie mich hinein und an den Altar locken wollen? Das gibts nämlicy nicht bei mir. Heiraten tue ich Sie unter keinen Umständen, Müller, das müssen Sie stcy merken."
„Aber icy denke ja gar nicht daran! Sehe ich aus, als ob in) Selbstmordgedanken hätte? Und heiraten ist für eine Sängerin so gut wie Selbstmord. Für mich wär' es jo noch zehnmal so schlimm wie für Sie; kein Mensch wurde sich mehr für mich interessieren. Nein, Freund, ge- hetratet wird nicht. Aber so ein bißchen verloben, das wäre doch ganz nett?"
„O ja, der Gedanke ist sogar recht hübsch; er fängt an, mir zu gefallen."
»Und dem lieben Publikum erst! Ja, wissen Sie's denn schon? Haben Sie's denn schon gehört? Ter Wotan hat sich mit der Brünhilde verlobt. Tas ist doch wirklich ernmal eine göttliche Verlobung!"
„Hören Sie, Müller, wenn man die Familienverhält- nt['e- der Götter in Betracht zieht, ist es eigentlich ein Etwas merkwürdiges Bündnis."
„Das macht nichts. Bei Wagner geht es ja immer bunt durcheinander, wir bleiben nur in der Rolle Sieg- mund und Sieglinde, Wotan und Brünhilde, das paßt sehr schön zusammen."
Er lachte nun auch; der Einfall machte ihm Spaß. Wenn sein Gesicht den melancholischen Ausdruck verlor, schaute er heiter und gutartig in die Welt.
(Fortsetzung folgt.)
Plaudereien aus der Kaiferüadt.
(Nachdruck verboten.) Babel und Bibel im CirkuS. — Verzweiflungstaten und Berliner
Wohltätigkeit. — WeihnachtShamfter und ihr Betrieb.
So gelehrt das aktuelle Schlagwort auch aussieht, das Professor Delitzsch als Titel für seine Vorträge geprägt hat: auch seine Stunde hat geschlagen, die Stunde nämlich, wo es in Riesenlettern an den Litfaßsäulen prangt und als Aushängeschild für irgend einen industriellen Unternehmer dient, der damit die schaulustige Menge in seine Bude locken will. Ter Unternehmer ist in diesem Fall' Schumann und seine „Bude" ist der schöne massive Zirkus am Schiffbauerdamm. Er will einem hohen Adel und hochverehrten Publikum von Berlin und Umgegend in seiner Manege zeigen, wie das alte, berühmte Babel ausgesehen, wie der biblische Türm gebaut worden, wie Semiramis Hof gehalten und Sardanapal geschwelgt hat. Darauf wird er bie sündige Metropole des Altertums, deren Name noch heute als Gattungsnamen jür die modernen Weltstädte gilt, untergehen und verwüsten lassen, alles in der Manege, bis nur noch graue Nuinenkolosse als Zeugen einstiger Pracht und Herrlichkeit aufragen. Scheffels „schwarzer Walfisch zu Askalon" bildet die humoristische Zugabe zu dieser großsprecherischen Wanderung durch „acht Jahrtausende" — in der Manege. Und ganz Berlin wird hingehen und mit offenem Munde auf die großen Offenbarungen lauern und hinterher rühmen, wie großartig und sehenswert es gewesen, schon weil es tüchtig Entree gekostet hat. Die Säle des „Neuen Museums" dagegen, in denen großartige Reste der babylonischen Kultur auf- bewahrt werden und dem sinnigen Beschauer ein wirkliches Bild dieser gewaltigen Kulturperiode zu geben vermögen, bleiben nach wie vor als ungestörte Rendezvousplätze unseren Backfischen und Primanern reserviert, da man zu ihnen ja ganz für umsonst gelangen kann. Jedenfalls ist die hastige Sucht, alles Aktuelle in dieser Weise auszuschlachten, nicht just geschmackvoll zu nennen.
Wie man sich im alten Babylon mit den Armen und Elenden abgefnnden hat, ist uns von Delitzsch bei seinen Vorträgen noch nicht kund getan worden. Es wäre der Mühe wert, es zu erfahren. Das moderne Spreebabylon hat auf diesem Gebiete den richtigen Weg noch immer nicht gefunden, obgleich bei uns jahraus jahrein Millionen für öffen.liche und private Hilfe ausgegeben werden. Das beweisen am besten die Verzweiflungstaten, die von Unglücklichen bald im Zentrum, bald in den ärmeren Vororten Großberlins mit einer geradezu unheimlichen Regelmäßigkeit begangen werden. Und in neun Fällen von zehn ist es der Hunger, der den letzten Ausschlag gibt, daß eine Mutter mit ihren Kindern aus dieser „besten aller Welten" geht, und fast ebenso häufig erfährt man, daß diese Aermsten recht würdig gewesen wären, in ihrem Elend so reichlich wie möglich unterstützt zu werden — aber oaß sie die rechte Tür nicht gefunden haben, an der sie hätten anklopfen müssen. Diese „rechte Tür" ist ein sonderbares Ding. Daß sie vorhanden ist, liegt außer allem Zweifel. Es gibt Stiftungen und Fonds von ganz erklecklicher Höhe, es gibt Menschen in dem berühmten Tiergartenviertel, die prinzipiell niemanden von ihrer Tür weisen, der um Hilfe bittet"; es gibt Arm en vor st eher, Frauenvereine, Brockenhäuser und viele andere Institute — und doch wiederholen sich alljährlich bie entsetzlichen Vorfälle, die wie ein glühendes Eisen in das Gewissen der Allgemeinheit fahren. Das liegt aber daran, daß bie sogenannte „rechte Tür", zumal wenn etwas recht Erkleckliches hinter ihr zu holen ist, meist von Leuten belagert ist, die dort eigentlich nichts zu suchen haben, bie aber zu Virtuosen der Bettelkunst geworden sind und vertrauensselige Leute über ihre Verhältnisse, ihren Charakter, ihre Tätigkeit ufw. derartig zu täuschen wissen, daß


