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ewig „fern von Madrid" gelebt hätte. Um es ausdrücklich zu sagen, der Kaiser ist für Herrn von Wildenbruch an keiner Beziehung verantwortlich. Eher für I o s e p h L a u f f, aber auch die Opposition gegen diesen finde ich unberechtigt. Mas, man sollte als ehemaliger Offizier sein Königshaus feiernde Stücke nicht bona fide schreiben können, man sollte da gleich eine Knechtsseele haben müssen? Geraten die Stücke schlecht, ei, da tadelt sie, aber tadelt sie nicht ihrer Tendenz wegen. Daß der Kaiser den Wunsch hat, die Großtaten seiner Vorfahren feiernde Stücke auf der Bühne zu sehen, begreift sich; als modernen Shakespeare hat er Laufs, soviel ich weiß, noch nicht erklärt, ein Talent ist dieser aber, wie noch neuerdings sein Roman „Karreki ek" erwiesen hat. Also man gönne doch dem Kaiser das Vergnügen, er zwingt ja niemand, Lauffsche Stücke anzusehen. Da freilich, hat er sicher etwas Aesthetisch-Unrichtiges getan, als er L e o n - cavallo beauftragte, den „Roland von Berlin" zu behandeln, den kann nur ein Deutscher schreiben und komponieren. Aber, auf ein Experiment mehr oder weniger kommt es zuletzt auch nicht an.
Eine Blüte deutscher Knnit und Literatur haben wir von dem Kaiser nicht zu erwarten, die haben wir selbst in unermüdlicher Arbeit zu schaffen. Aber es ist das gute Recht des Kaisers, die reichen künstlerischen und literarischen Interessen, die er ja doch sicherlich hat, in seiner Weise als freier Mann zu betätigen. Irrt er sich, so kann man es in respektvoller Weise öffentlich sagen, Sensa- tkonsangelegenheiten sind aber kaiserliche ästhetische Urteile nicht.
Vermischtes.
Ernst Haeckel und Ernst v. Wildenbruch, der Naturforscher und der Dichter, haben als Ehrenpräsidenten der Association litteraire et artistique internationale in Weimar zwei charakteristische Reden gehalten. Haeckel, von stürmischen Kundgebungen begrüßt, gab seiner Freude über die Jnternationalität der Vereinigung Ausdruck. Internationale Kulturarbeit müsse Brücken schlagen und vermittelnd wirken gerade in einer Zeit, wo aus den nationalen Gesinnungen, die ein Volk scharf voneinander schieden, oft feindschaftliche Gefühle erwuchsen. Es sei hoch au der Zeit, daß die „Vereinigten Staaten von Europa" sich im Geiste zu einer vernünftigen Jnternationalität verbänden gegenüber der gelben Gefahr des fernen Ostens, wo Japans Kultur einen mächtigen Aufschwung nahm und China sich als äußerst leistungsfähig erwiese. Tie Assoziation werde aufklärend und einigend wirken tm Sinne solchen Zusammenschlusses, im Sinne eines alle umfassenden Menschentums. Daß er, Haeckel, diese und ändere Ideen frei habe vertreten können, danke er der Universität Jena. In Preußen hätte man den Verfasser der „Welträtsel" längst vor dre Tür gesetzt. Der verstorbene Großherzog Karl Alexander habe seine wissenschaftliche Ueberzeugung nicht geteilt, aber er habe ihn in edelster Meise frei gewähren und lehren lassen. Als einmal ein strenggläubiger Oberkirchenrat dem Großherzog nahegelegt habe, Haeckels Tätigkeit Einhalt zu tun, habe der fürstliche rector magnificus der Universität Jena gefragt: „Sind Sie der Ansicht, daß Haeckel von der Richtigkeit seiner Lehre überzeugt ist?" und als der Geistliche bejahte, hinzugefügt: „Mm, sehen Sie, dann tut Haeckel nichts anderes, als was Sie selb et tun."— Ueber Nationalität und Jnternationalität sprach auch v. Wildenbruch. Anknüpfend au die scheinbare contradictio in adjecto, daß man ihn, den ausgesprochen nationalen Dichter zum Ehrenpräsidenten eines internationalen Kongresses berufen habe, führte er u. a. aus: Man habe ihn einen Chauvinisten genannt; das sei er nicht, und könne es nicht sein, denn Chauvinismus, d. h. aggressives Geltendmachen der eigenen Nationalempfindungen sei der deutschen Natur unbekannt und unverständlich. Mer er begrüße es als das wesentlichste historische Ergebnis des 19. Jahrhunderts, daß die europäischen Nationen zu Individuen mit individuell persönlichem Bewußtsein geworden seien. Das wirke nicht etwa schrankenbildend. In Wahrheit werde mir ausgeschlossen und unmöglich gemacht, was allerdings auszuschließen sei: eine charakterlose Nationalitätenvermisch- ung, bei der jede ihr Bestes, ihre Eigenart einbüße, ohne
die der andern in sich aufzunehmen. Wohl aber erreiche man als das Erstrebenswerteste: ein Gesellschaftsbewutzt- sein der europäischen Nationen und daraus erwachsend einen gesellschaftlichen Zustand. Gesellschaft sei eine Menschenvereinigung, die sich durch gemeinsame, ungeschriebene Gesetze gebunden fühle. Seiner Ueberzeugung nach würden' im Laufe der Zeiten die Menschenstaaten sich zu einer Menschheitsgesellschaft entwickeln. Eine Gesellschaft entstehe " und erhalte sich dadurch, daß jedes einzelne Mitglied sich als gleichberechtigt neben dem anderen und alle alle anderen als gleichberechtigt neben sich empfinde, und es diene die Gesellschaft zur Erreichung gemeinsam als Bedürfnis empfundener Ziele, die zu erringen nur dem Zusammenwirken der Kräfte möglich sei und die er, Redner, zusammenfassen möchte in den Begriff Menschheitskultur. — v. Wildenbruch schloß diesen Passus seiner von begeistertem Beifall aufgenommenen Rede: „Das Problem liegt für uns .also so: wie erreichen wir, indem wir uns' individuell sondern, das über uns allen schwebende gemeinsame Ziel menschlicher Kulter? Und hrerauf ist zu antworten: wir erreichen es nicht dadurch, daß wir einer in den anderen aufgeben, sondern dadurch, daß jeder einzelne sich selbst uno seine individuelle Eigenart zu denkbar höchster Vollendung ansbildet und bann von seinem Eigensten selbstlos im Hinblick auf das gemeinsame Ziel an die anderen Hergibt. So kommt ja auch ein gutes Konzert nur zu stände, wenn jeder einzelne mitwirkende Musiker sein eigenes Juftrument bis zu denkbar höchster Vollendung zu beherrschen lernt."
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Ein Wettbewerb. Wie die „Dtsch. Töpfer- und Zieglerztg." mitteilt, hat die Union Csramigue et Chau- sourniöre de France einen Wettbewerb ausgeschrieben zur Erlangung von Entwürfen, aus denen die reiche Anwendung ersehen werden soll, welcher die Baumaterialien aus gebranntem Ton fähig sind. Män will die keramischen' Baumaterialien zu allgemeinerer Anwendung bringen, seien diese Baumaterialien Konstruktionsmaterialien, seien es reine Dekorationsmaterialien. Der Verein hat gedacht, daß dies eine interessante Studie wäre sowohl in Bezug auf die dekorative Erscheinung, als auch in BezUg auf die Anforderungen des Komforts und der Hygiene. Als Gebäude, das zu entwerfen ist, hat der Verein ein Gasthaus einer Provinzstadt gewählt üifb dabei angenommen, daß dieses Programm allen Wünschen entspricht, zumal viele Hotels noch weit hinter der Zeit sind. Alle die Zimmer und Salons der Gasthöfe, welche mit Ornamenten und Teppichen, Tapeten, Decken und groben, ungesunden Möbe In ausgestattet sind, könnten zweckentsprechender in der Weise ausgestattet sein, daß Dekorationen angewendet würden, welche eine öftere Reinigung, auch mit warmem Wässer, zulafsen und dabei dennoch das Auge befriedigen. Tie keramischen Fabrikate scheinen ganz geeignet, diesen Zweck zu erfüllen.
Sternrätsel'
(Nachdruck verboten.)
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Nach dem Muster obiger Figur sind die Buchstaben AAA CCC, DD, EEEEEEEE, FFEF, HHHH, IUI, LL, MM' p, RRRRRB, 88 derart einzutragen, daß die mittelste wagerechte Reihe gleichlautend mit der mittelsten senkrechten ist und die Buchstaben wagerecht gelesen folgende Bedeutung ergeben: 1. Konsonant. 2. Körperteil. 3. Singvogel, 4, Fluß. 5. Vorname. 6. Geistlicher. 7. Werkzeug. 8. Ausruf. 9. Konsonant.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Anagramm in vor. Nr.:
a. Siam, Rain, Angel, Abel, Eris, Save, Selma.
b. Mais, Iran, Nagel, Elba, Reis, Base, Amsel. Minerva.
R. Lange, Gießen.
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und st erlag der Brübl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei.


