(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Wieder glitt über das geistvolle Gesicht des Mädchens jener Ausdruck, der eine unbestimmte, doch furchtbare Erinnerung verriet. Es machte Clifford bestürzt und quälte ihn. Es war der einzige Umstand, der seinen vollkommenen Glauben an sie erschütterte. Tenn es zeigte, was all ihre Worte doch leugneten, daß sie etwas mehr Kenntnis von der Sache hätte, als sie eingestand.
„Und was ließ Sie glauben, daß es meine Hand wäre?" fragte sie verwirrt.
Und unwillkürlich suchte sie ihre Hände, indem sie es sagte, unter den Rand ihres Huts, den sie abgenommen hatte, zu verbergen.
„Nun, die Hand war klein und weich, wie die Ihre", sagte Clifford mit gedämpfter Stimme. „So klein, daß sie fast wie die Hand eines Kindes in meiner lag. Mir schien, daß ich in meinem ganzen Leben nur eine Hand wie diese berührt hätte."
Nell warf einen erschreckten Blick nach ihm hin und während der darauf folgenden Stille sah Clifford eine Träne auf das Tischtuch fallen. Er fuhr empor.
„O das ist furchtbar!" stöhnte er.
Doch auch das Mädchen sprang auf, und sich ihrem Onkel zuwendend, rief sie mit der vollen Kraft ihrer Stimme" „Onkel George, Du mußt Mr. King das Geld, das er verloren hat, geben, wie viel es auch ist. Natürlich —" setzte sie rasch hinzu, indem sie sich mit Augen, die jetzt vor Aufregung glänzten, Clifford zukehrte, „können wir Ihnen Ihre Uhr nicht zurückgeben, aber wir können Ihnen den Wert ersetzen, wenn Sie ihn uns sagen wollen. Den bloßen Geldwert, meine ich, denn natürlich können wir nichts weiter tun.
Doch ehe Clifford gegen diesen Vorschlag, den er nie ins Auge gefaßt hatte, Einspruch erheben konnte, brach der Wirt in einen Strom zorniger Einwände aus.
„Ich ihm fünfundzwanzig Pfund geben? Denn das, sagte er, habe er bei sich gehabt. Und wer wird's ihm glauben? Wer kann's beweisen, sag' ich. Und überdies noch den Wert, den es ihm seiner Uhr zu geben beliebt? Nein, das werde ich nicht tun. Ich glaube, daß es nichts als eine vorgespiegelte Geschichte ist. Mag er die Polizei nur holen. Ich laß es darauf ankommen!"
Und er schlug noch einmal dabei mit der Faust auf den Tisch.
Geiz sowohl, wie Zorn glühte, als er sprach, in des Mannes Augen, der Geiz eines Menschen, der hart für kleinen Gewinn gearbeitet hat. Clifford blickte von der
Samstag -rn 4. April,
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Nichte zum Onkel, und der Argwohn gegen diesen schoß in ihm auf. Nell bewahrte ihre Geistesgegenwart. Sie ging zu dem außer sich, geratenen Manne und legte ihm. schmeichelnd die Hand auf die Schulter.
„Onkel", sagte sie fast flüsternd, „Du erinnerst Dich bod), daß hier schon andere Diebstähle stattfanden."
Ihre Stimme sank, sodaß die letzten Worte kaum noch! vernehmlich waren.
George Claris fuhr heftig auf, und in dem Aufruhr der Wut fuchtelte er mit der Faust durch die Luft. •
„Ich weiß es! Ich weiß es!" knirschte er zwischen den Zähnen. Und ich wollte, ich könnte den Schurken erwischen, der's tat. Doch niemand wagte bis jetzt zu sagen, daß Du oder ich dahinter steckte, Nell. Niemand wagte zuvor zu sagen, daß wir nicht ehrlich wären. „Aber, Herr, ich bin seit fufundzwanziüg Jahren hier ansässig und jedem Manne, jeder Frau, jedem Kind zwischen Stroam und Court- stairs bekannt. Ich — jemandes Uhr oder Börse stehlen, ich oder meine Nichte? 's ist ein Kniff, Mädchen, ein Kniff dieses feinen Londoner Gentleman. Fünfundzwanzig Pfund! Du kannst darauf wetten, 's ist mehr, als er mit Sack und Pack wert ist. Er mag von meinen jüngsten Unfällen gehört haben und ist nun mit dieser abgekarteten Geschichte gekommen, weil er gedacht, es würde mir geratener scheinen, ihin das Geld zu bezahlen, als einen neuen Skandal über mein Haus kommen zu lassen. Aber nein! nein! nein! Ich will lieber Wolle spinnen."
Clifford wurde von kämpfenden Gefühlen zerrissen, als er diese Rede anhörte, die in der Tat die eines Mannes mit gebrochenem Herzen zu sein schien. Er war nicht im stände gewesen, den Strom der Wut dieses armen Mannes zu hemmen, und erst als Claris mit dem Kopf auf den Tisch herabsank, war er fähig, sehr ruhig zu sagen: „Ich habe nie daran gedacht, Ersatz zu verlangen, Mr. Claris. Ich denke auch nicht, es zu tun. Alles, was ich begehre, ist, dieses abscheuliche Rätsel aufzukläreu, mehr in Ihrem Interesse, als meinem. Bin ich kein reicher Mann, doch bin ich auch keiu Bettler, wie Sie ziemlich unfreundlich angedeutet haben. Ich kann den Verlust meiner Uhr uitb meines Geldes ertragen, aber ich kann es nicht über mich gewinnen, Sie und die'arme Miß Nell zu verlassen, ohne mein Bestes zu tun, die Ursache dieser unglücklichen Vorfälle ausfindig zu machen."
Nell sah ihm da wieder mit einen: Lächeln ins Gesicht, vor dem er gern in die Kniee gesunken wäre, um sie wegen ihrer süßen Nachsicht auzubeten. „Dank Ihnen", sagte sie. Dann zu ihrem Onkel gewendet: „Es wird sich schon alles aufklären. Oder", setzte sie eilig hinzu, „wir wollen es wenigstens hoffen. Gehe nur wieder an die Arbeit zurück, Onkel, und ich will sehen, ob ich meine fünf Sinne zusammennehmen und Dir, wenn wir uns Wiedersehen, etwas sagen kann."
Claris ließ sich gern, ihrem Wunsche gemäß, überreden und verschwand gleich nach dem Schenktisch, Als sie dünn


