1903. — Nr. 98 Samstag den 4. Juli.
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(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Englischen von Cla r a Rh ein au.
(Fortsetzung.)
Ta ertönte das Angelusgeläute von St. Gudulas' Türmen. Es klang wie ein dhif an das arme Kind, in den heiligen Hallen des Gotteshauses seine Zuflucht zu suchen; Aimee folgte dem Rufe, kniete in einem der wohlbekannten Kapellchen nieder, vergrub ihr Gesicht in beide Hände und sandte ein stummes Gebet zum Himmel empor, ein Gebet um Kraft und Stärke, diese Bürde zu tragen — sich selbst zu vergessen, wenn cs so sein mußte — ihm, den sie liebte, den Weg zum Glücke frei zu geben.
Sunt Glücke — ohne sie? O, war es so? konnte sie mit diesem Bewußtsein weiter leben? Hatte sie vielleicht in ihren Träumen von irdischem Glück, in ihrem Sehnen danach das höhere Ziel aus dem Auge verloren, den Geber alles Guten durch Undank beleidigt und war dies ihre ihre Strafe dafür?
Aimee stellte eine ernste Selbstprüfung an. Aber sie durfte sich sagen, daß seit ihrer Verlobung mit Richard Morgan kaum ein Tag verging, an dem nicht ein warmes Dankempfinden aus ihrem Herzen emporgestiegen war.
Doch nun war alles vorüber — alle Freude der Vergangenheit, alle Hoffnung für die Zukunft. Sie er- rnnerte sich mit bitterem Schmerze, wie oft Richard davon gesprochen hatte, daß er die Armut fürchte — um ihretwillen ; wie sein letzter Brief so kurz, so zurückhaltend und von den Worten seiner Schwester beleuchtet, so kalt - gewesen,- wie znm erstenmal seit seiner Abreise eine volle Woche vergangen war, ohne ein Lebenszeichen von ihm zu bringen.
In trauriger Reihenfolge drängten sich diese Erinner-- uitgen auf. Aber was allem die Krone aufsetzte, war der Gedanke cm jene andere, die ihren Platz in Richard's Herzen eingenommen hatte, und nur auf ihre Einwilligung wartete, um feine Frau zu werden.
. . ^>hre Schläfen hämmerten, ihre Augen brannten: aber buchte ihrem übervollen Herzen Erleichter- feÄlÄÄtoWS?
'ZHE 6,t 6"Wftm mit lci”' .. . In der letzten Stunde hatte sich alles so sehr ver- worden schien ihr so unwirklich ge-
5^ .förmlich zusammcuschrak, als sie auf den Stufen der Kirche ihren Namen nennen hörte. Ein Entrtnncu war unmöglich, und so erwiderte sie deitn brtC ^bhafte Begrüßung der Amerikaner, die ste am vorhergehenden Abend kennen gelernt hatte.
„Erkannte Sie auf der Stelle", sagte Herr Henderson
herzlich, „und wünschte, Sie wären vorhin bei uns gewesen. Hier könnte man immer einen Dolmetscher brauchen, schon der Trinkgelder wegen, die einem ausgepreßt werden. Jsa- bella's Französisch ist noch sehr wackelig und —"
„Ralph", unterbrach ihn seine bessere Hälfte, „ich glaube, Fräulein Forest ist nicht ganz Wohl, wir wollen sie hier nicht länger aufhalten."
„Keine Sekunde länger", entschuldigte sich Herr Henderson. „Ich hätte es schon selbst bemerkt, wenn ich nicht so im Aerger über die Prellerei dieses Portiers gewesen wäre. Ah, Fräulein Forest, es ist klar, Brüssel bekommt Ihnen nicht gut. Mir scheint, Sie bedürfen einer Luftveränderung, damit Ihre Wangen wieder rosig werden. Ueberlegeu Sie meinen gestrigen Vorschlag noch einmal und schließen Sie sich uns an."
Aimee wußte selbst nicht, !vas sie antrieb, aber ihre Antwort kam augenblicklich: Wenn Sie mich haben wollen u>td ich Ihnen nützlich sein kann, so will ich kommen . .
,,Unb mit dem Zimmermädchen französisch sprechen und' dre Lädetr und Straße,: für uns ausfindig machen!" jubelte Isabella, „v das ist herrlich!"
„Aber können Sie aucq wirklich mit uns reisen, Fräu- lem Forest?" fragte ihre Mutter besorgt. „Sind Sie kräftig genug? Wir gehen nach —"
„Paris, Neapel, Berlin, London", zählte ihr Gatte eifrig auf. „Und dazwischen noch an jeden andern Ort, wo es uns gefällt. Sie reden für die Gesellschaft, und ich zahle für sie, so ist's richtig, nicht wahr? Und wenn wir uns die alte Welt genug angeseheu haben, dann kominen Sre über den Ozean mit uns und briirgen meinen kleinen Krabben gute Manieren bei und lehren sie singen, wie Sie es können, für fünfundzwanzig Dollar den Monat — hm? Frau Rvchford erzählte uns gestern abend Ihre Geschichte, also bedarf es keiner weiteren Erklärung. Sind Sie einverstanden?"
Von tiefstem Weh gefoltert, ohne Heim, ohne Freunde, ohne irgend welche Aussicht, würde Aimee weit unangenehmeren. Vorschlägen zugestimmt haben. Ihr ganzes Sehnen ging dahin, dieser entsetzlichen Gegenwart entrinnen zu können, und so versetzte sie leise: „Ich bin mit allem einverstanden. Aber, Litte, wollen Sie mir sagen lassen, wann Sie meiner bedürfen? Gerade jetzt habe ich entsetzliche Kopfschnterzcn."
„Morgen um diese Zeit werde,: Sie von uns hören", schloß Herr Henderson die Unterredung. „Legen Sie sich zu Hause gleich ein wenig nieder und schlafen Sie sich aus. Das wird Sie wieder in die Höhe bringen, hoffe ich. Und sollte dies nicht der Falt sein" — fügte er zu seiuer Frau bei, als Aimee sich entfernt hatte — „so wird das Reisen nut uns ihr gut tun. Sie hat sich:::it ihren: Liebhaber gezankt, ihm vielleicht den Laufpaß gegeben."
„Oder er ihr", schaltete Frau Henderson ein.
„Dann wäre er der größte Narr", entgegnete ihr Gatte mit großer Bestiinmtheit.


