Ausgabe 
5.9.1903
 
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das Licht nicht durch die Ritzen der geschlossenen Läden hinausdringe.

Es sind bloß Steine", sagte er tmi seinem finsteren Lächeln zu Paul;es könnten ebenso gut Kugeln sein."

Wie zur Antwort auf diese Worte übertönte der schürfe Knall mehrerer Schüsse daß! ldumpfe Stimmengebrause.

Steinmetz schritt durch das Zimmer auf den Kamin zu, wo Etta mit bleichen Lippen stand. Ihre zitternden Finger umklammerten Nellys Handgelenk, imb sie verbarg sich halb hinter ihrer Cousine. Nelly sah Paul an. Etta hatte Steinmetz' Blick offenbar verstanden.

Ich bat Sie vorhin, mir alles zu erzählen, was Sie wissen", sagte er.Sie weigerten sich. Werden Sie es jetzt tun?"

Etta begegnete einen Moment seinem Blick, zuckte die Achselri und wandte ihm den Rücken zu. Auch Paul kehrte ihnen den Rücken, während er allein in der offenen Tür stand. Ter glänzend erleuchtete, prachtvolle, leere Palast hatte nie so riesenhaft ausgesehen, wie in diesem Augen­blick.

Mitten in dem Hagel von Schlägen, die aus das feste Tor fielen, mitten in dem Klirren der Steine gegen die Scheiben konnte der Fürst gellende Flüche und wildes, zerstörungslustiges Gelächter hören. Er wandte sich um und trat wieder ins Zimmer. Sein Gesicht sah grau und schreckenerregend aus.

Sie haben keine Aussicht, gewaltsam einzudringen, denn die unteren Fenster sind verrammelt; sie haben auch keine Leitern, dafür haben Steinmetz und ich gesorgt. Wir haben dies seit mehreren Tagen erwarten"

Er wandte sich zu Steinmetz, als verlange er eine Bestätigung seiner Worte. Der Lärm wuchs, und der Intendant mußte fast schreien, um sich verständlich zu machen.

Wenn wir wollen, können wir sie zurückschlagen; wir können aus den Fenstern auf sie schießen, aber" er hielt inne, zuckte die Achseln und lachtedieser Fürst will nicht auf die Leibeigenen seines Vaters schießen."

Wir müssen euch jetzt allein lassen", fuhr Paul fort. Vor allem müssen wir uns gegen Verrat schützen. Mqg geschehen, was will, wir werden das Haus nicht ver­lassen; wenn das schlimmste kommt, verteidigen wir uns in diesem Zimmer. Aber ihr müßt hier bleiben, bis wir zurückkominen, mag geschehen, was will."

Er verließ, von Steinmetz gefolgt, das Zimmer. (Fortsetzung folgt.)

Der Orgelbauer von Trient.

Von Alfred Bock-(Gießen).

Es war ein milder Spätsommerabend, als ich über die Etschbrücke in Trient der Piazza gründe zuschritt. Vor mir erhob sich in erhabener Pracht das Marmörwunder des herrlichen Doms. Die Nacht breitete ihre dunklen Fittige aus; nur um die grotesken Zacken der Kalk­berge, die wie ein Riesengürtel die Stadt und das liebliche Tal umspannt halten, wob noch ein heller Schimmer. Die Vesperglocken luden zum Gebet, und ich trat in die dämmernde Halle des Doms. Orgelklänge durchbrausten den gewaltigen Bau, es mußte ein Künstler sein, der so meisterlich Manual und Pedal beherrschte. Aus dem Stabat Mater von Pergolese ging er in eine Tokkata über, die seinem leidenschaftlichen, beinah' phantastischen Spiele die vollste Freiheit ließ. In feierlicher Stimmung begab ich mich auf die Orgel, um, wenn es möglich sei, die Be­kanntschaft des vortrefflichen Organisten zu machen. Es währte nicht lange, da stand ich einem kleinen, ünschein- baren Herrn gegenüber, der mein begeistertes Lob be­scheiden zurückwies und mir die prachtvolle Arbeit der Orgel zeigte.Fünfzehn Jahre", sagte er,bin ich als Domorganist hier im Amte, und Sie können sich denken, daß ich allmählich mit meinem Instrument verwachsen bin."Und diese Orgel", setzte er mit leiser, bewegter Stimme hinzu,hat ihre Geschichte."

Wie alles in dem ehrwürdigen Trient."

Der Name Giovanni Scarli ist Ihnen vielleicht in einem Reisehandbuch begegnet?"

Ich kann mich nicht entsinnen."

Giovanni Scarli hieß der Orgelbauer von Trient. Haben Sie noch ein Viertelstündchen übrig, mein Herr?"

Den ganzen Abend für Sie, geschätzter Meister!"

So möchte ich Ihnen etwas von Scarlis Lebens­schicksal erzählen."

Er geleitete mich in das geheimnisvolle Dunkel einer Nische, wo wir unter dem Schutze eines marmornen Heili­gen aus einer Steinbank Platz nahmen, und begann:

Fünfhundert Jahre waren vergangen, seitdem der Grundstein zum Dom von Trient in den Boden gesenkt worden war, endlich um die Mitte des 16. Jahrhunderts strebte das Riesenwerk seiner Vollendung entgegen. Aber noch fehlte die Orgel, die dem Gotteshause die musikalische Weihe gebeu sollte. Da trat vor den Bischof von Trient ein junger Paduaner, der Giovanni Scarli, und erbot sich- in zweier Jahre Frist eine Orgel zu bauen, dergleichen keine Kirche sich rühmen dürfe. Der Bischof, der an dem freimütigen Wesen des jungen Mannes Gefallen sand, gab ihm unter allen Bewerbern den Vorzug, und Gio­vanni machte sich alsbald ans Werk. Fortan war seine Arbeitsstätte von einer neugierigen Menge umlagert, da­zwischen züngelten die Schlangen der Bosheit und des Neides, und nur wenige mochten dem talentvollen Pa­duaner gönnen, daß ihm das kühne Unternehmen gelingen werde. "

Mit ihren Gespielinnen sah auch Margherita, die lieb­reizende Tochter des Pvdestä*) von Trient häufig der Hantierung des wackeren Scarli zu. Und der kleine Gott mit den nimmer fehlenden Geschossen fügte es, daß die jungen Leute in heftiger Leidenschaft zu einander ent­brannten. Margherita trug das Geheimnis ihrer Liebe mit stiller Sorge im Herzen, denn ihr Vater, ein stolzer Patrizier, hätte nimmermehr in die Verbindung seiner einzigen Tochter nrit dem armen Orgelbauer gewilligt. Dieser aber war von Mut und Zuversicht beseelt.Der wahre Künstler", tröstete er die Zaghafte,darf ohne Bangen neben dem Edelmann schreiten, denn die Kunst adelt, die sich ihrem Dienst geweiht. Wenn erst mein Name, wie mir schon an der Wiege geweissagt ward, durch ganz Italien fliegt, werden sich mir wie mit einem Zauber­stabe die Pforten eures Hauses öffnen."

Es war um das Jahr 1563. Die Stadt Trient rüstete sich, die geistlichen Würdenträger aus aller Herren Länder zum Konzil zu empsangen, als Giovanni Scarli festlich gekleidet im bischöflichen Palaste erschien, und freudig ausries:Eminenza, die Orgel ist vollendet, erlaubt, daß ich sie in Eurer Gegenwart spiele!" Und alles Volk strömte zusammen, die neue Orgel zu hören. Es war aber, als wenn die heilige Cäcilia selbst durch den Dom schwebte, so wundersam berückend war der Strom der Töne, der durch das Schiss der Kirche quoll. Andächtig lag die Menge auf den Knien, und das Gefühl einer heiligen, gottgeweih­ten Stunde lebte in jeder Brust. Der Bischof beschiel) Giovanni Scarli zu sich und sprach:Du hast als red­licher Künstler gehalten, was Du versprochen hast. Ich will Dich auszeichnen vor all meinen Trabanten und will Dich fürstlich belohnen. Aber eins mußt Du mir in dieser Stunde geloben: Deine Hand, wie geschickt sie auch sei, darf fürderhin zum Bau einer Orgel sich nicht mehr rühren, denn mich gelüstet der Einzige zu sein, der solches Kunst­werk sein eigen nennt." .

Herr", erwiderte Giovanni erblassend,ich lebe frei tote der Vogel, der in den Stiften schwebt, und niemand und wäre es der Heilige Vater selbst darf sich vermessen, mir mein Kunstgewerbe zu verbieten. Gebt mir den be­dungenen Lohn und laßt mich meiner Wege ziehen."

Dem Bischof schwoll die Zornesader aus der Stirne. Er winkte den Podesta heran.Bringt den Scarli in Gewahrsckm, ich gebe ihm drei Tage Bedenkzeit. Hat er sich dann nicht zu anderer Sinnesart bekehrt, so laßt ihn in Eisen legen."

Und die Schergen des Podesta ergriffen den unglück­lichen Giovanni und schleppten ibn in ein dunkles Ver­ließ. Als diese Vergewaltigung des jungen Orgelbauers ruchbar wurde, ging ein Schrei der Entrüstung durch das Volk von Trient. Scarlis Kerker aber wurde scharf bewacht, denn man glaubte nicht anders, die erregte Menge werde den Versuch machen, den Gefangenen zu befreien. Uinsonst, daß einsichtsvolle Männer den Bischof um Gnade für Scarli flehten, umsonst, daß die verzweifelte Margherita sich ihrem Vater zu Füßen warf Giovanni blieb m Ketten.

*) Bürgermeister.