Ausgabe 
4.9.1903
 
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hilflosen Bauern mit einer ebenso großen, aber tausend- , mal weniger praktischen Liebe wie Paul.

Mittlerweile dachte der Fürst nach.

Höre, Stephan, es sieht Tir ähnlich, daß Du gerade tn dieser Zeit zu uns kommst. Ich erkenne Deinen Edel­mut an, denn sowohl Steinmetz wie ich verstehen die Gefahr, der Tu Dich aussetzest, indem Du in diese Gegend zurückkommst. Aber wir können es nicht dulden, nein, widersprich nicht, es ist ganz außer Frage; wir könnten den Aufruhr vielleicht unterdrücken, wir beide zusammen, . aber was würde dann geschehen? Man würde Dich nach Sibirien zurückschicken, und ich müßte Dich wahrschein­lich begleiten, weil ich einem entsprungenen Sträfling Aufnahme gewährt habe."

Das Gesicht des impulsiven Menschenfreundes nahm einen rührend traurigen Ausdruck an. Paul machte sich die Lage rasch zunutze.

Du kannst Deine Energie in anderer Weife anwenden", fnhr er fort.Dich erwarten noch ganz andere Arbeiten."

Das breite Gesicht des Greises leuchtete auf, seine gutmütigen Augen strahlten. Seine Arbeitsfähigkeit und Energie hatten ihn zuletzt in den Schuhmacherladen in Tomsk geführt. ,

Es hat der Vorsehung gefallen, jedem von uns ferne eigenen Sorgen zu geben", fuhr Paul fort, der fromme Phrasen nicht liebte.Mit meinen, Stephan, muß ich selbst fertig werden, und Deine kann niemand tragen, als Tu allein. Du kommst zu rechter Zeit, Du ahnsst garnicht was Dein Kommen für Katharina bedeutet."

Katharina!"

Die schwachen, blauen Augen schauten in das starke Gesicht des anderen, vermochten aber dort nichts zn lesen.

Ich weiß nicht, ob Du recht daran tust, Katharina noch ferner für das wenige Gute zu opfern, das Du zu tun vermagst", sagte Paul.Du bist in Deinem Werke derart gehemmt, daß das Resultat sehr gering ist, während die Leiden, die Du Deiner Tochter bereitest, ungeheuer groß lind."

Ist das wahr, Pawel? Ist meiu Kind unglücklich?"

Ich fürchte es", antwortete Paul ernst.Sie hat mit ihrer Mntter nicht viel gemein, das wirst Du verstehen."

/,Ja, ja."

Du hast bereits genug gekämpft", fuhr Paul fort. Tu hast den Arm für das Land erhoben, hast die Saat gesäet, aber die Ernte ist noch nicht reis. Jetzt ist es Zeit, an Deine eigene Sicherheit, an das Glück Deines einzigen Kindes zu denken."

Stephan Lanowitsch wandte sich um und ließ sich schwer auf einen Stuhl nieder. Er legte beide Arme auf den Tisch und das Kinn auf feine gewaltigen Wüste.

Warum willst Du nicht das Land verlassen, wenigstens für ein paar Jahre?" fuhr Paul fort.Du kannst Katha­rina mitnehmen und sicherst damit ihr Glück, das auf jeden Fall etwas Greifbares, eine sofortige Ernte ist. Ich werde sofort nach Thors hinüberfahren und sie hierher bringen. Ihr könnt noch heute nacht die Reise nach Amerika 'antreten."

Stephan Lanowitsch hob den Kopf und schaute Paul fest ins Gesicht.

Ist das Dein Wunsch?!"

Ich glaube, es ist für Katharinas Glück notwendig", antwortete Paul ruhig.

Da stand Lanowitsch auf und ergriff mit seinen ab­gearbeiteten Fingern Pauls Hand.

Geh, mein Sohn, ich werde hier warten. Es wird ein großes Glück für mich sein", sagte er.

Paul ging sofort zur Tür; Steinmetz folgte ihm aus den Gang hinaus und ergriff ihn beim Arm.

Sie können das nicht tun", sagte er.

Doch, ich kann's", sagte Paul.Ich werde meinen Weg durch den Wald schon finden. Niemand wird wagen, mir im Dunkeln zu folgen."

Steinmetz zögerte, zuckte die Achseln und ging ins Zimmer zurück.

Die Damen in Thors hatten sich eben zum Diner angekleidet, als Paul erschien. Er nahin sich nicht die Zett, den Pelz abzulegen, sondern ging direkt in das lange, niedrige Zimmer, indem er unterwegs mühsam die Pelz­handschuhe auszog; denn es fror so stark, wie es nur im März frieren kann.

Tie Gräfin belagerte ihn mit vielen mehr oder weniger

vernünftigen Fragen, die er geduldig ertrug, bis der Diener das Zimmer verlassen hatte.

Katharina blickte ihn mit geröteten Wangen an, sprach jedoch kein Wort.

Paul zog die Handschuhe aus und ergab sich barem, daß die Gräfin fortwährend vergeblich an seinem Pelzrock zupfte, um ihn zum Ablegen zu bewegen.

Baron Chauxville hat uns verlassen", sagte Katha­rina plötzlich, ohne eigentlich zu wissen, warum.

Paul hatte die Existenz des Barons im Augenblick ganz vergessen. , ,

Ich habe Ihnen eine Nachricht mitzuterlen", sagte er, indem er die schwatzende Gräfin sanft beiseite nahm. Lanowitsch ist in Osterno, er kam heute abend."

O, der Arme, haben sie ihn endlich freigelassen! Trägt er Ketten, hat er lange Haare? Mein armer Stephan! Ach, wie dumm er war!"

Und die Gräfin sank erschöpft in den weichen Lehn­stuhl, man konnte nicht sagen, daß sie die Nachricht mit ungemischter Freude aufnahm.

So lange er in Sibirien war, wußte man wenrg- stens, wo er sich befand, aber jetzt mon Treu! was für Sorgen wird das wieder geben."

Ich wollte Sie fragen, ob Sie heute nacht mit ihm die Reise nach Amerika antreten wollen?" fragte Paul indem er sie ansah. rii r m r .. .

Nach Amerika, heute nacht! Lieber Paul, S,e find verrückt! Das ist ja unmöglich. Amerika! Das ist ja überm Meer."

Ja", antwortete Paul. .

Ich kann die Seefahrt nicht vertragen, ja, wenn es Paris wäre" , ~.

Tas ist nicht möglich', fiel Paul em.Wollen Sie sich Ihrem Vater anschließen?" fügte er hinzu, mdem er sich zu Katharina wandte.

Das Mädchen sah ihn mit einem Ausdruck in den Augen an, den er meiden wollte.

Um mit ihm nach Amerika zu gehen?" fragte fie mit klangloser Stimme.

Paul nickte. Katharina wandte sich plötzlich von ihm ab und schritt an den Kamin. Tie kleine, plumpe Gestalt in dem schwarzgrünen Kleide kehrte ihm den Rucken zu, KSViMA Ä A stssms

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als die Gräfin sie jammernd unterbrach. . -

Was, Du willst heute nacht fort, ohne jedes Gepäck? Mas"wird aus mir werden?" .

Sie können ihnen nach Amerika nachfahren , meinte Paul in seinem ruhigen Tone.Oder Sie können auch in Ihrem geliebten Paris leben, endlich

39. Kapitel.

Pflicht.

Die Nacht war nicht sehr kalt, flockige Wölkchen hingen wie Rauch am westlichen Himmel, und der abnehmende Mond eine kleine, auf dem Rucken liegende Sieget senkte sich zum Horizont. Das Thermometer war seit Sonnenuntergang gestiegen, wie es im Marz häufig ge­schieht; in der Luft lag etwas wie Frühlingsnahen. Eo war als ginge der lange Winter endlich seinem Ende zu, als 'löste sich die eiserne Faust des Frostes.

Paul ging in den Hof nnd untersuchte das Zaum­zeug beim Lichte der Stalllaterne, die em Knecht hielt. Er hatte seine Gründe, zu verschwinden, wahrend Katharina von der Mutter Abschied nahm. Er fürchtete sich vor den ^^Nachdem er mit dem Untersuchen des Zaumzeuges fertig war, begann er zu berechnen, wie viel Stunden Mondschein ihm noch blieben. Der Stallknecht, der die Richtung seines Blickes sah, begann vom Wetter zu sprechen und meinte, daß es wohl bald schsneien würde. Sie, unter­hielten sich in gedämpftem Ton, als plötzlich die Tur auf­ging, und Katharina, gefolgt von einem Diener, der eine kleine Handtasche trug, rasch herauskam.

Paul konnte Katharinas Gesicht nicht sehen, denn fie war bis an die Augenlider in Schleier und P^äe ükhuut. Wortlos nahm das Mädchen feinen Sitz im Schlitten ein, und der Diener ordnete die Bärenfelldecke.