Samstag den 5. Aezewöer.

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(Nachdruck verboten.)

Wotans Mertoöung.

Novelle von Robert Kohlrau sch. i

Cie, Müller!"

Keine Antwort erfolgte. Auch war allem Anschein nach keinMüller" vorhanden, dem die Anrede hätte gelten können. Außer dem Herrn, der hiilter den Blättern der Neuen Freien Presse" hervor den halblauten Ruf getan hatte, war nur noch die Dame ihm gegenüber am Tisch zu sehen, und ein blondhaariger Piccolo mit kecker Stumpf­nase, der auf einem Stuhl neben dein Büffet von den An­strengungen seines Berufs ausruhte.

Gleich dem Herrn war auch die Dame in das Studium einer Zeitung vertieft; Format und Spaltenbreite verrieten denBerliner Börsen-Courier". Die beiden saßen an einem der Rundbogenfenster im Rokokosaal des Cafe Luitpold zu München. Sie hatten offenbar dort miteinander gespeist, aber nun war auch die Kaffeestunde vorüber; die geleerten Tassen mit dem Abzeichen des Restaurants auf dem Por­zellan standen vor ihnen auf dem wcißgedeckten Tisch.

Sie waren die einzigen Gäste in dem goldblitzenden Raum zu dieser vorgerückten Nachmittagsstunde. Hierher drang das Licht des kalten Februartages, der draußen nnt weißem, scharfem Rausfrost erzeugendem Nebel die Straßen erfüllte, noch hell genug, um die Lektüre zu be­leuchten. Aus dem Buffet her aber kam schon der sanfte Schimmer des Glühlichts, und spielte in feinen, warmen Streifen über die rötlichen Marmorfäulen, die Leiber der Karyatiden und die barocken, goldenen Ornamente an den Wänden.

In den vorderen Sälen war bereits alles erleuchtet, und durch btc weite Türöffnung sah man aus dem kühlen Tagestrcht hinein in die weite Perspektive zwischen den dunklen Marmorsäulen, wo dichter, bläulicher Zigarren- rauch, eurem sonnedurchschimmerten Gewölk gleich, empor- streg. Bon dorther drang auch das gleichmäßige Tönen aneinander verrauschender Stimmen; hier aber im Rokoko- I1 'E es still. Tie Göttergestalten, die unter der Decke Knuten das leise Knistern der Zeitungsblätter vernehmen, und auch das Geräusch unablässig gegenein- ander stoßender Elfenbeinkugeln im riesenhaften Billard- faal nebenan stieg zu ihnen empor.

Sie, Müller I"

o-uu$'ie8maL t)ül) die Dame den Kopf und öffnete die Lippen zur Entgegnung. Und indem sie es tat, verriet sie Mlerch, wer oder vielmehr was sie war. Denn nur beim »oB?* f' in dieser wunderlichen, kleinen und doch so großen We^l. können die männlichen Kollegen sich den weiblichen gegenüber solch geschlechtslose Anrede gewohnheitsmäßia U^n. r Dort allein, wo das Weib selbst zu einem ae- sthlechtslosen Wesen, zu einer lebendigen Puppe wird, die

der Mitspieler allabendlich! küßt, umarmt, ermordet und! heiratet, ohne das mindeste dabei zu empfinden, voraus­gesetzt, daß er nicht zufällig selbst in die kebenswarmtz Puppe verliebt ist.

Was wollen Sie, Wotan? Haben Sie doch die ®üte,- mich! nicht immer wieder so lautMüller" zu nennen. Sitz wissen, der Name gehört der Vergangenheit an."

Er zuckte die Achseln.Hier hören's ja höchstens ditz Gotter dort oben und der Piccolo dahinten, dem die Kalbs­augen bereits zufallen. Aber wenn Sie es wünschen, mir kann es recht sein; ich werde Sie nur noch mit dem Namen titulieren, den der Theaterzettel verkündet: Milka Mil-, lerta."

Das wird mir sehr angenehm sein. Und was wollten Sie sagend

Ach, nichts Besonderes. Nur daß ich hier eben lese, ditz Sarah Bernhardt hat wieder etwas Neues: sie hält sich einen jungen Panther als Hauskatze."

Es ist eine geniale Person! Diese Geschicklichkeit ist der Reklame, geradezu phänomenal!"

Ja, die kann's." 1 j

Milka Millerta hatte ihrem Nachbar bisher das Profil zugekehrt; jetzt wandte sie sich mit energischer Bewegung zu ihm herum. In ihrer neuen Stellung fiel das kühle Tageslicht voll auf ihr Gesicht und offenbarte allerlei zier­liche Malereien auf der nicht mehr ganz frischen Haut. Auf den Wangen lag ein zarteres Rot, als die Natur es giebt, und der Bogen der Augenbrauen war von merkwürdig edler Wölbung. Sonst verriet sich das Theater in ihrem Aeußeren kaum. Sie war mit vornehmer Einfachheit ist em fest anliegendes schwarzes Gewand gekleidet, das die üppige Figur ein wenig schlanker erscheine» ließ, und nur der flache, rote, runde Hut zeigte keckere Farbe. Tie roten Schleifen auf ihm aber stiegen nicht allzuhoch empor, und' ote Bussardfedern dazwischen wirkten lebendig, nacht auf­fällig. Das Gesicht war etwas zu breit und zu viereckig; um schön zu sein, die Formen im einzelnen aber zeigtest reine Linien. Unter dem Hute quoll blondes, volles Haar, die Ohren modegemäß überdeckend, hervor.

Wotan, ich muß Ihnen was sagen. Es geht nicht so weiter mit uns."

Wieso?"

Wir sind in Gefahr; man spricht nicht mehr vvst uns."

Nun, ich dächte"

.Da sitzen wir beide seit einer halben Stunde und lese» Zeitungen. Haben Sie auch! nur in einer einzigen meinen Namen gefunden, meinen oder Ihren? Ich habe mir die, Augen beinahe danach ausgeschgut. Mer nein, nicht ein einzigesmal!"

Tas ist freilich nicht angenehm."

es ist mehr als das. Ein Künstler, von dem mast in den Zeitungen und bei den Diners nicht mehr spricht ist tot, einfach tot!"