Ausgabe 
3.8.1903
 
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gründlich, verstehen ihn, lieben ihn, das habe ich we­nigstens gehört, nicht wahr, Fran Fürstin?"

Kart Steinmetz blickte stirnrunzelnd eine Olive an.

Ich weiß wirklich nicht", sagte Etta, die einen Blick über den Tisch geworfen hatte.

Gewiß, Frau Fürstin, es ist so. Ich höre stets das Beste von Ihnen, Fürst."

Von wem?" fragte Paul.

Von dem uitb jenem", antwortete Wassili, indem er die Achseln zuckte.

Ich wußte nicht, daß der Fürst so viele Feinde hat", sagte Steinmetz trocken, worauf die Marquise plötzlich zu lachen anfing und einem Schlaganfalle nahe schien.

In dieser Weise spann sich die Konversation während des Tiners, das ziemlich lange dauerte, fort. Wiederholt brachte Wassili das Gespräch auf Osteruo und das Leben in jener einsamen Gegend; aber die Personen, die es kann­ten, schwiegen, und es war klar, daß Etta und Nelly mit dem Leben, dem sie entgegengingen, unbekannt waren.

Von Zeit zu Zeit richtete Wassili seine trüben, gelben Augen auf die Diener, die übrigens ihre Arbeit tadellos verrichteten, und stets fiel sein Blick wieder auf die Gläser. Tie Diener fiillteu sie beständig; aber die Zungen wurden von den erlesenen Weinen nicht gelöst. Paul besaß einen festen Kopf und jene Selbstbeherrschung, gegen die der Alkohol nichts vermag. Karl Steinmetz aber hatte in Heidel­berg studiert und war nicht unter den Tisch zu trinken.

Etta war munter, amüsant und fröhlich, solange es sich um gewöhnliche, gesellschaftliche Gespräche handelte. Allein so !oft Wassili von dem Lande anfing, dem er an­geblich so ergeben war, schien sie sich ein Beispiel an ihrem Gatten und dessen Intendanten M nehmen und bewahrte em freundliches, unauffälliges Schweigen.

Erst im Salon nach dem Tiner sand Wassili Gelegen­heit, sich direkt an Etta zu wenden. Ohne ihre Beihilfe ihm das nie gelungen; denn trotz ihres munteren Lächelns sehnte sie die Gelegenheit in atemloser Angst

,Es war sehr gütig von Ihnen, Fürstin, mein armes Hecm zm besuchen", sagte er auf französisch.Glauben Sie mir, ich weiß die Ehre zu schätzen. Als Sie zuerst ins Zimmer traten, war ich vielleicht haben Sie es bemerkt ganz betroffen. Ich habe oft gelesen, daß es eme Schönheit gießt, die einem den Atem raubt, Sie müssen mich entschuldigen, ich rede immer gerade heraus, bis heute abend war ich einer solchen Schönheit nicht begegnet."

Etta entschuldigte ihn sehr gern, denn sie konnte ziem­lich viel von derartigen Reden vertragen. Sie lachte und warf Wassili von Zeit zu Zeit einen koketten Seiten­blick zu.

Ich hoffe, daß Sie Paris auf der Rückreise wieder beehren werden", fuhr er fort.Wann wird das sein? Wann dürfen wir hoffen. Sie wieder zu sehen? Wie lange gedenken Sie in Rußland ziu bleiben und"

Wassili spricht das beste Englisch, das man sich denken kann", fiel Steinmetz ein, der sich unhörbar genähert hatte.Aber er will es nicht sprechen, Fürstin, er ist zu schüchtern."

Auch Paul trat herzu. Es sei elf Uhr, und Reisende, me früh aufbrechen müßten, täten wohl daran, zu Bette zu gehen, meinte er.

die Mr sich hinter den Gästen geschlossen hatte, schritt Wassilr langsam zum Kamin und stellte sich breit­spurig auf das Bärenfell davor. Er war ein schöner, ele­ganter Mann von aufrechter, militärisch strammer Haltung, und sein Gesicht war die richtige Maske: seelenlos, farb- ws, bewegungslos. Eine Weile stand er da, biß an seinem Daumennagel und betrachtete die Tür, durch die Etta Alexis eben in aller Pracht ihrer Schönheit, ihres Reichtums und ihrer fürstlichen Stellung geschritten war.

Tie Frau, die mir die Papiere der Armenliga verkauft hat , sagte er langsam.Und sie glaubt, daß ich sie nicht erkannt habe!"

18. Kapitel.

An der Newa

Karl Steinmetz hatte an dem nördlichen Ufer der Newa, rn ;enem Teile Petersburgs, wo die Dampfer ihre Lad­ungen löschen, geschäftlich zu tun jgphabt und kehrte jetzt aus einem der zahlreichen Wege, die von Ufer zu Ufer ms Eis gehauen sind, nach der Stadt ztirück. Am südlichen

User angelangt, stieg er zu den Admiralitätsgärten empor, zündete sich eine Cigarre an, vergrub die Hände tief in die Taschen seines Pelzrockes und begann, langsam durch die kahlen, einsamen Gärten zu schlenderu.

Vor ihin ging raschen Schrittes ein junges Mädchen, das nun seine Schritte verlangsamte, um ihu an sich vor­übergehen zu lassen. Karl Steinmetz bemerkte es. Plötzlich ging sie wieder an ihm vorbei, ließ ihren Schirm fallen und beschrieb, ehe sie ihn wieder aufhob, damit einen Kreis, ein Manöver, das auffällig einem verabredeten! Zeichen glich. Dann drehte sie sich rasch um, blickte ihn cm, sichern sie ein angenehmes, rundes Gesichtchen mit einem lächelnden Munde und übertrieben ernsten Augen zeigte, und kam wieder zurück.

Steinmetz zog in väterlicher Weise den Hut.

Mein liebes Fräulein", sagte er auf russisch,wenn meine persönliche Erscheinung einen so tiefen Eindruck auf Sie macht, wie meine Eitelkeit mir schmeichelt, wäre es da nicht passender, Sie zeigten Ihre Gefühle etwas we­niger deutlich? Sind aber die Zeichen, die Sie mir machten, von tiefer politischer Bedeutung, so muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich kein Nihilist bitt."

Was sind Sie denn?" fragte das Mädchen, indem es neben ihm herzuschreiten begann.

Ich bin das, was Sie sehen. Ein dicker, ältlicher Herr, der glücklicherweise keine soziale Stellung einnimmt, folglich wenige Feinde und noch weniger Freunde hat."

Es sah aus, als hätte das Mädchen gern gelacht, wenn das nicht gegen den Ernst ihrer Aufgabe verstoßen hätte.

Sie heißen Karl Steirunetz", sagte sie ernsthaft.

Ja, unter diesem Namen bin ich meinen zahlreichen Gläubigern bekannt."

Wenn Sie in den Kasan-Bazar Nummer X hinter der Kathedrale gehen zweiter Stock links, auf der letzten Treppe, so werden Sie dort einen Freund finden, der Sie zu sehen wünscht", sagte sie, als leiere sie eine auswendig gelernte Lektion her.

Und wer sind Sie, mein liebes Fräulein?"

Ich bin niemand, nur eine bezahlte Agentin."

Ein paar Schritte gingen sie schweigend wetier, denn die Glocken der St. Jsaakskirche begannen plötzlich so laut zu läuten, daß sür einige Augenblicke jedes weitere Gespräch- unmöglich war.

Werden Sie hingehen?" fragtze das Mädchen, als das Läuten so plötzlich aufhörte, wie es angefangen hatte.

Wahrscheinlich, denn ich bin neugierig und fürchte mich vor nichts, außer vor feuchten Betten. Mein anonymer Freund erwartet hoffentlich nicht, daß ich die ganze Nacht bei ihm bleiben werbie. Hixt er, :- oder ist es einesie", mein schönes Kind? hat die betreffende Person eine Stunde bestimmt?"

Zwischen jetzt und sieben Uhr."

Besten Dank!"

Gott mit Ihnen", sagte das Mädchen, drehte sich plötzlich aus dem Absatz um und schritt hinweg.

Ohne ihr nachzublicken, ging Steinmetz nun immer rascher und langte nach ein paar Minuten bei dem großen Hause an, das hinter einem eisernen Gitter am oberen Ende des Englischen Quais stand, dem Hause des Fürsten Pawel Alexis.

Er traf Paul allein im Studierzimmer und berichtete ihm mit wenigen Worten das Vorgefallene.

Was halten Sie davon?" fragte der Fürst.

Das weiß der Himmel."

Werden Sie hingehen?"

Selbstverständlich. Ich liebe Geheimnisse, besonders in Petersburg."

Lassen Sie mich mitgehen."

Um keinen Preis, ich muß allein gehen; aber wenn Sie es erlauben, nehme ich Ihren englischen Kutscher mit; er ist sehr zuverlässig."

Werden Sie zum Diner wieder zurück sein?"

Hoffentlich. Ich kenne solche geheimnisvolle Zu­sammenkünfte' von früher her; wahrscheinlich ist es ein! Freund, der sich bis nächsten Montag hundert Rubel von mir leihen will."

(Fortsetzung folgt.).