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1903. — Nr. 132
Samstag den 5. September.
(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
„Aber es geschieht doch- zu unserem Glück, nicht wahr, Paul? Ich weiß es, nur deshalb haben Sie es getan. Ich hatte bisher noch keine Zeit, zu überlegen, was ich tue, oder was geschehen wird, aber wenn es Ihr Wunsch ist, so will ich mit dem zufrieden sein, was geschieht."
„Es war nicht mein Wünscht, antwortete Paul, dem ihr sehnsüchtiger Ton nicht gefiel. „Die Umstände haben es so gefügt, die Umstände, die uns seit kurzem alle beherrschen. Es scheint, daß wir keine Zeit haben, nachzudenken, sondern nur das tun, was für den Augenblick das beste erscheint."
„Sie halten es also für das beste, daß ich mit meinem Vater nach Amerika gehe?"
Ihre Stimme klang ruhig und gelassen. In dem trüben Lichte konnte er ihre weißen Lippen nicht sehen, aber er sah auch nicht hin.
„Mir scheint es so", sagte er. „Soweit wir vorläufig voraussehen können, steht wohl fest, daß Sie Ihren Vater vor Sibirien retten. Sie kennen ihn, er denkt nie an seine eigene Sicherheit. Er hätte nickt hierherkommen dürfen. Wenn er in Rußland bleibt, so ist mit Gewißheit zu erwarten, daß er früher oder später wieder verhaftet wird. Er ist einer von den guten Leuten, die vor sich selbst gerettet werden müssen."
Katharina nickte. Manchmal ist die Pflicht der Anker des Glücks, und das Mädchen war sich dunkel bewußt, daß es sich daran anklammerte. Außerdem war sie so einfach und unverdorben, daß sie Pauls Meinung für unfehlbar hielt. Wenn wir an den großen Kreuzwegen des Lebens stehen, sind wir geneigt, jeden, der sich zufällig in der Nähe befindet, um den Weg zu fragen. Und Katharina hätte sich keinen schlimmeren Ratgeber wählen können; denn Paul war wenigstens ehrlich.
„Ihrer Ansicht nach ist es also meine Pflicht", sagte sre. ,,-oarin liegt eine Art Trost, wie schmerzlich es mir auch vorläufig sein mag. Ich glaube, es tröstet einen, ~e!Ln rn.uut Aurücksieht und bedenkt, daß man auf jeden Fall ferne Pslrcht getan hat."
„Ich weiß nicht, aber ich kann es mir denken", antwortete Paul einfach.
... der Vater allein hinübergegangen
ä r • £9 o • Ate' ltn? ihrer Stimme klang'ein sehr menschliches Zrttern der Hoffnung.
it^aube ich nicht", antwortete Paul gelassen. „Uebrrgens können, Sre ihn ja fragen."
Oie waren einander nie so fern gewesen wie in
-rato^ kalte, oberflächliche Bekannte; und doch hatten sre als Kinder miteinander gespielt-
„Wenn es so steht, ist meine Pflicht mir klar", sagt« das Mädchen.
„Es bedurfte einiger Ueberreduna, um seine Ein-, willigung zu erlangen, selbst als er horte, daß Sie mit-, gehen würden."
Der unebene Weg unterbrach vorläufig jedes weitere Gespräch. Der Schlitten sprang und kollerte von eineink gefallenen Baumstamm zum anderen. Paul streckte die Fiiße aus und saß fest int Schlitten, indem er die müden Pferde mit den Zügeln und der Stimme anfeuerte.
Katharina war genötigt, sich mit beiden Händen tut der Stange des Schutzleders zu halten; denn das Schutz- leder eines russischen Schlittens ist ein schweres Lederstück, das an einer hölzernen Stange befestigt ist.
„Sie glauben also, daß meine Pflicht mir deutlich vorgeschrieben ist?" wiederholte das Mädchen endlich
Paul antwortete nicht sogleich
„Ich bin davon überzeugt", sagte er.
Damit hatte die Sache ein Ende: Katharina Lano«- witsch, die sich nie von jemand beherrschen ließ, formte, ohne eine weitere Frage zu stellen, ihr ganzes Leben nach der Meinung dieses Mannes.
Eine Zeitlang schwiegen sie, dann brach das Mädchxn die Stille.
„Ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen und eins Bitte zu tun", sagte sie ohne Umschweife.
Pauls Haltung verriet Aufmerksamkeit, aber er antwortete nicht.
„Es ^handelt sich um den Baron Chanxville", sagte sie.
„Ich bin feige, — ich habe das früher nicht gewußt", fuhr sie fort. „Es demütigt mich. Seit einigen Wochen bereits bemühe ich mich, Ihnen etwas zu sagen, aber ich schrecke davor zurück. Ich fürchte mich, daß Sie mich verachten werden. Ich war ein Närrin, vielleicht noch etwas Aergeres. Ich hatte keine Ahnung, daß Claude von Chaux- ville das ist, was er ist. Ich ließ ihn Dinge erraten, drei er nie hätte erfahren dürfen, — ich meine, über meine eigenen, privaten Angelegenheiten. Dann fing ich an, mich zu ängstigen, und er versuchte, mich auszunützen. Ich glaube,' er nützt jeden aus. Sie wissen wohl, was für ein Mensch er ist."
„Ja, das weiß ich", antwortete Paul.
„Er haßt Sie", fuhr sie fort. „Ich will damit nichts Böses sagen, er — ich glaube, er wollte die Fürstin heiraten. Seine Eitelkeit wurde verletzt, weil sie Sie vorzog, und er wollte sich an Ihnen rächen. Wunden, die der Eitelkeit geschlagen iverden, heilen nie. Paul, ich weiß nicht, wie es kam, aber er zwang mich, ihm bei seinen Plänen zu helfen. Ich hätte Sie hindern können, auf die Bärenjagd zu gehen, denn sein Benehmen kam mir schon damals verdächtig vor; ich hätte meine Mutter hindern können, ihn nach Thors einzuladen, ich hätte ihm tausend Schwierigkeiten in den Weg legen können, aber ich tat eS


