Mittwoch den 4. Mär?.
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1903
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(Nachdruck verboten.)
Ein Einbrecher aus Passion.
Von E. W. Hornung.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold.
(Fortsetzung.)
„Hoffentlich haben Sie keine schlechten Nachrichten erhalten?" fragte der Fremde, als ich misch endlich an den Tisch setzte.
„Nur eine kleine Verdrießlichkeit", antwortete ich, und ich versichere Dich, die Worte entfuhren mir, ohne daß ich daran dachte, daß damit der Rubicvn überschritten war, denn nun war die Lüge ausgesprochen, ich hatte Stellung genommen, uui> von dem Augenblick an konnte ich nicht mehr zurück. Ohne mir klar darüber zu sein, was ich tat, hatte ich etwas gesagt, das den Fremden notwendigerweise zu der Schlußfolgerung führen mußte, ich sei W. F. Naffles. Nun gut, dann wollte ich für diese Nacht und in die em Bankgeschäft auch W. F. Raffles sein, und der Teufel sollte mich lehren, von meiner Lüge Gebrauch zu machen."
Wieder führte er das Glas an die Lippen — ich hatte das meine vergessen. In feiner Cigarettendose, die er mir reichte, spiegelte sich die Gasflamme, allein ich schüttelte den Kopf, ohne meine Augen von den seinen abzuwenden.
„Der Teufel ließ nicht lange auf sich warten", fuhr Raffles lachend fort. „Ehe ich den ersten Löffel Suppe gekostet hatte, war ich mit mir im Reinen, was ich tun wollte. Ich! hatte beschlossen, die Bank zu bestehlen, statt zu Bett zu gehen, und vor dem Frühstück wieder in Melbourne zu feüt, wenn des Doktors Stute das leisten konnte. Diesem wollte ich sagen, ich habe mich verirrt, sei stnnden- lang im Busche umhergeritten — was ja auch leicht hätte geschehen können — und habe Jea gar nicht erreicht. In Den dagegen würde der falsche W. F. Raffles und der Bankräuber stets unter der Bande gesucht werden, die dem neuen Geschäftsführer aufgelauert und ihn ermordet hatte, nm den Raub auszuführen. Du erwirbst Dir ja allmählich einige Erfahrung in solchen Dingen, Bunny, und ich frage Dich- konnte es eine bessere Gelegenheit geben? Gestern abend lagen die Verhältmsse ziemliche ähnlich, ohne indessen auch nur annähernd so erfolgversprechend zu fein, und ich war mir von Anfang an über alles so klar — sah das Ende, noch ehe ich. meine Suppe verzehrt hatte .
„Meine Aussichten auf einen glücklichen Ausgang wnr- den noch dadurch vermehrt, daß der Kassierer, der ebenfalls im Bankgebäude wohnte, während der Weihuachts- ferien abwesend war; er hatte eine Spritztour nach Melbourne unternommen, um uns spielen zu sehen. Der Mann, der mein Pferd in den Stall geführt hatte, bediente uns auch bei Tische, denn er und seine Frau waren die einzigen Dienstboten, und sie schliefen in einem Nebengebäude. Daß
ich alles das ermittelt hatte, noch ehe wir mit unserev Mahlzeit zu Ende waren, versteht sich von selbst. In der Tat stellte ich etwas zu viele Fragen (die kitzlichste war diejenige, welche mir auf Umwegen enthüllte, daß meines Tischgefährten Name Ewbank war), und ich war auch nicht vorsichtig genug, ihren Zwe<ck ganz zu verheimlichen.
„Wissen Sie", meinte Freund Ewbank, der zu den offenherzigen Leuten gehörte, „wenn Sie es nicht wären, würde ich! glauben, Sie hätten Angst vor Räubern. Haben Sie Ihren Mut verloren?"
„Das will ich nicht hoffen", antwortete ich ziemlich erschreckt, wie ich Dich versichern kann, „aber — na, es ist nicht ge-rade ein Spaß, einem Menschen eine Kugel durch die Rippen jagen zu müssen."
„Do?" jagte er ruhig. „Für mich wäre das ein HanpG spaß — außerdem ist die ihre nicht ganz durchgegangen."
„Ich! wollte, sie wäre es!" war ich schlau genug, ans- zurnfen.
„Amen!" erwiderte er.
„Dabei leerte ich mein Glas. Ich wußte tatsächlich nichts ob der Einbrecher, aus den der wirkliche W. F. Raffles geschossen hlatte, int Gefängnis saß, tot, ober entkommen war!
„Wer jetzt, wo ich über und über genug davon hatte, kam Ewbank immer aufs neue auf die Geschichte zurück. Er gab zu, daß die Angestellten nur gering an Zahl seien, allein er selbst führe immer einen geladenen Revolver bei sich, bei Nacht unter dem Kopfkissen, bei Tage unter dem Zahltische, und warte nur auf die Gelegenheit, ihn zu gebrauchen.
„Unter dem Zahltisch?" war ich Esel genug, zu fragen.
„Nun, da hatten Sie den Ihren doch auch!"
Bei diesen Worten sah er mich so erstaunt an, daß mir eine innere Stimme zuflüsterte, es würde in Anbetracht der Tat, die mir zugeschrieben wurde, ein verhängnisvoller Fehler sein, wenn ich etwa gesagt hätte; „Natürlich — daran dachte ich im Angenblick nicht." Demnach schielte ich an meiner Nase entlang und schüttelte den Kopf. t
„In den Zeitungen hat's doch so gestanden!" Hcf CI'.
„Nein, nicht unter dem Zahl tische", antwortete ich.
„Das ist aber doch Vorschrift."
Einen Pnlchchlag lang war ich Ivie vor den Kopf geschlagen, allein ich hoffe, ich sah noch verschmitzter aus, als vorher, und ich glaube, ich machte diesem Aussehen Ehre.
„Vorschrift!" sagte ich endlich so geringschätzig, als ich konnte. „Ja, wenn wir die Vorschrift befolgen wollten, wären wir alle schon lange tot. Mein lieber Freund, glauben Sie, ein Einbrecher würde Ihnen Zeit lassen, Ihr Schießeisen von der Stelle zu holen, wo er weiß, daß es liegt? Ich hatte meins in der Tasche und fand Gelegenheit, mich anscheinend mit großem Mderstreben vvm Zahltisch zu entfernen."


