Ausgabe 
4.9.1903
 
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Vermischte».

Tas Anspr echen auf der Straße. In den Spalten großstädtischer Blätter finden wir seit einiger Zeit Erörterung eines Kulturphänomens, das wohl jedem Kenner der Großstadt als deren nicht eben erfreuliche Eigen­heit bekannt ist: das Ansprechen von Frauen und Mädchen auf der Straße. Tas Thema ist klassisch; Faust hat sich für unsere Literatur als nicht unfruchtbar erwiesen. Uebel genug stände es zwar großstädtischen Rowdies an, ihre Frechheiten mit diesem klassischen Beispiel zu entschuldigen. Wir wollen andererseits auch nicht die Fahne allzu strengen Sittenrichtertums ausziehen und gern zugeben, daß manche Bekanntschaften, die auf der Straße gemacht sind, sehr glücklich und zum dauernden Heil für beide Teile geendet haben mögen. Wer zudem im ftöhlichen Köln oder in München oder in Mainz einmal den Karneval mitgemacht hat, der würde sich als ein Erznarr vorkommen, wenn er ein hübsches Gesicht, das sich ihm in den Weg stellt, nicht anredete, ebenso wie der Besucher des Herbstmarktes in Bremen. Schließlich ist man doch immer allein, sagt der griesgrämigste Philosoph des verflossenen Jahrhunderts. Uns hält der,Gott zusammen, der uns hierher gebracht!" singt Goethe in den geselligen Liedern. Zwischen diesen beiden Lebensanschauungen kann man ja wählen. In dem aber, was jene Zeitungsstimmen rügten, liegt ein Zeit­symptom für die Entwicklung des modernen Straßenlebens überhaupt. Noch spielt in Deutschland die Straße be­sonders für unser Kunstleben nicht die seltsame, unfaßbare und doch so gewaltige Rolle, die jeder bemerkt, der auch nur acht Tage in Paris war. Noch ist die Straße nicht wie dort, zugleich ein Salon, ein Museum) ein Markt, eine offene Schaubühne, wo das ganze Pariöte des Lebens in tausend

Paul ergriff die Zügel und nahm seinen Platz neben ihr ein. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis die Fell­decke in die Höhe gezogen und mit Riemen befestigt worden war, dann knallte Paul mit der Peitsche, und die Pferde griffen aus.

Als sie die Allee hinunterjagten, wandte sich Katha­rina um und warf einen letzten Blick auf Thors.

Kurz darauf bog Paul in den weglosen Wald ein. Er war sehr achtsam gefahren, indem er sich hauptsächlich nach Mond und Sternen richtete und zeitweise eine Biegung des gewundenen Stromes benützte. Von Zeit zu Zeit fuhr er über das Eis, indem er ein paar Meilen lang dem Lauf des Stromes folgte. Bisher hatte es nicht geschneit; es war als'v leicht, auf seiner früheren Spür zurückzukehren. Durch diesen Teil des Waldes führte keine Straße.

Beinahe eine halbe Stunde lang fuhren sie schweigend dahin; nur das Knirschen des eisenbeschlagenen Schlittens aus dem pulverisierten Schnee, das Knarren des sich er­wärmenden Leders, das regelmäßige Atmen des Gespanns unterbrach die Stille des Waldes.

Paul zwang sich zu der Hoffnung, daß Katharina schliefe. Sie saß neben ihm, ihr Arm berührte seinen Aermel, und fo oft der Schlitten über einen gefallenen Baum oder sonst eine Ungleichheit des Bodens stolperte, fiel sie mit ihrem ganzen Gewichte gegen ihn.

Er konnte nicht umhin, sich zu fragen, was für Ge­danken sich wohl hinter ihrem Schweigen verbärgen. Stein­metz' gutmütige Neckereien waren ihm während der letzten Tage wieder in Erinnerung gekommen und zeigten sich in einem ganz neuen Lichte.

Paul", sagte das Mädchen neben ihm ganz plötzlich.

Sie brach damit die Stille des großen Waldes, in dem sie beinahe Seite gn Sette zum Leben und zum Schmerz des Lebens herang-ewachsen waren.

Ja, Katarina."

Ich möchte wissen, wie es gekommen ist, Mein Pater tat es nicht aus eigenem Antrieb, es ist so rasche praktisch und klug, daß es mich eher an Sie und Herrn Steinmetz denken läßt. Ihr berde. Sie und er, habt dies wohl für unser Glück getan?"

Nein, es war ein bloßer Zufall", antwortete Paul. Ihr Vater hörte in Kiew, daß es schlimm bei uns steht, und Sie kennen ihn ja. Er ist immer impulsiv und ungestüm, denkt nie an die Gefahr. Er kam, um uns zu helfen."

Katharina lächelte Matt.

(Fortsetzung folgt.)

glitzernden, wirren, bunten Bildern vorüb erziehn, bestaunt, belächelt, kritisiert, bis in die verborgensten Falten unter­sucht und ausgebeutet wird. Diese Straße, tote sie sich in Paris entwickelt hat, macht rücksichtslos; sie macht auch schamlos, weil sie selbst alles fast ohne Hüllen läßt. Noch bewahren wir uns in Deutschland der Straße gegenüber etwas von der Philosophie des Anstands, die der Deutsche als Gentleman in sich trägt. Wo es anders geworden ist, da treten jene bedauerlichen Erscheinungen zutage, die . in dem professionellen Ansprechen von Damen, in der hartnäckigen Belästigung derselben bestehen, durch Leute, die sich auch durch eine kurze, knappe Zurückweisung nicht in ihre Schranken bannen lassen, weil diese galanten Ritter wie man höflicherweise fagt mit Sicherheit darauf rechnen, daß eine es fast immer scheut, den Schutz­mann zu Hülfe zu rufen. Und tote es mit der Hülfe des Schutzmannes in solchen Fällen ist, davon hat man Beispiele. Glücklicherweise ist die moderne Frau energisch geworden; sie ist kein Gänschen mehr wie meistens noch vor zwanzig Jahren. Sje wird sich auch hierbei fast immer selbst helfen, und von den großen deutschen Städten, die uns bekannt sind, glauben wir, daß es fast immer mit Erfolg geschieht. Uebrigens gibt es Städte z. B. München, Dresden, in denen man noch niemals von einem öffentlichen Protest gehört hat. Die Damen scheinen sich also da doch irgendwie mit der Sache abgesunden zu haben. Etwas anders liegt es mit der Reichshausttstadt, die darin eine Sonderstellung einnimmt, auf die sie keineswegs stolz zu sein braucht. In Berlin allein kann man von einer wirklichen Plage für alleingehende Damen sprechen, die sich besonders auf be­stimmte Straßen bezieht. Daß die Friedrichstraße in ihrem nördlichen Teil von der Leipziger Straße noch heute zwischen 9 und 11 Uhr abends für junge DaMen der besseren Klassen so gut tote unpassierbar ist, ist eine Sache, die man nur in Berlin vielleicht äbleugnen ton. Viele Damen, die aus der Provinz nach Berlin zum Besuch kommen, vermeiden den Theaterbesuch, wenn sie allein vom Theater nach Hause gehen müssen. Das sind keine Zustände, mit denen das auf seine Kultur so stolze Spreeathen prunken kann. Es handelt sich hier auch keineswegs um Zudringliche aus den unteren Klaffen. In Berlin findet darin eine wahrhafte Verschmelzung aller Stände statt. Nun, wird man als Ent­schuldigung einwenden, Berlin ist eine junge Weltstadt, die Rüpeleien der Flogeljahre sind unvermeidlich. Die Jugend ist aber nicht immer eine Entschuldigung. Besonders nicht da, wo so gern die Töne mannhaften Selbstbewußtseins er­klingen.

* Ueber neue Erfindungen für das Thea­ter lesen wir in derAllg. Ztg.": Im Prinzregenten- Theater in München herrscht eitel Freude. Der Ingenieur des Hoftheaters, Jülius Klein, glaubt das Problem des fließenden Wassers" auf der Bühne glücklich gelöst zu haben. Die Darstellung der atmosphärischen Er- scheinungen kann für die heutige Theatertechnik so ziemlich als überwunden gelten; man donnert, blitzt, stürmt und wettert auf der Bühne, daß die Wände des Theaters in Erschütterung komtnen. Nur die Nachahmung desfließen­den Wassers" war bis jetzt nicht gelungen, zum Schmerz -so vieler Dichter und Dichterkomponisten, die bisher statt des prächtig in Wellen fließenden Wassers mit bemalter Leinwand oder dünnen Blechplatten, die über Walzen ge­rollt wurden, sich begnügen mußten. Jetzt hat Herr Julius Klein glücklich eine bessere Lösung gefunden. Es ist eine Kombination von Zinkstreifen, in die die Wellen ein­graviert find. Die Vorrichtung wird über dieEffekt-, maschine" gewalzt, und mit eigenartig durchbrochenem elek­trischem Apparat beleuchtet. Diese Erfindung, die bei den Rheingold"-Aufführungen im Prmz-Regententheater, und zwar in jener Szene, in der die Rheintöchter in den Fluten schwimmen, zuerst in Anwendung kommt, hat auf der Probe sich ausgezeichnet bewährt. Auch mit einer weiteren Erfindung, die sich in der Münchener Neueinrichtung der Zauberflöte" vorzüglich bewährte und geräuschlose Zwischenakte von sehr kurzer Dauer ermöglichte, werden jetzt überall Proben gemacht. Diese geräuschlosen, raschen Zwischenakte, selbst bei den schwierigsten Verwandlungen, lassen sich nur erzielen durch den Einbau der Dekora­tionen auf einer Drehbühne von möglichst großem Durch­messer mit hydraulischem oder elektrischem Antrieb. Durch neue Kombinationen hat nämlich nunmehr der unermüb* I liehe pensionierte Münchener .Hoftheatermaschinendirektor