Ausgabe 
5.6.1903
 
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vergleichen. Und nachdem ich Dir das gesagt habe, sind wir für heut fertig. Adieu, Fred, und bessre Dich!"

Halt ich geb' das Spiel noch nicht verloren. Wenn die Sache mit meinem Verliebt- und Verlobtsein nun auch nicht stimmt?"

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

Wenn!" Achselzuckend sah sie znr Seite.Uebri- gens muß ich jetzt wirklich fort."

Di: wirst aber so lange Zeit haben, daß ich Dir versichern kann: ivas Du von meiner Liebe glaubst, ist tatsächlich nicht wahr. Wie es jetzt herauskommt, haben wir uns beide angeschwindelt."

Ein Zittern, das sie nicht verbergen konnte, lief durch ihren Körper.

Alles, was Du mir erzählt hast?" fragte sic müh­sam und nahm alle Kraft zusammen, um ihm ihre Er­regung nicht zu zeigen.

Alles, das heißt: alles war falsch und alles richtig. Ich kannte die Dame nicht. Ich war verliebt in den «Taugenichts'."

Fred!"

Das Blut schoß ihr zu Kopf.

Ja, Resi, und nun laß mich mal ein ernstes Wörtchen reden Sieh mal"

Nein, nein, nein!" protestierte sie.Laß mich jetzt gehn, Fred, ich bitte Dich."

Aber ich will doch alles noch ausklären!"

Morgen", sprach sie fast flehend,es muß doch nicht gerade auf der Straße sein. Adieu!"

Und ehe er noch etwas erwidern konnte, hatte sie sich gewandt.

Gr sah ihr lächelnd und mit leuchtenden Augen nach. Da ging sie hin, das herrliche Mädel! Der ,Taugenichts', der sein Herz so ins Dilemma gebracht in ein Di­lemma, das nun gar keins war!

Eine stürmische Freude überkam ihn. Wie ein Schul­junge sprang er hoch, riß ein Matt vom nächsten Kastanien- vaum und zerpflückte es.

Freu Dich, Sänftling", sagte er dabei, als stünde jein Vetter neben ihm,den Sekt bezahl' ich heut abend."

8. Kapitel.

In der alten Weinstube an der Lützowstraße saß man in kleinen Nischen, in denen man ganz herrlich ungestört war. Damen betraten das Lokal selten. An den soliden Tischen tranken meist ältere Herren ihr Glas Wein, vor­nehmlich höhere Militärs und Berwaltungsbeamte, die mit außerordentlicher Pünktlichkeit kamen und gingen.

Fred Richter und Kurt Unruh hatten das halb ver­steckte Lokal bei einer Streife entdeckt und waren öfter und und öfter wiedergekoinmen. Der Wirt kannte sie bereits und empfing auch heute den jungen Arzt mit einer halb vertraulichen Verbeugung. Er bestellte sich eine gute Flasche und während er das erste Glas einschänkte und wohlgefällig das Licht durch den grünen Römer scheinen ließ, dachte er bei sich:Eh' Kurt ankommt, ist noch eine Stunde Zeit. Da kann ich Generalmusterung halten zmd den Kriegsplan für morgen entwerfen.

Er nahni ein Schlücklein auf die Zunge.

Lieber Himmel, ein Kriegsplan war eigentlich über­flüssig. Sv klar und rein und golden sah die Zukunft ihn an wie dieser Wein. Da hatten sich die Fäden gar merkwürdig verschlungen. Resi liebte keinen andern und Resi war der ,Taugenichts': O, daß der Narr dieses Mädel nicht früher schon erkannt hatte! Nun, es war noch nicht zu spät.

Morgen wollte er zum Konsul, wollte ihm sagen: Lieber Onkel, ich hab' ein Heiratsgesuch in die Zeitnng gesetzt. Resi hat sich darauf gemeldet, also hab ein Ein- sehen und gib mir das Mädel! Dann kam der zweite Teil: er mußte mit Resi sprechen. Er brauchte ihr nur zu sagen, daß dieses Dilemma, in dem er sich befunden, nun so wunderbar beseitigt sei, daß die beiden, zwischen denen er geschwankt, sich als ein und dieselbe Person entpuppt hätten, und daß er hiemit diese eine frage, ob sie den ganz gewissenlosen Menschen ein bißchen lieb haben könne, und heiraten wolle.

Vielleicht war seine erste Empfindung doch die rechte, vielleicht hatte sie ihn lieb.

Und wenn sie nein sagte?

Auch dann brauchte man die Flinte noch nicht ins Kvrn zu werfen, konnte man diese Liebe zu erringen versuchen.

Die Hauptsache ivar, daß noch kein anderer ihr Herz er- üllte und besaß.

Auf die Braut! dachte er in geheimem Jubel und leerte sein Glas. Herr des Himmels, was wird nur der Sänftling sagen!"

Es war noch nicht sieben Uhr, als der Sänftling zur Tür hereintrat.

Mensch, wo kommst Du denn jetzt schon her? Hat sie Dir abgeschrieben?"

Kurt Unruh antwortete nicht darauf. Er sagte nur langsam:Ich glaube. Du kannst mir gratulieren. Den Sekt, lieber Freund, geb' ich heute."

Du auch? Alle Achtung, Mensch, da kommen wir aber heut vollgeladen heim! Geht übrigens nicht. Muß

morgen Antrag machen."

Jesus, Du gehst schneidig vor. Uebrigens: bei mir entscheidet sich die Sache morgen auch."

Mit ,Viola'? Schieß los, erzähl'. Ist sie hübsch?"

O ja .

Reich?"

Danke, es geht."

Und die Familie?"

Sehr ehrenwert. Vielleicht kennst Du den Namen: Bergmann."

Bergmann ?"

Kürt Unruh lächelte.Ja, lieber Fred, es ist zwar insofern etwas blamabel, als ich selbst nichts gemerkt hab', aber meine ,Viola' ist keine andere als Resi Bergmann. Damit ist unser letzter Streit entschieden. Jetzt wirst Du selbst nicht mehr daran zweifeln können, daß sie tatsächlich die tief empfindende Idealistin ist. Um halb Sieben brachte mir ein Dienstmann dieses Briefpaket, das, genau geordnet, meine Briefe an ,Viola' enthält. Dazu folgendes Schreiben . . . Aber was ist Dir denn?"

Gar nichts. Lies!"

Na also: Lieber Vetter! Es ist mir nun doch un­möglich, um sieben Uhr in der Tiergartenstraße zu sein, und Du wirst die Veilchen umsonst gekauft haben. Verzeih, den Scherz, den ich mir machte. Deine ,Viola' war i ch. Jetzt verwandle ich mich wieder in die Resi und sende Der die ,Viola'-Briefe zurück. Wenn Dir mich sehen und sprechen willst, können wir das bei uns bequemer haben, dllso komm morgen oder übermorgen 'ran, dann wrll rch Drr jede gewünschte Aufklärung geben. Folgt der übliche Gruß. He, was sagst Du?" ,

Fred Richter sagte nichts. Er schüttelte nur den Kopf.

Natürlich", fuhr Kurt Unruh fort,geh' ich morgen hin. Erstens möcht' ich wissen, woher die Resi von der ganzen Sache weiß, und dann werd' ich mrch mit ihr ver-

Natürlich, wirst Du Dich verloben", sagte Fred Richter.

Aber Mensch, was fehlt Dir denn? Du siehst wahr- haitm aar nicht glücklich aus. Ich geb's ja zu, ich hab ein ganz unverschämtes Schwein. Aber als gute Freunde

Sänftling!" schrie der junge Arzt plötzlich und schlug die Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.Wer haben uns beide ganz unsterblich blamiert. Das ist das einzige, was mal ganz feststeht."

Das brauchst Du eigentlich nicht durch's ganze Lokal zu schrei'n, Fred. Sieh mal, wie sie alle 'rübergucken. Und die Blamage laß ich mir gefallen. Denn. nnn hab' ich die unumstößliche Gewißheit, daß Resi mir seelisch, näher steht als jede andre, und daß ich eine Fran krieg', die Verständnis für alles hat, was mich bewegt. Ach Mensch, dafür ist mir Mum Dry nicht zu gut lassen wir eine Flasche Sekt stellen."

Einen Augenblick? Weißt Du, wer der ,Tauge­nichts' ist?"

Schweigen. ,

Resi Bergmann vielleicht kennst Du das Fräulein?

Unmöglich. Mach keine faulen Witze!"

Mein Wort, Sänftling. Um Fünf kam sie mir mit der Gardenie entgegen."

Er trommelte auf den Tisch.

Siehst Du, vorhin war ich starr. Jetzt bist Dn's. Weißt Du, was ich morgen tue?"

Der Assessor atmete krampfhaft.

Morgen vormittag geh' ich zum Konsul und bitt ihn um Rests Hand."

Das wirst Du nicht tun!"