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Tag und Nacht auf der Bühne.

Von Fred Hood.

(Nachdruck verboten.)

Tie naturgetreue Darstellung der verschiedenen Tages­stimmungen gehört zu den schwierigsten Ausgaben der Bühnentechnik. Tann es handelt sich natürlich nicht nur darum, die Vorgänge des Tages in helles Licht, die­jenigen der Nacht in tiefes Dunkel zu tauchen, sondern die feinen Abstufungen schaffen, welche jeder Tageszeit, also dem Stand der Gestrrne, entsprechen. Namentlich die feinen Uebergänge in der Beleuchtung der Szene bei Sonnenaus- und Sonnenuntergang, beim Hervortreten des Bundes aus den Wolken usw. bieten dem Beleuchtungstechniker eine ejwierige, aber auch äußerst interessante Ausgabe. Tie bend- und Tagesbeleuchtung im Freien ist natürlich auch wesentlich verschieden von derjenigen im geschlossenen Raum; und ein herausziehender Sturm oder am Himmel aufleuchtende Blitze werden natürlich Intensität und Fär­bung des Lichtes wesentlich beeinflussen. Tie Beleuchtung zur Frühlingszeit unterscheidet sich wesentlich von der­jenigen des Herbstes, die Tagesstimmung während des Commers verlangt eine ganz andere Beleuchtung, als die­jenige der Winterzeit. Alle diese Tinge muß der Beleuch­tungstechniker der Bühne berücksichtigen, wenn er der Natur nahe kommen, wenn er die Illusion nicht vollkommen ver­nichten will. Tie Beleuchtung muß aber auch in vollkom­mener Uebereinstimmung zu den Tekorationen und in engster Beziehung zur Darstellung stehen. Wenn ein Sänger jubelnd das Tagesgestirn begrüßt, so darf die Szene nicht in ein Halbdunkel gehüllt bleiben, und wenn der Darsteller sich an den guten Mond wendeft so muß dieser auch dem Publikum sichtbar sein. Verschwindet der Mond hinter den Wolken, so muß die Bühne sich in demselben Moment ver­dunkeln, nicht etwa einige Minuten später, wenn der Mond bereits wieder aus den Wolken hervortritt. Derartige Ver­sehen, welche zum Lachen reizen und unter Umständen einen ganzen Theaterabend gefährden können, kommen bisweilen selbst an den größten Bühnen vor.

Won einer natürlichen Darstellung der Tageszeiten auf der Bühne kann überhaupt erst seit Einführung des elek­trischen Lichtes die Rede sein, welches sich als außerordent­lich modulationsfähig erwiesen hat. Tenn um ihren mannig­fachen Aufgaben gerecht zu werden, muß die Beleuchtungs­anlage einer Bühne einen beständigen Wechsel in der Stärke und Färbung des Lichtes wie auch eine beliebige Verteilung und Anordnung der Beleuchtungskörper gestatten. Tie elek­trischen Glühlampen besitzen nun den .Vorzug großer Feuer­sicherheit, sodaß man sie ohne Gefahr selbst an leicht ent­zündlichen Dekorationsstücken anzubringen vermag. Auch lassen sich diese leicht transportablen Lampen, je nach Erfordern, zu größeren oder kleineren Gruppen vereinigen. Endlich gestattet die Elektrizität, die Intensität des Lichtes durch Einschalten von Widerständen gradweise zu verringern, und zwar bei Anschluß jeder Lampengruppe an einen be­sonderen Stromkreis ohne Beeinflussung der anderen Be­leuchtungskörper.

Man bezeichnet die Lampen der Bühnenbeleuchtung, je nach ihrer Anordnung, als Rampen-, Soffiten-, Kulissen-, Versatz- und Effekkbeleuchtung. Man unterscheidet bei der elektrischen Bühnenbeleuchtung, heute ein Einlampen- und ein Bierlampensystem. Beim Einlampenshstem, welches durch Lautenschläger eingeführt wurde, kommen für alle Beleuch­tungskörper nur Lampen mit weißen Glasbirnen zur Ver­wendung, und das Licht wird jedesmal in geeigneter Weise durch Anwendung farbiger Glasschirme gefärbt. Beim Vier­lampensystem, dessen geistiger Urheber Inspektor Brandt vom Königlichen Opernhause in Berlin ist, und welches heute fast an den meisten größeren deutschen und österreichischen Bühnen Anwendung findet, enthält jeder Beleuchtungskörper Glühbirnen in weißer, roter, grüner und gelber Farbe, welche in regelrechter Anordnung wiederkehren. Besteht also z. B. ein Beleuchtungskörper aus 16 Lampen, so sind vier Lampen von jeder Farbenklasse vorhanden, während der kleinste BeleuchtungÄörper je eine Glühbirne der vier Farbenklassen enthalten muß. Manche Bühnen verfügen allerdings nur über ein Treilampensystem; es fehlt dann die minder wichtige gelbe Farbe.

Es käme nun natürlich die absonderlichste Beleuchtung der Szene zustande, wenn dieselbe nicht von einer Zentral­stelle aus bewirkt würde. Ein einziger, mit der Aufgabe

besonders vertrauter Mann muß die ganze Regulierung des Bühnenlichtes in der Hand haben. Derselbe sitzt vor einem sogenannten Bühnenlichtregulator, mit dessen Hilfe er sämtliche Lampengruppen beliebig ein- oder ausschalten bezw. regulieren kann. Bei Stimmungsübergängen läßt er die Lampen zweier Farbenklassen gleichzeitig erglühen, und während die Intensität einer Farbe mehr und mehr abnimmt, wird die Intensität der anderen Farbenklasse mehr und mehr gesteigert. Einige Beispiele mögen nun zeigen, wie man mit diesen Mitteln alle erdenklichen Tagesstimmungen erzeugen kann.

Der Tag bricht an; bei Beginn der Morgendämmerung durchzucken grüne Strahlen die Dunkelheit der Nacht. Die Strahlen verschwinden und es tritt an ihre Stelle zunächst rotes Licht, dann, mit zunehmender Lichtfülle, in natür­licher Folge gelbes und weißes Licht. Ter Zuschauer, dem die technischen Mittel nicht bekannt sind, und der infolge seines Interesses für den Fortgang der Handlung die Szenerie nur mit halbem Auge betrachtet, empfindet gleich­sam nur das Steigen des Tagesgestirns, bis es in seiner ganzen glühenden Pracht am Firmament erschienen ist. Tie Entwicklung geht natürlich weit schneller vor sich als in der Natur; aber das bemerkt das Theaterpublrkum nicht, weil auch die Handlungen weit schneller als in Wahrheit fortschreiten. Wissen wir doch, daß die Vorgänge eines ganzen Tages auf der Bühne oft auf eine knappe Stunde, die Ereignisse vieler Jahre auf einen einzigen Theater­abend zusammengedrängt werden. Beim Sonnenunter­gang geht der Stimmungswechsel etwas langsamer von statten, und zwar unter Anwendung derselben Farben, jedoch in umgekehrter Reihenfolge. Man sieht also, daß die Licht­erscheinungen, welche wir gegen morgen und abend wahr­nehmen, mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln darge­stellt werden, und künstlerisch empfindende Naturen werden auch mit Recht einwenden können, daß man in dem Be­streben nach wahrheitsgetreuer Darstellung weitergehen könnte. In der Tat fehlt es- dem Beleuchtungstechniker auch nicht an geeigneten Mitteln, der Natur näher zu kommenn. So wird z.B. das Blau der atmosphärischen Luft, welches im Grunde im Bühnenbilde eine ebenso große Rolle spielt wie auf den Gemälden, durch Tampfw-olken erzeugt, aus welche man blaues Licht reflektiert. In derselben Weise vermag man den aufsteigenden Nebel zu erzeugen, nur wird man dann entsprechend mit der Färbung des Lichtes wechseln müssen.

Tie Szenerie muß, wie ich schon betont habe, mit den Beleuchtungsmitteln im Einklang stehen, um eine gewisse Stimmung zu erzeugen. In dieser Hinsicht ist es bemerkens­wert, daß die früheren Hauptdekorationsmittel, Prospekte und Kulissen, bei allen größeren Theatern jetzt hauptsächlich nur noch zur Darstellung geschlossener Räume dienen, wäh­rend für alleim Freien" spielende Szenen ein sogenannt-, r Horizont" verwendet wird, der die Bühne hufeisenförmig umspannt. Diese Leinwand reicht aber nur soweit herab, daß der Verkehr des Bühnenpersonals in keiner Weise ein­geschränkt wird. In eütiger Entfernung von dieser Leinwand werden zur Deckung der freien Oeffnung einigeVersatz­stücke^", wie Felsen, Bäume, Häuserfronten und dergleichen angeordnet. Während Kulissen und Prospekte die Szene eng umgrenzen und nur die Darstellung eines verhältnismäßig beschränkten Raumes ermöglichen, gestattet ein gut gemalter Horizont, ähnlich wie in einem Panorama, dem Publikum den Ausblick nach allen Seiten. So ist z. B. eine ca. 60 Meter lange Leinwand im Stadttheater zu Halle mit den verschiedensten Luftströmungen bemalt und alsRolle ohne Ende"" hergestellt, sodaß bei offener Szene durch Verschieb, n der Leinwand ganz naturgetreu ein Witterungs- oder Stim­mungswechsel erzeugt werden kann.

Tie Handlung verlangt es sehr häufig, daß nicht nur die Lichtwirkung des Tagesgestirns erzeugt, sondern auch die auf- und uutergehende Sonne direkt zur Erscheinung gebracht werde. Zu diesem Zwecke bedient man sich wan­delnder Dekorationen, 'aus denen das Gestirn alft rote Scheibe erscheint. Diese künstliche Sonne mutz nun scheinbar bas' Licht der Bühne erzeugen, obwohl sie tatsächlich in vielen Fällen überhaupt kein Licht spendet, sondern viel­mehr noch selbst belichtet wird. Ties ist stets der Fall, wenn die Sonne nur auf die Dekoration gemalt ist. Tenn da die gemalte Sonne überhaupt nicht leuchtend wirkt, so wird sie, wie in den Panoramen, durch eine elektrische Reflektor­lampe beleuchtet, welche ihr Licht auf die rote Sonnenscheibe