Ausgabe 
5.9.1903
 
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nicht. Im Gegenteil, ich half ihm. Ich erzählte ihm von den Bauern, nannte ihm die schlimmsten darunter, jene, die von den Anarchisten beeinflußt sind und nicht ar­beiten wollen. Ich erlaubte ihm, hierzubleiben und fernen Plan auszuführen, Paul, der ganze Aufruhr unter den Bauern ist sein Werk. Er hat eine regelrechte Empörung gegen Sie angezettelt. Er versteht seine Sache gut. Gestern reiste er ab, aber ich bin überzeugt, daß er sich noch immer in der Nachbarschaft aufhält."

Sie brach ab und sann nach. In ihrer Geschichte fehlte etwas, das sie nicht ergänzen konnte: das Motiv.

Ich weiß nicht, warum ich es tat- Es war eine Art Krisis, die ich durchmachte. Ich kann es nicht erklären. Das ist das Geständnis."

Er brach in ein leises Lachen aus.

Wenn keiner von uns etwas Aergeres auf dem Ge­wissen hätte, würde es in der Welt nicht allzu schlimm stehen", antwortete er.Chauxville hat nur eine Krisis beschleunigt, die von der Vorsehung bereits vorbereitet war. Ter Fortschritt der Menschheit läßt sich nicht auf­halten. Worin besteht die Bitte, die Sie stellen wollen?"

Sie müssen Osterno verlassen", sagte sie ernsthaft.

Selbst die Verzögerung von ein paar Stunden bedeutet Gefahr. Herr von Chauxville sagte, daß keine Gefahr vorhanden sei, und damals glaubte ich ihm, aber jetzt tue ich es nicht mehr. Außerdem kenne ich die Bauern; sie sind schwer aufzurütteln, aber wenn sie einmal erregt sind, kann man sie nicht beherrschen. Sie fürchten sich vor nichts. Sie müssen noch heute nacht fort."

Paul antwortete nicht.

Sie drehte sich langsam auf ihrem Sitze um und schaute ihm beim Lichte des abnehmenden Mondes ins Gesicht.

Sie werden hier bleiben?"

Er erwiderte ihren Blick mit seinem ernsten Lächeln.

Von Fortgehen ist keine Rede", antwortete er.Das müssen Sie doch wissen."

Sie machte keinen Versuch, ihn zu überreden, vielleicht lag etwas in seiner Stimme, was sie als Russin verstand, ein Klang von dem, was wir sonst Starrköpfigkeit nennen.

O, es muß herrlich sein, ein Mann zu sein", sagte sie plötzlich mit lauter Stimme.Etwas ein Gefühl bewog mich, diese Bitte z,u tun, und dabei empfand ich doch eine gewisse Freudigkeit bei dem Gedanken, daß Sie die Bitte sicher abschlagen würden. Ich wollte, ich wäre ein Wann. ' Ich beneide Sie, Paul, Sie wissen gar nicht, wie ich Sie beneide."

Paul lachte ruhig.

Wenn Sie Gefahr suchen, so werden Sie in der nächsten Woche mehr davon haben, als ich", antwortete er.Steinmetz und ich wissen, daß Sie das einzige Weib in Rußland sind, das' Ihren Vater sicher über die Grenze bringen kann. Darum kam ich. Sie zu holen."

Das Mädchen antwortete nicht gleich. Sie fuhren jetzt wieder aus der Landstraße, und der Schütten glitt geräusch- los dahin.

Was ist das für ein Licht?" fragte sie plötzlich, indem sie ihre Hand auf seinen dicken Pelzärmel legte. Sie war nicht nervös, aber sehr aufmerksam.Das Licht dort, gerade vor uns."

Es ist der Schlitten mit Ihrem Vater und Stein­metz", antwortete Paul.Ich sagte ihnen, sie sollten beim Kreuzweg auf uns warten; denn Sie müssen noch vor Tagesanbruch an der Wolga sein. Schicken Sie die Pferde nach Twer weiter. Ich habe IhnenMinna" undBlitz" gegeben; sie brauchen nur eine Stunde auszuruhen, aber Sie müssen selbst kutschieren."

Katharina sank plötzlich gegen die Stange des Schutz­leders; das war seltsam, denn die Strecke war ganz eben.

Sie legte ihre behandschuhte Hand aus die Stange und richtete sich! mit sichtlicher Anstrengung empor.

Was haben Sie?" fragte Paul, denn sie hatte einen unartikulierten Laut ausgestoßen.

Nichts", antwortete sie.Ich wußte nur nicht, daß es so bald geschehen müßte; aber es macht nichts."

40. Kapitel.

Det Sturm bricht los.

Ter große Salon war hell erleuchtet.

Abermals hatte sich ein trauriger Tag feinem End« genähert. Es war am Dienstag abend, der letzte Dienstag im März. Der Starost hatte sich den ganzen Tag über in der Nähe des Schlosses nicht blicken lassen, und Stein­metz war mit Paul seit dem Frühstück stets bei den Damen gewesen, da sie sich nicht vors -Tor wagten. In! der Atmosphäre lag etwas Unheimliches, die Stille vor eilt ct

Etta war den ganzen Tag über in gefährlicher Stim­mung, trotzig und schweigsam. Nelly beobachtete Paul mit ihren stillen, gelassenen, 'mutigen Augen, denn sie wußte jetzt, daß Gefahr war.

Steinmetz, immer gefaßt und humorvoll, unterhielt das, Gespräch während des ersten und zweiten Frühstiicks. Jetzt rückte die Tinerzeit heran, und das ganze Schloß wurde glänzend erleuchtet, als erwarte man einen Schwarm

von Gästen. , ,

Nelly war allein im Salon, stutzte einen Arm aus den Kaminsims und blickte nachdenklich ins Feuer

Das Rauschen von Seide bewog sie, den Kops um- zuwenden, und sie erblickte Etta in herrlicher Toilette, mit totenblassem Gesicht und vor Angst starren Angen.

Ich finde es heute abend wärmer", sagte Nelly, von einem plötzlichen Sprechbedürfnis ergriffen, aber ein eisiger Frost packte ihr Herz.

Ja", antwortete Etta und schauerte zusammen.

Einen Augenblick herrschte eine Pause, und Etta sah aus die Uhr. Es war zehn Minuten vor sieben.

Traußen wehte ein heftiger Wind, der erste jener Aeauinoctialstürme, die den Frühling verkünden. Tas Brausen des Windes im großen Schornsteine glich dem! Aechzen des Takelwerkes auf hoher See.

Tie Tür tat sich aus und Steinmetz trat herein. Ms Ettas Gesicht erschien ein bitterer Ausdruck, ihre Lippen schlossen sich mit einem Ruck. , rr,

Steinmetz sah sie und Nelly an; diesmal^ schien W

keinen Scherz bereit zn halten. Er ging aus den Tisch z: auf dem einige Bücher und Zeitungen in künstlerischer Un­ordnung lagen, und stand noch dort, als Paul ms Zemmer trat. Der Fürst blickte auf Nellys er sah, wo seine Frau stand, warf aber keinen Blick auf sie.

Steinmetz schrieb mit Bleistift etwas auf einen halben Briefbogen und schob ihn über den Tisch hinweg

5ßaU1,/Sitti) Sie bewaffnet?" stand auf dem Bogen.

Paul zerdrückte das Papier in der hohlen Hand und warf es ins Feuer, wo es rasch aufslammte. Dann bückte er ebenfalls ans die Uhr. Füns Minuten vor sieben.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und ein Be­dienter stürzte bleich, verwirrt, außer sich vor Entsetzen herein. Es war ein riesiger Lakai in der prunkvollen Livree des Fürsten Alexis.

Durchlaucht", stammelte er,das schloß ist um­ringt, sie werden uns umbringen, sie werden uns ver-

Er hielt bestürzt inne, denn Paul deutete mit einem Mm--", M. «. »«-

8e,fuS?i* offene Dir, auf die P«l deutete, lugten die aschbleichen Gesichter der anderen, gleich schasen zu- ,Stoffen9«e Me3iS5;. «ied-rh-lt- Paul, «* der Mann gehorchte wortlos. Er schritt unsicher, mit zitternden Lippen auf die Tür zu, auf der schwelle blieb, er aber noch einmal stehen. . _

Paul deutete noch immer mit stolz zuruckgeworseuem Kopfe auf die Tür, es war ein plötzliches Erwachen des Blutes, das durch die Adern erblicher Fürsten ge- ^^o'NellY^sah ihn an; so hatte sie ihn nochs Nie gesehen. Sie kannte den Menschen; dem Fürsten war sie noch Nie begegnet. .

Die große Schloßuhr schlug die Stunde, und tn dem­selben Augenblick erhob sich ein betäubender Lärm. Auf allen Seiten klirrten Fensterscheiben, aber schon hatte SteE metz die Vorhänge dichter vor die Fenster gezogen, damit