455
Hessische Räuberbanden ■ im achtzehnten Jahrhundert.
Von Dr. Arthur Bechtold.
Original-Aufsatz für die Gießener Familienblätter.
(Fortsetzung.)
Das dritte, ausführlichste Werk, welches Buchner unbekannt geblieben zu sein scheint, führt den Titel:
Ausführliche Relation Von der Famosen Ziegeuner- Diebs- Mord-- und Rauber-Bande Welche
den 14. und 15. Novernbr. Ao 1726 zu Giessen durch Sch,werbt, Strang und Rad respectiv« justifiziert worden,
Worinnen
Nach praemittierter Historie von dem Ursprung und Sitten derer Ziegeuner re. rc. die vornehmste und schwereste Be- 'gangenschafften mit allen Umständen erzehlet, auch was durante processu sowohl ante — als in u. post Dorturam vorgenommen worden, enthalten ist,
Aus Denen weitläufftigen Peinlichen Original-Actis in möglichster' Kürtze zusammengezogen
Und auf
Sr. hochfürstl. Durchl. zu Hessen-Darmstadt Gnädigste Special-Erlaubnüß
Dem Publico zum Besten, in öffentlichen Druck befördert durch
D. Johann Benjamin Weissenbruch
Fürst!. hessen-darmstädtis. Vormunds-Rath, auch Ober- Schultheissen und Peinl. Gerichtsassessoren daselbst.
Mit einigen Kupfsern.
Franckfurt und Leipzig.
Das 196 Quartseiten große Buch ist den beiden Grafen zu Stolberg, Königstein und Münzenberg, sowie den Grasen Wolfgang Ernst und Ernst Casimir, Grafen von Isenburg und Büdingen gewidmet und enthält nach einer schwülstigen, vor Ehrfurcht ersterbenden Vorrede zuerst eine lange ^Abhandlung über das Wort „Zigeuner", über ihr Herkommen, ihre Sitten, ferner ein weitschweifiges Kapitel „Ob die Ziegeuner in einer Republik zu butten."
Der zweite Teil behandelt sehr ausführlich die einzelnen Verbrechen der Bande, jber dritte (S. 113—183) giebt ■ ein Bild des Verhörs, die Fragen der Richter, die Antworten der Verbrecher. („Von der Tortur und was darbev vorgegangen".)
Das letzte, nur wenige Seiten lange Kapitel behandelt das Urteil und seine Exekution.
Ich übergehe den ersten Teil, der lediglich eine Zusammenstellung der alten Literatur über die Zigeuner ent- yalt, und gehe sofort auf die einzelnen Mordtaten der Bande über. Die „Relation" zählt die einzelnen Verbrechen ohne jedes System auf, sodaß es schwer ist, die zeitliche Reihenfolge zu schildern.
Den Anfang machte ein Zigeunertrupp von über 50 Mann, die zu Gelßhausen im Londorfer Grund am Hellen Tag einsielen und „ohngescheut" Hühner und Gänse Wegnahmen. Auf die Bauern, die sich zur Wehr fetzen wollten, wurde scharf geschossen, 2 Bauern und ein „Musquetierer" von der Landmiliz durch Schüsse und Säbelhiebe schwer verwundet. Dann drohten die Zigeuner noch, das Dors an alten Afr Ecken anzuzünden. Bis die fürstliche Regierung zu Gießen Schritte zur Ergreifung der Räuber tun konnte, waren sie langst über die Berge.
. 2®- April 1722 abends zwischen 8 und 9 Uhr ging
2"^"^ier Dranth mit einem Gefreiten
J^auischen Kreiskontingent zu einem Gartenhaus vor J tr8W dem Kapitan Wortmann gehörig. Plötzlich fielen «us dein Gartenhaus zwei Schüsse. Der Unteroffizier ft’y-äte tot zusammen, der Gefreite wurde am Halse durch Deudin Mundet. Die Räuber, die Zigeuner Hemperla und besckU^P»?^c"r^. dem Gartenhause eine mit Messing S3 ' Plstole, euie „Musquetenflinte", ferner den Degen und den nut einer fitternen Tresse eingefaßten Moutterungshut des Unteroffiziers mit. "ngesayren
Wenig später traf die Bande, zu der diese Ziaeuuer gehörten, mit einer großen überrheinischen ZigeuÄbande 'm Londoner Grund zusammen. Die rechtsrheinischen .Zi
geuner wollten den Uebergriff in fremdes Jagdgebiet nicht dulden,- die Ueberrheinischeu wurden von ihnen angefalleu und es entspann sich eine förmliche Schlacht, wobei scharf geschossen wurde und mehrere Zigeuner tot ans dem Platze blieben.
Außer der überrheinischen Zigeunerbande trieb sich noch die „Solmsische" unter der Führung des Zigeuners „Friederich St. Amour des Kurzen" umher. Dieser kam mit 12 Zigeunern nach Hirtzenhayn, wo die Bande „Gabriels" sich gelagert hatte, um einen alten mit dem Gabriel bestehenden Streit mit dem Degen auszumachen; der „famose Galant" verhinderte das geplante Duell und brachte eine Versöhnung zu stände.
In der Frühe des 2. Sept. 1722 begab sich der fürstliche Amtmann Rudrauff zu Lißberg in Amtsgeschäften nach Eckharbsborn. Im Dorf begegneten ihm drei Zigeuner, welche er anhielt und fragte, was sie hier zu schaffen hätten; ob sie nicht wüßten, daß sie sich in den fürstlichen Landen nicht betreten lassen dürften? Die Zigeuner erwiderten sehr demütig, sie hätten niemand ein Leid zugefügt, „echap- pierten" lauch, bevor der Amtmann Bauern heranrufen konnte. Weiter im Dorf traf er wieder zwei Kerle; der eine riß aus, der andere, der Zigeuner Hemperla, ließ eilig die zwei Schnapsflaschen, die er trug, fallen, riß eine Pistole aus dem Gürtel und zielte damit auf den Amtmann. Plötzlich jedoch wendete er sich um und sprang über einen Gartenzaun. Der Amtmann schoß hinter ihm her, traf ihn aud} in den Schenkel, doch gelang es Hemperla trotzdem, zn entkommen. Auf der Flucht noch'wendete er sich wm und schoß seinem Verfolger den Ladstock seiner Flinte entzwei.
Am 21. Sept. 1724 brach ein 12 Mann starker Zigeuner- Hause im Hause des Johann Graulich zu Burggernünden ein, wobei dieser durch mehrere Schüsse den Tod fand. Gleichzeitig wurden verschiedene Diebstähle in den Aemtern Königsberg und Ulrichstein verübt, ohne daß es möglich war, die Täter zu fassen. Auch zu Bermuthshayn int Hause des Henrich Rasch und in verschiedenen Orten im Büdiugi- schen wurde eingebrochen, mehrere Menschen leichter oder schwerer verwundet.
„ Bei einem Einbruch im Hanse des Obristen b'on Geiß- mar zu Blofeld in der Wetterau fielen den Räubern vierzehn Paar Pistolen in die Hände, ferner eine Flinte, drei Livreen, bestehend aus Rock, Camisol und Hüten, außerdem! ein „Conto de Chasse, so von Serenissimi nostri hochfürstlichen Durchlauchtigkeit ihMe gnädigst verehret worden."
In der Nacht des 22. Juni 1725 hörte der Müller auf der Mühle bei Königstein eijt Geräusch und bemerkte von seinem Bette aus in der Mühle Lichtschein. Er weckte seinen Sohn und den Mahlknecht, als plötzlich die Stuben- türe geöffnet wurde und zwei wilde Kerle hereintraten. Der Müller sprang in die Kammer zurück, sein Sohu, erst vor einigen Jagen von der Wanderschaft zurückgekehrt, ergriff seine an der Wand stehende Flinte, worauf die Kerle sich aus dem Staube machten. Der junge Müller setzte nach und verfolgte sie bis in den Garten. Da blitzte es hinter einem Busche aus, es siel ein Schuß, der Müller lag tot in feinem Blute.
Einige Wochen später wurde ein Einbruch Bei dem Pfarrer Heinsius in Dörßdorf ins Werk gesetzt. Nachts zwischen 11 und 12 Uhr drang unter fürchterlichem Toben eine Anzahl Zigeuner in das haus des Pfarres ein, wobei sie mit einem großen Balken die Haustüre emstießeu. Vyr- her hatten sie versucht, mittels eines Meißels und einer brennenden Fackel ein Loch herzustellen. Der Hemperla war schon mit dem halben Leibe innen, als er von der Tochter des Pfarrers, die zufällig in der Küche nach dem Feuer sehen wollte, überrascht wurde. Sie selbst konnte ich noch retten, der Pfarrer trat den unheimlichen Kerlen mtgegeri und bat sie um Gottes Willen um Schonung eines Lebens; er erhielt jedocy einen Stoß mit der Brennen» )en Fackel auf die Brust und wurde dann niedergeschossen; eilte Frau wollte die Flucht ergreifen, ein Schuß zerschmetterte ihr jedoch bett Kopf, sodaß der Unterkiefer wegge- rissen und an die Türe geschleudert warb. Währenb bes Tobens nnb Lärmens, bas im ganzen Orte gehört wurde, hatten die zusamm'engelaufenen Bauern nicht gewagt, etwas zu unternehmen; von der Verfolgung würben sie burch bas Schießen der Zigeuner abgehalten. Die Beute der Räuber, welche sie in Oberbieffenbach bei dem Juden Elias Aaron, einem berüchtigten Diebshehler, verkauften.


