Frau Rochford ärgerte sich gewaltig, als Armee ihr des Abends in aller Kürze ihren Entschluß mitteilte.
„tlnd Ihre Heirat?" rief sie aus.
„Ist aufgegeben", versetzte Aimee mit kaum vernehmbarer Stimme.
„Und so gedenken Sie bei den Kindern dieser Leute Gouvernannte zu sein? Das ist etwas ganz anderes, als eines derselben hier zn haben. Ich glaube kaum, daß Fräulein Osborne Ihr Borhaben billigen würde. Die Hendersons sind nichts anderes, als reiche Geschäftsleute, ohne jede feinere Bildung."
„Sie sind gut", antwortete Aimee, „darum nehme ich dankbar ihr Anerbieten an. Fräulein Osborne wird mich nicht tadeln, wenn sie hört, warum ich es getan habe.
Der letzte Brief ihrer guten alten Freundin lag noch immer unbeantwortet da — Aimee hatte stets gehofft, ihr gute Nachrichten mitteilen zu können. Sie fühlte, daß sie mit ihrer Antwort jetzt nicht länger zögern dürfte. Und doch konnte sie es nicht über sich gewinnen, von dem Treubruche zu schreiben, der ihr fast das Herz gebrochen hatte. Dazu würde ja später immer noch Zeit sein.
Sie raffte all ihre Kräfte zusammen, um die verlangte Antwort, um Richard seine Freiheit zu geben. Aber an ihn selbst schrieb sie, nicht an seine Schwester, und ihr Briefchen enthielt nur zwei kurze Zeilen. Allein Bände hätten den Schmerz nicht ausdriicken können, den diese einschlvssen.
Müde von der durchwachten Nacht, in trostloser Stimmung, erhob sie sich am nächsten Morgen und hörte, daß in vieruudzwanzig Stunden die Reise beginnen sollte.
Ihre wenigen Habseligkeiten waren bald zu Frau Merle gebracht, die diese in gute Obhut zu nehmen versprach. Als Aimee zuletzt noch mit eigener Hand die beiden kleinen Bilder, die letzten Werke ihres Vaters dahintrug, fuhr ein Wagen an ihr vorüber, dessen Insassen ihr aus dem Fenster fröhliche Grüße zuwinkten. Es waren die Elliots, die in bester Stimmung von ihrer Schweizer Reise zurückkehrten.
„Besuchen Sie uns bald!" rief Herr Elliot, aber Aimee verneigte sich mit verstörter Miene, daß er sofort erriet, es müsse etwas nicht tn Ordnung sein.
„Fräulein Forest sieht ganz verändert aus", sagte er zu seiner Frau. „Du mußt Dir morgen Zeit nehmen und sie auffuchen."
Aber als Frau Elliot am Abend des nächsten Tages im Marienhause vorsprach, hörte sie nur, daß Frau Roch- ford nicht zu Hause und Fräulein Forest für immer weggegangen sei.
10. Kapitel.
Unsere Freunde in Bridgeham befanden sich unterdessen alle in recht' unbehaglicher Stimmung.
Nach Absendung ihres verhängnisvollen Briefes fühlte Frau Wilson doch einige Gewissensbisse, sich so ohne Weiteres in die intimsten Angelegenheiten ihres Bruders eingemischt zu haben, und in der Tiefe ihres Herzens zitterte sie vor den Folgen ihrer raschen Tat. Ohne daß sie dieselbe gerade ungeschehen wünschte, erhoffte sie inbrünstig eine Antwort von jener jungen Person, die ihren Schritt hinreichend rechtfertigen würde.
Der gute Doktor beunruhigte sich über die auffallend langsame Besserung seines Patienten und über störende Fieberanfälle, die nach seiner Ansicht bei einem so kräftigen und mäßigen Manne, wie Richard, nicht hätten Vorkommen dürfen. Aber das Fieber war einmal da und hatte zur unmittelbaren Folge, daß von dem Kranken noch strenger jeder Besuch fern gehalten werden mußte; selbst der ehrliche Harris hatte keinen Zutritt mehr.
Auch Ellinor siihlte sich mit jeder Stunde mehr bedrückt. Ihrer aufrichtigen Natur widerstrebte es, das Geheimnis von ihrer Mutter Herkunft zu verschweigen; und doch war sie Abgeschlossen von jenem, den sie am liebsten zuerst in ihr Vertrauen gezogen hätte. Ein wiederholter Besuch in der Hütte ihrer alten Großmutter steigerte ihre Erregung und die Qual ihrer Unentschlossenheit zu solchem Grade, daß sie klar empfand, sie müßte frei heraussprechen, um endlich ihre Gemütsruhe wieder zu finben.
In dieser Verfassung nahm sie au einem heißen Augusttage ihr Frühmahl sehr zeitig ein, tadelte alles, was ihr vorgesetzt wurde, und schalt die Dienstboten der Reihe nach aus, als Sicherheitsventil für ihre aufbrausende Laune. Dann schlenderte sie langsam den Garten entlang bis -um Wasser, sprang mit einem plötzlichen Entschluss« in
ein Boot, durchschritt die breite Fläche der Wasserlilien, und ruderte rasch nach der Villa hinüber.
„Da kommt Fräulein Graham", sagte der Doktor, der auf dem Nasenplatze stand und sich vergeblich bemühte, seine Frau für die Einzelnheiten eines Zeisignestes zu interessieren. — „Ich fürchte, sie wird Deinen Bruder zu sprechen wünschen; aber dies tarnt ich absolut nicht zugeben. Ich gehe jetzt gleich mit Jarris hinaus, um den Verband zu erneuern; ich wünschte, wir könnten den Arm kühler halten. Wenn Fräulein Elliuor etwas Geschäftliches zu besorgen hat, so bitte sie, zu warten, bis ich herunter komme. Wir wollen sehen, ob ich ihr nicht gerade so lieb bin, wie Richard."
” Bei dieser wunderbar naiven Rede konnte Frau Wilson ein überlegenes Lächeln nicht unterdrücken-. Die wichtige Angelegenheit war ja ohnehin so weit gediehen, daß man den Doktor nicht länger im Dtmkeln zu halten brauchte.
„Du ihr gerade so lieb wie Richard?" wiederholte sie lächelnd. „O Du liebes, altes, kurzsichtiges Geschöpf, wirst Du denn nie aussindig machen, warum Fräulein Graham so sehr besorgt um den „armen Herrn Morgan" ist? O töte schrecklich, schrecklich einfältig Ihr gescheidten Männer doch seid!"
„Pu—uh!" Offenen Mundes stand der Doktor bei dem neuen Lichte, das ihm jetzt ausging. „Dir willst doch nicht sagen", rief er aus, „daß jene Beiden sich in einander verliebt haben? Und ich hatte ja nie eine entfernte Ahnung davon. Wie kam es nur, daß ich garnichts bemerkte ?"
„Weil Dein Geist sich stets mit dem Studium von Vögeln und Reptilien beschäftigt, mein Lieber", entgegnete feine Gattin in gönnerhaftem Don. „Nur wir armen, unwissenden, ungelehrten Leute haben unsere Augen offen, um zu sehen, was um uns her vorgeht."
' „Und bist Du Deiner Sache auch ganz sicher, Jessie?"
„Habe ich mich in solchen Dingen jemals geirrt ?" fragte Frau Wilson etwas streng — und ihr Gatte beeilte sich, sie in diesem Punkte für unfehlbar zu erklären.
„Mer dies ändert ja alles", bemerkte Dr. Wilson mit vergnügtem Schmunzeln. „Ich habe mich förmlich wie ein Tyrann gegen das arme Paar benommen, und mnß meine Behandlung jetzt gründlich ändern. Mir scheint nun, daß ein Plauderstündchen mit Fräulein Ellinor eine beruhigende Wirkung auf meinen Patienten ausüben wird. Gratulieren darf ich ihm wohl noch nicht, aber doch ein wenig auf den Zahn fühlen, nicht wahr?"
„Ganz entschieden nicht", versetzte Frau Wilson, denn sie wußte, wie äußerordentlich deutlich diese Prozedur vermutlich ausfallen würde. „Schweige noch eine kleine Weile; ich glaube nicht, dctß Du lange zu warten haben wirst."
Mit folgsamem Nicken entfernte sich der Doktor in vortrefflichster Laune und überließ es seiner Fran, ihre junge Nachbarin von Westfields zu begrüßen.
Minor's Miene war so umwölkt, daß Frau Dr. Wilson schlimme Nachrichten darin zu lesen glaubte.
„Ist Fräulein Bassett kränker geworden?" fragte sie besorgt, und fühlte sich erleichtert bei ihrer raschen, wenn auch etwas gleichgiltigen Antwort:
'„O nein, danke. Es geht ihr besser, sagt man mir. Frau Dhbell berichtete gestern abend, sie habe ganz vernünftig gesprochen — etwas über den Unfall gefragt, glaube ich." —
„Die Aermste!" sprach Frau Wilson bedauernd. „Robert sagte, sie werde ihr ganzes Leben schrecklich entstellt bleiben. Sie haben die Kranke noch nicht gesehen?"
„Nein", antwortete Ellinor mit einem energischen Köpfschütteln. „Und halten Sre mich nicht für ganz verab- scheuungswürdig, wenn ich sage, ich möchte es überhaupt nicht! Sie hat drei Wärterinnen und drei Aerzte gehabt, und sie hätte die doppelte Zahl haben können, wenn es nötig gewesen wäre, und natürlich bitt ich in einer Art auch ganz froh, daß es ihr besser geht. Aber ich habe nicht das geringfte Verlangen, sie jemals wieder zu sehen oder zu sprechen."
„Wer liebes Fräulein!" — rief Frau Wtlfon ganz entsetzt über diese lieblose Rede.
„Nein, es ist wirklich so, denn —" platzte Elltnov heraus, ergriff ihre Freundin am Arme und zog sie auf eine Gartenbank neben sich nieder — „ich konnte sie me leiden! Ich weiß auch jetzt, ich weiß es fett dem Tage, an dem der Unfall vorkam, warum sie mich so behandelte.


