587

Das wußte ich", sagte das Kind ernsthaft. .

So, wirklich das ist gescheit, nimm dies Papier und bring mir dieselbe Sorte, willst ®u?"

Ich weiß schon, welche Sorte Sie rauchen", erwiderte Nannic, und wies das Papier von sich.

Wenn Du alles so genau weißt, so kannst Du nur vielleicht auch sagen, was ich in der Hand habe?"

Der Kuabe sah verwirrt und ängstlich drein, ein scheuer Mick streifte die Reihe der lauernden, schadenfrohen Ka­meraden, die sich seiner voraussichtlichen Niederlage zu freuen schienen. Ein anderer verstohlener Mick fiel aus die fremden Herren, denen er so gern mit seiner lieber» legenheit imponiert hätte. , , ,

Der Maler beobachtete ihn mit Ergötzen; er hielt seine Zigarette leicht zwischen zwei Fingern in die Höhe, aber den Ausdruck seines Gesichts verstand Nannte nicht. Er schöpfte tief Atem und wagte die gefährliche Entscheidung. Zwei Franken", erscholl es von seinen bleichen Lippen. Hamor öffnete lächelnd die Hand und zeigte den erstaunten Anwesenden das richtig darin verborgene Zweifrankstück. Dies war der stolzeste Moment in Nannies jungem Leben. Der arme kleine Bucklige warf sich so mit einemmale zum Herrn der Situation auf. Seine Augen strahlten vor Entzücken, regungslos stand er inmitten seiner verblüfft dreinschauenden Geführten.

(Fortsetzung folgt.)

Maudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Omnibusssischmerzen. Janhagel bei der Arbeit. Es lebe der Reservemannl Die goldue 110.

Im Berliner Verkehrsleben trat vor einigen Tagen wieder einmal eine teilweise Stockung ein, die eigentlich lange voransznsehen war und dann doch wegen ihres für das große Publikum plötzlichen Einsetzens überrascht hat. Tie Oimiibiisser streikten! Nachdem sie ihre Forderungeil von der Gesellschaft in Güte nicht bewilligt erhielten, legte der weitaus größte Teil der Kutscher, Schaffner und Stallleute die Arbeit nieder, um durch den Streik zum Ziele zu gelangen. Ein schlecht gewählter Zeitpunkt für eine im großen und ganzen gerechte Sache! Denn wenn man die Lohnverhältnisse dieser Leute an den Berliner Lebensbedingungen mißt, muß man ohne weiteres ein» gestehen, daß für ein derartig niedriges Tagegeld, das nur in seltenen Fällen die Höhe von Mark 3 erreicht, hier eine Familie nur unter den größten Einschränkungen existieren kann. Es ist natürlich vorläufig noch ein Märchen rosig in die Zukunft schauender Optimisten, daß es in Berlin billiger wird, was den Hauptfaktor unter den Ausgaben, die Wohnnngsmiete, anbetrifft. Die F-älle sind zu zählen, in denen Hauswirte wesentliche Herabsetzungen des Wohn­ungszinses vorgenommen haben, so viel Wohnungen auch momentan leer stehen. Man wartet eben auf eine Besser­ung des JNdustriernarktes, die uns Taufende und 'Aber­tausende aus den Provinzen zuführen muß, und verliert lieber ein halbes Jahr am Ertrag dieser oder jener Etage, ehe man im Preise heruntergeht und dasGrundstück da­durch entwertet". Denn an einen vorteilhaften Verkauf, der sich indessen nur ermöglicht, wenn ein bestimmt hoher Verzinsungssatz nachweisbar ist, denken von 100 Haus­wirten 99. Vor allem bezieht sich die ev. mögliche Ver­billigung zunächst nur auf große Wohnungen. Die Logis für die kleinen Leute sind noch immer knapp und es be­darf da noch mancher Jahre, eh' wirklich einmal das Angebot die Nachfrage übersteigt. Der Arbeiter ist dadurch gezwungen, den vierten, ja vielfach den dritten Teil seines täglichen Erwerbes für den Hauswirt zurückzulegen. Jeden­falls ein recht ungesundes Verhältnis! Noch ungesunder freilich, und eigentlich polizeiwidrig, zeigt sich das Ver­hältnis bei den Omnibussern zwischen Arbeits- und Ruhe­zeit. Eine ganze Reihe der Kutscher usw. haben tagein, tagaus, sage und schreibe 1617 Stunden Dienst gehabt. Wenn das ein Postillon auf dem Lande leistet, so erscheint es als ein Kinderspiel gegen das Kutschieren hoch oben in Regen und Sonnenbrand durch das nervenzerreibende, lärmende, dröhnende Berlin, in dem an jeder Straßenecke irgend ein Unglück lauert. Heber den Potsdamer Platz kommen beispielsweise im Durchschnitt pro Tag 150 000

Fußgänger und 27 000 Fahrzeuge. Spittelmarkt, Blexander- olatz, Kranzlerecke und noch manch anderer Kreuzungs-- rnnkt geben dem nicht viel nach. Und durch dieses wogende Meer von Menschen und Wagen muß der geplagte Mann droben auf dem Verdeck 2/3 des langen Tages seine Rosse lenken, aufmerksam, vorsichtig, menschenfreundlich, auf feine Tiere bedacht mit einem Anfangslohn von 2,50 Mk.! Das ist wirklich hart! Daher hat dieser Streik fast noch mehr Sympathien seitens des Publikums als seinerzeit der Streik der Straßenbahner, die jetzt längst ca. 9 Stunden Arbeits­zeit bekommen haben, ivährend die Omnibusgesellschaft sich zu einer Herabsetzung trotz aller Vorstellungen nicht be- quemen will. Nur was die Sympathiekundgebungen an­betrifft, müssen wir wieder erleben, daß Monsieur Janhagel mit seiner Lust am Radau sich der Sache bemächtigt und durch Steiiiwürfe und Johlen beim Herannahen der von Eriatzmannfthaften bedienten Omnibusse feine Meinung äußert. Natürlich erzeugt das Aufgebot von Schutzleuten an den Endstationen, die nicht gerade höflich gegen alles, was sich dort ansammelt, vorgehen, Unwillen. Ich sah an der Bülowstraße, wie berittene Mannschaften auf die Fußgängerbreiten sprengten und dort die Menschen aus­einander trieben. Dem süßen Mob machte das nur Ver- giiügeii. Hundert Schritte weiter erhob er seine häßliche Musik vor Neuem, manchmal von dem Klirren einer Omni» busscheibe begleitet, welches Ereignis als Meisterschuß ein richtiges Creszendo hervorrief. Das Publikum benutzt denn die Ömuibuffe auch vorläufig nur in Notfällen, soweit es unterrichtet ist. Trotzdem steht es um die Sache der Strei- kenden nicht gut. Wohl hat der Oberbürgermeister der Reichshauptstadt versprochen, das Amt eines Vermittlers zu übernehmen. Aber es ist nicht mehr viel zu vermitteln. Tie Gesellschaft hat allzu schnell Ersatz gefunden, da just die Entlassiingen der Reservemannschaften beim Militär vor sich gingen. Train, Artillerie und Kavallerie lieferte Fahrer in Menge, obwohl sie nicht alle über den Berliner L-tadt- plau auskömmlich unterrichtet waren. Aber die Behörde drückte, hier und da ein Auge zu, und so kommt es, daß die durchaus erklärliche Bewegung der nm schlechtesten gestell­ten Berliner Verkehrshelfer ohne ein nennenswertes Resul­tat für dieselben verläuft, viele sogar das kärgliche Brot auf Wochen und Monate verlieren, weil sie nicht gleich andere Beschäftigung finden werden. Der Reservemann, eine typische Herbsterscheiming in Berlin, hat durch den Abjchub an die Omnibusgesellschaft, nicht etiuti in )einer Massenerscheinung wesentlich eingebüßt. Es ist ein recht flottes Leben, was da ans ein paar Tage geführt wird, bis die Moneten endlich zu Ende gehen, und eine voll­besetzte Droschke mit nicht allzu harmonischem Gesang, in der die neuer. Spazierstöckchen und die auf gerollten Achsel­klappen auf dem Zivilrock verraten, wer da seines Vaters Groschen vertut, ist in diesen Tagen nichts seltenes. Leider weiß manch einer der so lange stramm gehaltenen Schlingel sich in seiner neu gewonnenen Freiheit nicht zu beherrschen und begeht in der Trunkenheit irgend einen Extrastreich, der ihn dann manchmal noch länger cm Berlin fesselt, als ihm lieb ist. Die Klugen jedoch dehnen die Berliner Schlußkneipe nicht über die Maßen aus. Sie wandern nach der goldenen 110, wo man bekanntlich für Geld alles geschenkt bekommt, holen sich dort eineneue Kluft" und dampfen schleunigst in die Heimat, um dort ihre Triumphe alsverwöhnte Großstädter, die alles genossen haben", zu feiern. Notabene, die goldene 110, die populärste Berliner Kleiderhandlung in der Leipziger Straße, deren Reklame- gedichte in anderen Städten vielfach Schule gemacht haben, wird demnächf» von der Bildfläche verschwinden. Die Groß­stadt wird immer prosaischer. Wo soll ein Förderer der Dichtkunst fortan nun seine Hosen kaufen? A. R.

Vermischtes.

* Zur Geschichte der Mäheniaschiue. Einen iliteressanten Ueberblick über die Geschichte der Mühe-Ma­schine gibt der kürzlich von der Technischen Hochschule in Braunschweig mit Auszeichnung zum Doktor-Ingenieur promovierte außerordentliche Professor für Ingenieur- Wissenschaften an der Universität Halle, Alwin Nachtweh, in seiner soeben erschienenen PromotioiisschristBeiträge zur Theorie und zur Beurteilung der Mähemaschine". Die ältesteii Aufzeichnungen über mäheniaschinenartige Entricht-