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herabhing, mit brennend roten, gelben nnd hellroten Rosen auf einem scharlachnen Hintergründe war offenbar das Werk der kunstfertigen Nadel Miß Bvstals. Und diese künstlerische Kraftleistung nahm durch ihren Glanz und ihre Kühnheit Clifford so in Anspruchs daß der Oberst, als er behutsam die Tür öffnete, ihn in der Betrachtung davon überraschte.
Der alte Mann war fast von der Entdeckung erfreut. Er lächelte ein wenig und blickte, indem er die Hand ausstreckte, auf den Schirm.
„Ganz das Werk meiner Tochter! Ganz nur ihr Werk! Es ist wunderbar, wozu dieses Mädchen die Zeit findet."
Die geschickte kleine Dame selbst aber, die ihrem Vater in das Zimmer gefolgt war, war mehr mit der Zeit fortgegangen als er.
Die Leute machen heutzutage dergleichen Arbeit nicht mehr, Papa", zirpte sie mit einem scharfen Blick auf Clifford. „Und wenn sie diese Art Dinge bewundern, geschieht es nur noch aus Hölflichkeit — oder nicht, Mr. King?"
Clifford eilte sich zu verschwören, wenngleich! mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er damit die kleine Dame nicht täuschen konnte.
„Nein, wahrhaftig, ich denke, daß es sehr hübsch ist. Und wundervoll ausgeführt", setzte er mit siegreicher Ueber- zeugung hinzu, da er sich hier auf sicherem Boden fühlte.
„Nun ja, das gebe ich zu", zirpte sie munter weiter, >,es sind keine Berge und Täler zwischen den Stichen."
„Meine Tochter ist ein sehr geschicktes Mädchen, wie sehr sie sich auch immer herabsetzt", sagte der Oberst beharrliche „und ihrem alten Vater eine sehr gute Tochter."
„Und eine treue Freundin nicht minder", sagte Clifford.
-,Jch vermute, Miß Bostal hat Ihnen gesagt, über was wir eben gesprochen haben?"
ließet das Gesicht des alten Mannes ging, als er antwortete, ein Schatten.
„Ja, sie hat mir's gesagt. Ich bin sehr betrübt darüber, sehr betrübt. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll."
„Doch sicher glauben Sie nicht, daß Miß Claris etwas damit zu tun haben kann? Fragen Sie nur Ihre Tochter, was sie davon denkt. Miß Bostal ist ebenso sicher wie ich, daß Nell nichts zu tun damit hat, nicht das Geringste."
Der alte Mann, das Gesicht voller Unruhe, nickte sanft mit dem Kopfe.
„Ich stimme mit meiner Tochter überein", sagte er leise, „voll und ganz überein."
Dem Wesen des alten Obersten fehlte es aber an der warmherzigen Natürlichkeit, die seine Tochter gezeigt Kalte, und Clifford war ihm deshalb gram.
Nach einigen Bemerkungen über andere Gegenstände beurlaubte er sich daher von beiden. Miß Bostal, indem er Abschied nahm, bittend, Nell von seinem unerschütterlichen Glauben an ihre Unschuld zu Überzeugen.
(Fortsetzung folgt.)
Zeugen, die sich nicht verblüffen laffen.
Plauderei von E. Osten.
(Nachdruck verboten.)
Der Wortkampf zwischen dem Richter und den Zeugen, bezw. diesen und den Anwälten ist natürlich meist ein ungleicher, weil unbefangene Personen die juristischen Spitzfindigkeiten und Winkelzüge nicht kennen und daher nicht wissen, woraus das peinliche Kreuzverhör hinausläuft. Aber bisweilen kommt es vor, daß Zeugen, dank ihres Mutterwitzes, den Juristen durchaus überlegen sind. Sie folgen diesen durchaus nicht auf den verschlungenen Wegen des Verhörs, und indem sie erkennen, daß Richter und Anwälte häufig weniger bemüht sind, den Tatbestand zu erfahren, als vielmehr ihre Ansicht von der Sache zur Geltung zu bringen, halten sie sich genau an die nackten Tatsachen, deren nüchterne Darstellung oft den drolligsten Kontrast zu den mit großer Emphase vorgebrachten Aeußer- Ungen der Juristen stehen.
Wer häufiger Gerichtsverhandlungen beigewohnt hat, wird mir bestätigen, daß gar nicht selten ein derartiges komisches Intermezzo, welches nicht nur die Zu
hörer, sondern auch den Gerichtshof erheitert, zu verzeichnen ist. Leider lassen sich manche dieser Szenen nicht in Kürze erzählen, da der komische Effekt nur von denen empfunden wird, welche selbst dem Verlauf der Verhandlung mit Aufmerksamkeit gefolgt sind. Aber einige solcher Szenen sind drastisch genug, um sie in Kürze erzählen zu können.
„Sind Sie jemals bankerott gewesen?" ftagte ein schneidiger Anwalt einen Geschäftsmann aus der Provinz.
„Nein, nie", lautete die in entschiedenem Tone gegebene Antwort.
„Nun seien Sie vorsichtig bei der Beantwortung dieser Frage. Haben Sie jemals die Zahlung eingestellt^
„Ja —"
„Aha", sagte der Anivält mit Genugtuung, „ich dachte doch- daß wir dahin kommen würden. Nun erzählen Sie mal, wann dies geschah."
„Nachdem ich alle Schulden bezahlt hatte", lautete die Antwort, die mit einem Lachstnrm ausgenommen wurde, in welchen auch der Richter selbst mit einstimmte. —
Bei einer anderen Gelegenheit hatte der Richter eine junge Frau über das Alter einer Person examiniert, mit welcher sie gut bekannt zu sein vorgab. Schließlich fragte er sie, um ihre Urteilsfähigkeit zu prüfen: „Nun sagen Sie mir einmal, für wie alt halten Sie mich denn?" Die Zeugin musterte ihren Bedränger einen Augent lick ziem- sich scharf, dann antwortete sie: „Nach Ihrem Aussehen würde ich Sie für sechzig halten, nach Ihren Fragen für sechzehn." — Es ist nrcht sehr wahrscheinlich, daß dieser Fall sich wirklich zugetragen. Daß jedoch Richter bisweilen derartige törichte Fragen stellen, die eine derartige Abfertigung rechtfertigen würden, läßt sich nicht bestreiten.
Vor einem mecklenburgischen Gerichtshof fand ein Verhör statt. Ein Pferd war gestohlen worden, und alle Beweisgründe wiesen auf ein gewisses Individuum zweifel- haften Charakters als den Schuldigen hin. Obgleich seine Schuld klar erwiesen schien, hatte er einen Anwalt gesunden, der seine Verteidigung übernehmen wollte. Bei dem Verhör bot der Verteidiger seinen ganzen Scharfsinn auf, um die Zeugen zu verwirren, besonders einen Land- mann, dessen Aussagen sehr belastend für den Angeklagten waren. Der Verteidiger eröffnete ein Kreuzfeuer von nicht immer geistreichen Fragen und wiederholte dieselben immer von neuem in der Hoffnung, den Zeugen ir Widersprüche zu verwickeln.
„Sie sagen", fuhr der Anwalt fort, „daß Sie schwören können, an dem fraglichen Tage den Angeklagten gesehen zu haben, der ein Pferd an Ihrem Gehöft vorbeitrieb?"
„Jo, dorup kann ick swören", erwiderte der Zeuge verdrossen, denn er hatte dieselbe Frage bereits ein Dutzend- mal beantwortet.
„Wieviel Uhr war es?"
„Ick hew Sei datt all enmol seggt, datt dat so ungfiehr üm de Mitte von den Vörmiddag west is."
„Ihr ,ungefähr' und Mitte' kann mir nichts nützen. Sie sollen den Geschworenen genau die Zeit angeben."
„Na", sagte der biedere Obotrite, „ick hew doch keen golden Klock bi mi, wenn ick Tüften buddeln dauh."
„Aber Sie haben doch eine Uhr im Hause, nicht wahr?"
„Jo!"
„Schön, wie spät war es nach dieser Uhr?"
„Nah dese Klock toter dat grad nägenteihn Minuten nah Teihn."
„Sie waren während des ganzen Morgens auf denr Felde?" fuhr der Verteidiger mit feinem Lächeln fort.
I"
"äßie weit ist dieses Feld von Ihrem Hause entfernt?" „So'n lütt Viertelstunn."
„Sie schwören, daß die Uhr in Ihrem Hause genau 19 Minuten nach 10 war, nicht wahr?"
„Dat beswöre ick."
Der Verteidiger hielt inne und blickte triumphierend auf die Geschworenen. Endlich hatte er den Zeugen doch in einen Widerspruch verwickelt, der seine Aussagen in hohem Maße abschwächen mußte.
„Ich denke, das genügt", sagte er mit einer bedeutungsvollen Handbewegung, „ich bin fertig mit Ihnen."
Der Landmann griff bedächtig nach seinem Hut und erhob sich, um die Zeugenbank zu verlassen. Dann, sich noch einmal umwendend, fügte er nachlässig hinzu:


