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stand die große Glasschale mit den zum Sieden gebrachten Chemikalien, und aus dem Boden dieser Schale sah der Gelehrte einen gelblichen, glänzenden „Niederschlag".
„Tas ist doch merkwürdig", sagte sich der Chemiker, „das sieht ja gerade wie Gold aus!"
Und er rief laut:
„Bowert!"
Bowert war der Laboratoriumsgehilfe des Gelehrten, ein verwachsener, schielender, krummbeiniger Mann, für den auf Erden nur ein Mensch existierte: sein Herr, und der nur einen Ort kannte, an dem er hing: das Laboratorium seines Herrn!
Er käni denn auch sofort eilig, pustend ititb Humpelnd herbei.
„Bowert, sieh Dir mal den „Niederschlag" hier in der Schale an."
„Das sieht ja wie Gold aus", sagte Boivert.
„Dann denkst Du dasselbe wie ich und wir wollen der Sache gleich auf den Grund gehen", antwortete der alte Chemiker, „stell' die Reagentien bereit und Paß gut auf! Es handelt sich darum, kein Versehen zu machen."
In fieberhaftem Eifer unterzogen nun der Gelehrte und sein Gehilfe den merkwürdigen fremden Körper den verschiedensten wissenschaftlichen Manipulationen, und ohne bei den ersten Resultaten stehen zu bleiben, machten sie Probe und Gegenprobe; über zwei Stunden arbeiteten die beiden Männer auf diese Art, ohue ein Wort mit einander zu sprechen. Endlich wischte sich Castard die Schweißtropfen von der Stirn und sagte feierlich :
ist Gold!"
Und Wie ein Echo klang Bvwerts Stimme:
„Ja, Meister, es ist Gold!"
„Zum Teufel nicht noch mal! .... Lauf schnell und hol' mir eine Droschke."
Boivert stürzte fort und Castard sammelte inzwischen den, kostbaren metallischen „Niederschlag" in ein kleines Fläschchen, das er sorgfältig verschloß.
Zwei Minuten später fuhr er, so rasch der Gaul traben konnte, dem mineralogischen Institut zu, woselbst er deu Fall mit dem Altmeister aller Chemiker, dem berühmten Part, besprechen wollte.
Tic beiden Gelehrten ivaren auch befreundet, und bisher hatten ihre verschiedenen Forschungen auch dazu beigetragen, diese Freundschaft noch zu befestigen. So begann denn auch die Unterhaltung der Herren auf das allerkordtalste.
„Ich möchte gern wissen, wofür diesen Körper hältst", sagte Castard und reichte Part das Glasfläschchen.
Der besah erst den Inhalt durch das Glas, öffnete dann den Behälter, roch daran, nahm zwischen Daumen und Zeigefinger einige Atome des glänzenden „Niederschlags" und antwortete sofort ohne Zögern:
„Das ist Gold!"
„Gold?"
„Jawohl, und zwar ziemlich in demselben Mischungsverhältnis wie unsere Münzen."
„Das ist merkwürdig!"
„Ja, gewiß! .... und wo stammt das Gold her?"
„Rat einmal, Part . . . ."
„Sag' es nur, CastardIch verstehe mich schlecht aufs Raten."
„Ich habe es aus ganz gewöhnlichem Mei gewonnen, nut dem ich nach der Methode des berühmten Alchimisten Artifikus verfahren bin."
„Tas ist merkwürdig!"
„Und dennoch^ kann ich Dir antworten: „Es ist so!"
„Nun, dann war dem Me: schon Gold beigemischt, lieber Castard."
„Ich bin vom Gegenteil überzeugt, denn ich habe es vorher analysiert."
„Dann ist die Analyse nicht richtig", sagte Part.
, ,,^ch- habe sie wie alle Analysen gemacht und glaube doch rn diesem Fache kein Anfänger zu sein", erwiderte Castard rn scharfem Tone. „Uebrigens", fuhr er fort, „Sie haben 1° selbst gesagt, daß dieser „Niederschlag" Gold ist, weiter wollte ich nichts wissen ..."
„Potz Kuckuck, werden Sie doch nicht gleich böse, lieber Freund", fagte Part. „Wir können uns alle einmal irren. Ich bitte Sie inständig, verrennen Sie sich nicht in diese gefährliche Idee. Sie werden sich doch erinnern, wie oft wir
zusammen über die phantastischen Goldsucher gelacht haben. Ein Mann wie Sie sollte....
Castard hatte während der Worte des Kollegen die Lippen aufeinander gekniffen und ihn unter den zusammengezogenen Brauen böse angesehen. Nun unterbrach er ihn mit den Worten:
„Lieber Herr Kollege, wir wollen das Thema fallen lassen. Ich werde Sie wohl zu meiner Ansicht bekehren, denn morgen schon sollen Sie die Formeln, nach denen Artifikus gearbeitet hat, von mir erhalten. Wenn Sie es aufrichtig mit mir meinen, werden Sie nach den Angaben des Alchimisten dasselbe Experiment wie ich es gemacht habe, ausführen, und da ich Gold als „Niederschlag" gewonnen habe, _ werden Sie es auch gewinnen. Ms dahin wollen wir uns an der Tatsache genügen lassen."
Wenige Minuten später trennten sich die beiden Gelehrten ziemlich kiihl.
Einige Tage vergingen, da erhielt Castard folgendes Briefchen:
„Verehrter Kollege!
Zu meinem lebhaften Bedauern muß ich konstatieren, daß ich Recht hatte. Meine Experimente haben keinen Erfolg gehabt. Wenn Sie die Ihrigen fortgesetzt Haben, werden Sie ja über,die Frage aufgeklärt sein. Lassen Sie diese Chimäre ruhen! Es bittet Sie darum aufrichtigst
Ihr ergebener
Part."
Mit wendender Post antwortete der Chemiker:
„Zu meiner größten Genugtuung haben mir zehn Experimente, die ich nacheinander machte, bewiesen, daß Sie sich irren. Wenn Ihre Untersuchungen kein Resultat gezeitigt haben, so ist das nur ein Beweis dafür, daß Sie sich nicht genau nach meinen Angaben gerichtet haben. Wir werden diese Sache übrigens in der Oeffentlichkeit zum Austrag bringen, denn ich habe die Absicht, bet der nächsten Sitzung der mineralogischen Gesellschaft offiziell unseren Kollegen von dem glücklichen Resultate meiner Forschungen Mitteilung zu machen.
Mit vorzüglicher Hochachtung Castard."
Tie Sitzung der Mineralogischen Gesellschaft war ein Ereignis.
Kaum hatte Castard seinen Grundsatz entwickelt und Proben des von ihm gewonnenen Goldes int Saal zirkulieren lassen, als Part trotz der Bemühungen der ihm zuiiächst Sitzenden mit fast jugendlicher Lebhaftigkeit, obgleich er der Aelteste der Versammlung War, auf die Rednertribüne stürmte. Mit wenigen Sätzen, die scharf wie Keulenschläge hervorgerufen tvurden, wies er die Behauptung des „Goldmachers" zurück, griff die von diesem ausgestellten Theorieir an, bewies, daß seine Experimente falsch seien und daß das Gold — denn Gold war ja allerdings gewonnen — nur durch irgend eine unbekannte Ursache vorhanden sein könne.
Sofort bildeten sich zwei Parteien: „die Castardisten" itnd „die Partisten".
Ein heftiges Wortgefecht entspann sich zwischen den Parteien, und dasselbe schloß mit einem „Ordnungsruf" des Vorgesetzten. Das Resultat der Sitzung bestand darin, daß das von Castard vorgelegte Metall als Gold anerkannt wurde, unter aller Reserve seines Ursprunges und der Art seiner Gewinnung.
Bon ihren respektiveit Anhängern gefolgt, verließen somit beide Gegner ziemlich befriedigt die Sitzung; freilich waren sie von dem Moment an Totfeinde.
Im Grunde war für den Augenblick aber doch Castard der Sieger.
Ein Besuch, deu er gleich am nächsten Tage in aller Frühe erhielt, -lieferte dem Chemiker beit Beweis dafür.
Es ivar einer jener kühnen Flibustier, die immer aus dem „qui vive" sind, wo etwas Neues auftaucht, mit dem die Naiven und Leichtgläubigen angelockt werden können.
Der Herr hieß Terno, und nach den ersten Begrüßungen erklärte er den Zweck feines Besuches, indem er sagte: „Hochverehrter Meister, ich komme mit der Absicht, von Ihnen die Erlaubnis zur Verwertung Ihrer epochemachenden Erfindung zu erbitten. Vertrauen Sie mir Ihr Geheimnis zutn Wohle der Menschheit an. Ich stelle das nötige Kapital zur Verwertung Ihrer Erfindung im „Großbetrieb" und bemerke von vornherein, daß ich über unbeschränkte Mittel verfüge und dieselben mit Freuden für


