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Ja, Müller - Pardon, Fräulein Millerta, da Müssen wir uns wohl begraben lassen."

Er seufzte ein wenig; überhaupt lag in Ausdruck und Haltung bei ihm eine sanfte Melancholie. Er hatte den Kopf auf den malerisch gebogenen Arm gestützt und die hnte Hand in den Wald blonden Haares vergraben, der in wohlberechneter Unordnung das gebeugte Haupt um­gab. Schlangengleich wandten die mattschimmernden Sträh­nen sich ineinander; ein voller, geradegezogener Bart be­deckte die Oberlippe, das Kinn verschwand unter sorgsam gepflegtem Spitzbart. Es war ein Mittelding von Christus- kopf und Waldmenschmaske. Die beiden Bärte waren Wo­tans Stolz; denn sie bewiesen, daß er berühmt genug war, um den Vorschriften kunsthistorisch eifriger Direktoren trotzen zu dürfen. Seine dunkelblauen Augen blickten sanft und gut; gegenwärttg wohnte die Schwermut darin.

Machen Sie keine Witze; die Sache ist ernsthaft, und ich habe noch durchaus nicht die Absicht, mich begraben zu lassen. Ich lebe sehr gern und ich glaube. Sie auch. Aber ohne meinen Ruhm nein. Und ich merke, man fängt an, mich gleichgiltig zu behandeln. Ich bin gestern nach dem vierten Akt nur dreimal gerufen worden, ja, das geht einfach nicht! Denken Sie doch, nach dem vierten Akt nur dreimal gerufen! Sonst war fünfmal das we­nigste. In Petersburg sogar zwölsinal; ach, das ist über­haupt eine reizende Stadt! Dieser Enthusiasmus und die Brillanten, die man dort bekommt! Ich habe auch schon"

Ja, Müllerchen, Ihre Triumphe kenne ich doch. Sie wollten von etwas anderem sprechen, meine ich."

Auch er hatte sich weiter zu ihr herumgewandt, und in die Melancholie seines Gesichts mischte sich jetzt ein leiser Spott, ein Ausdruck geistiger Ueberlegenheit, der die weichen Züge männlicher und bedeutender machte.

Sie haben ganz recht, Wotan, aber man spricht doch immer wieder auch davon gern. Heute freilich, wir haben wichtigeres zu bereden. Mir ist eben ganz angst geworden bet dem Zeitungslesen. Man muß nur sehen, wie die anderen dafür sorgen, daß von ihnen gesprochen wird. Tie Bernhardt hat ihren Panther; das ist gar nicht übel. Tie Düse hat sich interviewen lassen und kündigt der ganzen modernen Kunst den Krieg an; sie will nur noch antik kommen. Tas ist auck ganz gut, aber doch ein wenig ominös. Ich würde das Wortantik" nicht gern in Verbindung mit mir gebrauchen. Tie Termin« hat wieder einmal einen Engagementsantrag, unter 60 000 Mark tut sie's ja nicht mehr. Aber etwas größere Abwechslung könnte sie schon tu die Sache bringen. Tie andere wer war's denn gleich? hat sich eine Adresse über­reichen lassen, na, und so weiter. Aber wir beiden? Meder Panther, noch Adresse, noch sonst etwas. Und ich sage Ihnen noch einmal, Wotan, es geht nicht so weiter, wir müssen etwas tun."

Ich bin ja gern dabei. Aber was?"

Ja, das ist die Frage. Strengen Sie Ihren Geist nur mal ein wenig an. Sie sind ja früher Schulmeister gewesen, und die Schulmeister stehen doch in dem Ruf, Las Vaterland zu retten, wenn es in Gefahr ist, nicht wahr?"

Bitte, bitte! Mein Schulmeister liegt da, wo Ihr Müller liegt. IM tiefen Brunnen der Vergangenheit."

Nun, dann nehmen Sie den Sängerschädel statt des Schulmeisterschädels; vielleicht geht's auch."

Beide schwiegen einen Augenblick, wandten sich, wie auf einen stummen Befehl, zum Fenster und schauten in den weißen Nebel hinaus, als miißte von dort mit dern Licht auch die Erleuchtung kommen. Ihnen gegenüber! erhob sich die ernste Wand der Markthalle mit ihrer gleichmäßigen, rechteckigen Qnadergliederung und den Säulenstellungen darüber; aus dem Nebel hiuten däm­merte die graurote Portalwand der griechischen Kirche hervor. Traußen ging nur selten ein Mensch vorüber und weckte mit seinen Schritten den Widerhall; in der Stille tönte das Stoßen der Billardkugeln doppelt laut.

Mit einem unwilligen Kopfschütteln begann die Sänge­rin wieder zu sprechen. Wenn sie lebhaft wurde, kam ein leiser Klang vom heimatlichen Königsberger Dialekt in ihre wohlgeschulte Sprache.Ich finde nichts. Alles schon dagewesen. Meine Brillanten habe ich mir zuletzt vor zwei Jahren erst stehlen lassen; da gehts doch noch nicht wieder." Nein, nein. Das ist auch eigentlich nicht mehr Mode. Äie Geschichte ist zu oft Lagewesen."

Sie war sehr in Eifer gekommen; er nahm die Sache ruhiger, wenn auch nicht ohne Interesse, doch mischte sich immer noch ein leiser Spott hinein.

Ja, was soll man aber machen?"

Haben Sie denn keine Xiuft zu einem Panther, oder sonst einem netten, gemütlichen Raubtier?"

Ter Bernhardt etwas nachmachen? Niemals! Ich reife auch zuviel. Wie soll ich denn das Vieh transpor- tieren?" .

Ein kleiner Eisenbahnunfall? Wie wär' es damtt?"

Stein, darin bin ick abergläubisch, das will ich nicht berufen." , , ,,

Tann müßten Sie sich entfuhren lassen."

Aber Wotan! Mich so zu kompromittieren"

Sie haben recht. Ich weiß ja, daß Sie klug genug find, tugendhaft zu sein. Tie Tugend ist ein Kapttal betm Theater; für eine anständige Sängerin darf die ganze gute Gesellschaft anstandslos schwärmen, alle höheren Töchter mit einbegriffen."

Jetzt werden Sie, wieder malittös/

Aber ich bitte"

Nein, nein, ich sehe es ganz genau. Ihre Bart­spitzen zucken schon wieder so verdächtig; das ist immer ein böses Zeichen. Sie haben übrigens gar keinen Grund, so von oben auf mich herab zu sehen. Ihnen gegenüber ist das Interesse reichlich so sehr int Schwinden, tote bei mir. Lesen Sie doch die Kritiken, die jetzt über Ste ge­schrieben werden.Mit bekannter Vortrefslichkett, mtt gewohnter Verve, mit bewährter Größe der Auffassung , das stnd ja Ausdrücke, für die man die Krtttker prügeln möchte! Nichts neues, nichts eingehendes, was man dem Agenten einschicken könnte. Nicht etnmal Ihr Name zteht mehr." . ,

Nun, ich dächte doch"

Die Leute kommen noch ins Theater, wenn Sie gastieren, so meine ich das nicht. Wer Ihr Wotan-Nmne macht keinen Eindruck mehr. Anfangs hat der ja herrlich gewirkt. Als imBerl. Tageblatt" gestanden hatte:Herr Rauchmann ist der Wotan par excellence", und als dann die Kollegen, die Zeitungen, das Publtkum anftngen, Sie nur noch den Wotan par excellence zu nennen, l«, das war nochne Sache. Ich habe es Ihnen gegönnt; benn Sie sind mir, von Ihren malittösen Anfällen abgesehen, immer ein guter Kollege gewesen. Damals tn Berltn, als wir zusammen engagiert waren, und spater, wenn ich Ihnen bei meinen Gastspielen begegnete so tote heute liier Jetzt aber ist der Name abgebraucht und, was schlimmer ist, er ist in Gefal^r, lächerlich zu werden. Seit der Esel in Breslau gesckpcieben hat:Der Wotan kommt, der Wotan kommt, der Wotan tst schon da , seit­dem ists aus damit, und Sie können froh setn, wenn bei Ihrem Auftreten nicht einmal das ganze Parkett: ansängt zu singen:Der Wotan kommt, der Wotan kommt, ber Wotan ist schon da!"

Davor schützt mich denn doch wohl meine Kunst."

Ach was, Kunst! Die Kunst ist für die Künstler, die etwas davon verstehen, ntcht fürs Publtkum. Dav geht zu dem, ber Mode tst; ein anderer kann bas Blaue vom Himmel herunter gingen, die Leute kommen doch ntcht. Eme Sänaerntobe, eine Kleibermode, das tst ganz dasielbe. Ten einen Winter B.llincioni und Pelzcapes, den andern Prevosti und Radmäntel, tch kenne das. Und des halb muß man alles tun, um in ber Webe S» blecken, wenn man einmal darin gewesen ist, tote wrr betde^ Tas geht ab r nur, wenn von einem gechrohen wtrd, tmmeriort tm, toieder. Das Publikum will jo eigentlich gar ketne Kunst, saa will Kulissentlatsch und DoUettengeschtchten und Anek- dotet^ die ihm seine Mhnengötter als Menschen erichetnen lassen Meiitt Sie nicht vorbeugen, Wotan, erzählt man K «ns-M-n, fürcht« ich. bald Mag«, d,- Id»«» «ch» B'1n£n mir? »az beim? Miefe?"

"Nun, Ihre Krankheit." Müller

"Krankheit! Ich mutz Ste ernstlich. Litten, Muuer, dieses Wort nicht zu gebrauchen. Em kleiner> eine ganz leichte Affektion der Stimmbänder, d e tn etn paar Wochen gehoben sein totrd, - metn flfott, nwn schont sich natürlich, aber das tst auch a les^ Meinen u nicht, daß es mir schon unangenehm ist, mitten m ° Saison meine Gastspiele zu unterbrechen und nach dem Süden LU Leben? Das bedeutet einen kvlollalen Aust»