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nicht gelingen. Nun läßt sich wohl nichts mehr dagegen machen."
Hamor schwamm in Künstlerseligkeit. „Was soll ich wohl zuerst mit ihr beginnen?" überlegte er in überwallender Freude, „eine jede ihrer Stellungen wirkt begeisternd. Erst jetzt werde ich anfangen, wirklich Gutes zu leisten!"
Es wurde spät. Staunton erhob sich, als sei seine Geduld jetzt erschöpft, und schlug sine Whistpartie vor mit einem Freunde, der im Grand Hotel wohnte, worauf Hamor seine Truppe verabschiedete. „Komm morgen zu mir, Nannte", rief er dem verwachsenen Knaben zu.
Nannte legte seine Arme auf den Tisch, stützte den Kopf darauf und sagte, sie alle feierlich ansehend, mit hohler Stimme: „ich bin schon vorher dort gewesen, ich bin immer dort."
„Ich zweifle nicht daran", versetzte Hamor ernsthaft, „aber laß mich Dich auch sehen, wenn Du morgen kommst, willst Du?"
„Ich will", erwiderte das Kind.
„Gute Nacht, Madame, gute Nacht, Jeanne und Gnenn."
Madame und Jeanne dankten höflich auf den Gruß der drei jungen Männer, nur Gnenn sagte kein Wort, sondern begnügte sich, sie mit ihrem kecken, etwas übermütigen Lächeln anzufehen. Sie fand augenscheinlich, daß sie für diesen einen Tag ganz liebenswürdig genug gewesen sei, alle weiteren Förmlichkeiten konnte Jeanne besorgen.
(Fortsetzung folgt.)
Wilhelm II. und die Literatur.
In den „Wartburgstimmen" schreibt Adolf Bartels von des Kaisers Bedeutung für die Literatur folgendes:
Es ift eine nicht zu bestreitende Wahrheit, daß in unseren Zeiten auch der mächtigste Mann nicht den geringsten Etnsluß auf die Entwickelung der Literatur gewinnen kann. Sei er Fürst, sei er Kapitalist, beherrsche er alle Theater, gewinne er alle Zeitschrtften, er wird doch niemals eine „Richtung" hervorbringen oder nur einer schon vorhandenen zum Siege verhelfen können; was kommen soll, das kommt, die Schaffenden, die großen Schaffenden sind alles. „Gewinnen" lassen sich in der Literatur nur die Turchscknitts- und Geschäftsleute, aber diese haben auf die Entwicklung im allgemeinen nie Einfluß gehabt, und ob die Masse ihrer Produktion noch so groß und ihr Erfolg noch so lärmend war. Universitäten und Bibliotheken können die Carnegie usw. gründen, aber eine leistungsfähige Tichter- schule bringen fle durch all' ihre Millionen nicht zusammen. Won diesen allgemeinen Gesichtspunkten aus treten wir nun an die Frage heran: Was bedeutet die mächtigste Person des heutigen Deutschlands, unser Kaiser, für die Literatur?
Ich brauche kaum vorauszuschicken, daß der Kaiser als literarischer Genießer so gut das Recht seiner eigenen Meinung und das Recht der Aussprache seiner Meinung hat, tote jeder von uns. Freilich, eine kaiserliche Meinungsäußerung kann, wenn auch nicht die Literatur selbst, doch Tausende von Genießern beeinflussen, etwas in Mode brtngen — aber das Publikum, das der literarischen Mode folgt, zählt nicht, und es ist ästhetisch gleichgiltig, ob ein Karser oder die demokratische Kritik die Mode macht. Erst da können wir einige Ansprüche an den Kaiser stellen, wo er /uHt mehr als Privatmann, sondern als öffentliche Persönlichkeit zu Literaturdingen Stellung nimmt.
Als Verteiler des Schiller Preises ist der Kaiser eme offentltche Persönlichkeit. Unter Kaiser Wilhelm II. hat ein wahrer Unstern über dem Schillerpreis geschwebt, er tst nur zweimal (als Doppelpreis) verliehen worden, einmal an Klaus Groth und Theodor Fontane, Ä 8rllet Nichtdramatiker, und das zweite Mal an Ernst
6 ^u ch für sein Drama „Heinrich und Heinrichs Geschlecht — Wtldenhruch hatte ihn übrigens vorher schon einmal erhalten. Es sind dann Statutenänderungen vor- Seno«tmen worden, der Preis soll jetzt nur alle sechs Jahre verterlt werden, aber gleich das erste Mal (im vorigen Jahren hat wieder kerne Verteilung stattgefunden . . . . rvian hat für drese Dinge ganz allein den Kaiser verantwort- Uch gemacht, gesagt, er wolle den Preis eben nur ihm genehmen Persönltchkeiten -geben. Ich mache zuerst oie
Preiskommission, dann die Verhältnisse verantwortlich. Als der Preis zum ersten Male unter dem jetzigen Kaiser verliehen werden sollte, da schlug die Kommission, wie allgemein bekannt ist, F u l d a s „T a l i s m a n" vor. Das war, gelinde gesagt, eine große Taktlosigkeit; denn dieses Stück verdankte, wie jeder Einsichtige erkennen mußte, seinen Erfolg nur der allerdings äußerlich versteckten Tendenz gegen die Persönlichkeit des Kaisers, es war ein sogen, „schielendes" satirisches Stück, dabei, wie sich inzwischen für jedermann klar herausgestellt hat, dramatisch ziemlich lendenlahm und poetisch konventionell, ja, im Grunde langweiltg. Ein solches Stück konnte der Kaiser unmöglich krönen. Aber er hat dann auch die später vorgeschlagenen Stücke Hauptmanns, deren Bedeutung doch nicht zu bestretten ist, nicht gekrönt! Ich gebe zu, daß das ein Fehler war, zwar nicht für ein einzelnes Stück, aber für fern Gesamtschaffen hätte Hauptmann den Preis unbedingt emmal bekommen müssen — hätte er ihn, tote vielleicht anzunehmen ist, abgelehnt, um sp besser! Aber man scheint dem Kaiser die „Weber" stets als revolutionäres Stück htngestellt zu haben, während es doch nur das treue histo- riiche Gemälde von Notständen ist, mit denen der moderne monarchische Staat recht Wohl fertig werden kann. Neber- Haupt hat die Kommission, so viel sich wenigstens erkennen läßt, Wertig Findigkeit in Vorschlägen erwiesen. Hätte der Kaiser, wenn er denn nicht ein einzelnes Werk krönen wollte, nicht vielleicht den Dichter als Ganzes gekrönt? Und wenn Hauptmann Wegfällen mußte und ein anderer ernst zu! nehmender Dramatiker nicht da war, weshalb hat man nicht Poeten wie Wilhelm Raa be, Peter Rosegger, Martin Greif, Detlev von Liliecron in Vorschlag gebracht?
, Auch der Kaiser ist ja Theaterherr und insofern wieder öffentliche Persönlichkeit. Er kann Einfluß auf eine Reihe Hofbühnen, nicht bloß die Berliner, sondern auch die in Hannover, Kassel und Wiesbaden üben und tut es auch gelegeutltch. Gerade das Königliche Schauspielhaus hat während der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. eine Aufgabe durchgeführt, die bedeutender ist, als was sonst irgendwo auf deutschen Theatern geschehen: Es hatte das deutsche Klassikerrepertoire durch die Aufnahme Kleists, Grillparzers und vvA allem Hebbels erweitert. Nun ist aber recht wohl bekannt, daß der Kaiser ein Verehrer Hebbels ist, und wenn auch die Initiative vielleicht nicht von ihm, sondern von Grube ausgegangjen ist, gehalten hat doch er zweifellos den großen Dichter, der ein Liebling des Berliner Premierenpublikums ja allerdings schwer lverden kamt. Ueberhaupt erhält doch wohl das Königliche Schauspielhaus allein das Drama hohen Stils in Berlin aufrecht; das berühmte „Deutsche Theater" ist von seiner ur- sprünglichen Aufgabe schmählich abgefallen, das „Berliner Theater" ist nie recht ernst zu nehmen gewesen/ und das vielgefeierte volkstümliche Scbillertheater hat ästhetisch auch noch nichts Sonderliches geleistet — oder ist es wirklich eine so große Tat, wenn Direktor Raphael Löwenseld feine berühmten Gäste entweder als Shylock im „Kaufmann v o n V e n e d i g" oder in der „I ü h i n v o n T o l e d o", den beiden klassischen Stücken, die in Berlln obligatorisch sind, auftreten läßt? Das ist nun allerdings richtig, daß die Neuansführungen im Berliner Königlichen Schauspielhause, >ch meine die neuen Stücke, oft unter aller Kanone sind. Aber der Kaiser selbst kann natürlich die dramatische Literatur nicht verfolgen, das können selbst seine Intendanten nicht; vernünftige, unabhängige Dramaturgen sind not. Man wird ja nun sehen, was der neue Intendant Herr von Hülsen in Berlin fertig bringt — seine Wiesbadener Festspiele haben nicht literarische, sondern mehr bühnentechnische Bedeutung. Hoffentlich hält er vor allem das er- wetterte Klassikerrieperroire.
Außer durch die Verleihung des Schillerpreises und durch Beeinflussung seiner Theater kann der Kaiser noch ditrch Begünstigung einzelner Dichter aus die Literaturpflege (Ntcht -Entwickelung) Einfluß gewinnen, aber hier kommen wir nun schon aus das Gebiet, wo jeder das Recht zu jagen hat: Car tell est notre plaisir. Als kaiserlicher Hofpoet hat eine zeitlang Ernst von Wildenbruch gegolten, aber er war es nie, wenn er auch über seine Hohenzollertt- stücke — er ist ja selbst Hohenzoller — manchmal mit dem Kaiser verhandelt haben mag. Das sieht jeder literarische Sachverständige sofort, daß Wildenbruch seine Dramen genau so schreiben würde, wie er sie schreibt, auch wenn er


