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„Oho! Ich habe jetzt die unumstößliche Gewißheit erlangt, daß Rest so zu mir paßt wie keine andre. Und die ,Taugenichts'-Briefe beweisen, daß sie ein prächtig natürliches Geschöpf ist ohne falsche Sentimentalität. Basta. Willst Du noch Mum Dry spendieren?" .
Kurt Unruh wehrte schwach ab.
„Ich muß mich erst sammeln, Fred. Mir läuft ein Mühlrad im Kopf 'rum."
„Mir liefen vorhin drei Mühräder 'rum. Wenn Dein Gehirnapparat wieder in geregelter Tätigkeit ist, sag's."
„Die Rest — die ,Viola' — der ,Taugenichts' — jetzt fehlt nur noch, daß sie nicht meine Cousine ist, sondern meine Schwester", stöhnte der Assessor verzweifelt. „Das ist ja bodenlos."
„Ergo müssen wir einen Boden finden. Wir beide glauben, durch diese vermaledeite Briefgeschichte so quasi ein Anrecht auf sie zu haben. Wir beide wollen morgen mehr oder minder feierlich unfern Antrag Vorbringen. Und wir beide sind bis jetzt schon kräftig blamiert und werden morgen fürchterlich blamiert sein. Stimmt das?"
(Fortsetzung folgt.)
Das Kleislerbuch.
Texte, Kompositionen und Bilder von E. T. A. Hoffmann. Zusammengestellt von Hans v. Müller. Im Insel-Berlage, Leipzig 1903.
Hans v. Müller ist ein Enthusiast und Kritiker zugleich — also ganz gewiß ein merkwürdiger Mensch oder wie man int Deutschen gern sagt, ein Original. Leidenschaftlicher Bibliophile und Sammler, hat er sich besonders auf E. T. A. Hoffmann geworfen (man darf bei Sammlern den vehementen Ausdruck schon gebrauchen), — auch hierin seinem Meister Eduard Grimbach neigungsverwandt. Gleich diesem ist er Literarhistoriker, nicht so sehr von Fach als aus Liebhaberei, aber man braucht deshalb nicht gleich schlimm von ihm zu denken als von einem Dilettanten der Literaturgelehrsamkeit, sondern es ist ihm gegenüber vielmehr erlaubt, in der Eigenschaft des Liebhabers eine angenehme Nuance des Gelehrten zu begrüßen. E. T. A. Hoffmann ist ihm mehr als ein Thema, ist ihm ein Gegenstand der Verehrung, aber das hindert nicht, daß er in ihm und seinem ganzen Umkreise so gründlich Bescheid weiß, wie nur irgend ein fachmäßiger Spezialist im Gebiete seiner „wissenschaftlichen Lebensaufgabe". Aber es interessiert ihn an seinem Dichter doch vornehmlich der Mensch. Er studiert ihn in erster Linie als außerordentliches menschliches Phänomen und nicht etwa um der Toktorfrage willen, wie die Gesamtheit seiner künstlerischen Leistungen int Verhältnis zu denen anderer Dichter zu bewerten und wie innerhalb dieser Gesamtheit das Einzelne „festzustellen", das heißt mit Zensuren zu bedenken sei. Er vertieft sich in das Leben E. T. A. Hoffmanns, weil das, was von diesem Leben Kunst geworden ist, seine Werke, ihm eine menschliche Sonderart verraten hat, die feiner eigenen in einem wesentlichen Sinne ähnlich ist.
Tas sind nicht die Gründe, die einen bloßen Gelehrten veranlassen, sich mit einem Dichter zu beschäftigen. Es sind sehr viel tiefere, bessere Gründe, weil sie elementarer sind. Tie Liebe des Menschen ist mehr inert als das Interesse des Gelehrten.
Doch die Liebe allein tut's sreilich auch nicht. Einmal: sie kann blind fein. Tas schadet ihrer Wärme allerdings nicht und beeinträchtigt nicht im entferntesten das Wohlgefühl des Verliebten. Aber wenn der seine Stimme erhebt, vom Gegenstände feiner Liebe zu reden, so werden die Hörer alle Ursache haben, mißtrauisch zu sein, denn er wird mehr schwärmen, als exakt schildern. Und bann: sie kann ihrem Gegenstände nicht gewachsen, kann unter if)m sein, wobei es sich sogar begeben mag, daß sie an ihm nicht das Wesentliche, Bedeutende sieht, versteht, liebt, sondern vielleicht gerade irgend etwas Beiläufiges, verhältnismäßig Wertloses. Auch diese Art Liebe hat für den Entbrannten alle möglichen Wonnen, aber ihr ist es noch weniger gegeben, ihren Gegenstand so darzustellchi, daß wir ihn, und damit sie, vollkommen begreifen können. Wir müssen also von einem literarischen Liebhaber verlangen, daß er sich bei aller Hingebung Klarheit des Blickes bewahre und Qualitäten des Geschmackes besitze, die ihil befähigen und bestimmen, gerade das Eigentliche seines Objektes zu lieben.
Tas ist nicht wenig von einem Verliebten verlangt. Tenn ein bischen blind, sozusagen, ist jede Liebe, und nichts ist so geeignet, auf Geschmacksabwege zu locken als Verliebtheit. Gerade das itenfiü verliebte Eingehen auf Schönheiten führt gern dahin, just im Mangelhaften das Reizendste zu finden.
Von Hans v. Müller ist nur mit Rühmen zu vermelden, daß er wirklich auf feiner Hut ist. Er ist verliebt, aber mit vielem ästhetischen Gewissen. Seine Hosfmaun- Schwärmerei besitzt Kritik. Zwar ist ihm jedes Schnitzel- chen von Ernst Theodor Amadeus so lieb, wie einem jungen Studenten ein Bändchen vom Putze der Geliebten, aber in der Beurteilung des ganzen verehrten Komplexes macht er doch Unterschiede wie ein Doktorand, der Akribie zu bewähren hat. Er liebt mit Kritik — und das muß bei Einem, der zur Gelehrsamkeit gehört, freilich verständig geheißen werden. Doch führt ihn nun die Kritik leider auf nicht minder böse Abwege, als es die der kritiklosen Siebe sind. Aus Furcht, zu zärtlich zu erscheinen, wird er grausam. Aus Liebe zum Menschen. Hoffmann wird er am Künstler Hoffmann zum Vandalen. So hat er in seinem „Kreislerbuch", von einem furor biographicns besessen, das heißt nur bedacht, alles auf die Biographie Kreisler-Hoffmaurs Bezügliche, unbeeinträchtigt durch jede andere Zutat, jtcb.. - einander zu stellen, sich zu der ästhetischen Metzgerei hin- reißen lassen, unseren lieben „Kater Murr" zu vivisezieren. Er hält das sreilich für eine Art restitutio in integrum. Aber der „Kater Murr" ist kein von fremden Zutaten verunstaltetes Kunstwerk, das man erst säubern muß. E. T. A. Hoffmann hat ihn, so wunderlich er auch gestaltet ist, eben in seiner wunderlichen Gestalt doch als" lebendigejn künstlerischen Organismus erzeugt. Er ist kein .Flickwerk, wenn es sich auch, aus ironischer und anderer Laune, so gibt, sondern ein wohlproportionierter Körper voll der lebendigsten künstlerischen Beziehungen aller Glieder zueinander. Da schält man nicht einfach das Knochengestell heraus und wirft alles übrige zum Anatomiekehricht. Daß dafür allerhand andere schöne und int'ereffante Tinge quod Kreisler fein säuberlich daneben aufgestellt werden, entschädigt nicht für das Mißvergnügen, das man über die Raterschindnng empfinden muß, wenn man 'auch nur ein bißchen Empfindung für ein lebendiges Kunstwerk hat. Auch die glänzende, den ganzen Geschmack Hans v. Müllers bewährende Ausstattung, die diese Perversität erfahren hat, vermag dieses Urteil nicht umzustoßen, und noch weniger kann dies durch die kaltblütige Berichterstattung über alle Einzelheiten der grausamen Arbeit geschehen, die sich im „Nachbericht" findet.
Erfreulich ist diese Publikation also nicht, aber es darf nicht verschwiegen werden, daß sie sehr interessant ist. Zumal auch durch die Bilderbeigaben, besonders, aber durch verschiedene Mitteilungen in der Einleitung und durch die sehr persönliche und geistvolle Art, wie Hans V. Müller diese macht. Tie ausführliche Hoffmann-Biographie, die wir von ihm zu erwarten haben, wird, das läßt sich aus dieser Einleitung mit Gewißheit entnehmen, nicht bloß interessant, sondern auch erfreulich sein.
O. I. Bierbaum (in der „Zeit").
Neber den Kuß und seine Stellung 'm Volksglauben schreibt Prof. Theodor Siebs, der bekannte Germanist und Sprachforscher der Breslauer Hochschule, in den „Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde":
Sicherlich ist der Kuß häufig genug, daß er eine liebevolle Behandlung verdient; aber ist er nicht vielleicht allzu häufig selbstverständlich, als daß ihm die vergleichende Volkskunde noch etwas abgewinnen könnte? Tie Bewegungen des Menschen, z. B. das Gehen oder Laufen, betrachte» wir doch nicht volkskundlich, sondern höchstens physiologisch; und s o könnte man den Kuß als eine Kontraktion der Lippenmuskeln oder im laut-phisiologischeu Sinne als „bilabialen Reibeilaut mit Inspiration" bezeichnen und von aller physiologischen Betrachtung absehen, da das Küssen eine dem Menschen angeborene Tätigkeit zu sein scheint. Anders deutet ein rechter Sprachvergleicher das so „gut schmeckende, angenehm tönende Geräusch". Er sagt:
„Tie Lippen, Mädchen, wollst Du längen
Und reichen mir dies Ansatzrohr;
Alsdann soll brechen aus dem engen Ein explosiver Schall bervor.


