Ur. 114
1903.
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. Merriman.
(Fortsetzung.)
„Es ist ein schönes Land, obwohl das übrige Europa es nicht glauben will, und die Güter des Fürsten gehören zu den größten, wenn nicht zu den schönsten. Es sind hauptsächlich Jagdgründe, nicht wahr, Fürst?"
„Zumeist", antwortete Paul. „Wir haben Baren, Wölfe, Rotwild, außerdem natürlich Birkhühner, Schnepfen, Schneehühner, kurz alles, was das Herz begehrt."
„Das Herz eines Sportsmanns", ergänzte Wassili ernst.
„Ja, das Herz eines Sportsmanns."
„Natürlich." Wassili hielt inne und zog mit einer leichten Handbewegung Steinmetz ins Gespräch; vielleicht war es ihm lieber, wenn er sprach, als wenn er beobachtete. „Natürlich haben Sie, wie alle großen russischen Gutsbesitzer, viele Sorgen wegen Ihrer Bauern, obwohl Sie, streng genommen, nicht zu dem Distrikte gehören, wo Hungersnot herrscht."
„Nicht ganz; wir verhungern nicht, wir hungern bloß", meinte Steinmetz trocken.
Wassili lachte und drohte ihm scherzend mit seinem goldenen Augenglas.
„Ah, lieber Freund, Sie haben also noch immer die alte, gefährliche Gewohnheit, das Kind beim rechten Namen gM nennen? Es ist gewiß ein Unglück, daß die Bauern ein bißchen hungern, aber was will man machen? Sie müssen eben lernen, sparsam zu sein, mehr zu arbeiten und weniger zu trinken. Bei einem solchen Volke ist die Erfahrung die einzige mögliche Lehrmeisterin. Es nützt nichts, mit ihm M reden, es ist gefährlich, ihm Almosen zu geben; außerdem sind die Berichte, die man in den Zeitungen liest, geradezu lächerlich und übertrieben. Gnädiges Fräulein", fuhr er fort, indem er sich höflich zu Nelly wendete, „gnädiges Fräulein dürfen nicht alles glauben, was man Ihnen von Rußland erzählt."
„Das tue ich auch nicht", antwortete Nelly mit einem ehrlichen Lächeln, das Monsieur Wassili ganz verblüffte; denn er hatte nicht oft mit Leuten zu tun, die ehrlich lächelten.
„Das Diner ist serviert", sagte er. „Frau Fürstin, darf uh mir die Ehre geben?"
Ter Tisch war prächtig dekoriert, die Weine waren tadellos, die Speisen echt pariserisch, kurz, alles auf das glänzendste, und Ettas gute Saune stieg.
„Es ist das Exil, nichts anderes als das Exil", behauptete Wassili, der das Gespräch führte. „So sehr ich mem Vaterland bewundere, bedauere ich mein Schicksal nrcht, das mich an Paris fesselt. Für einen Männ ist es etwas anderes, Mer für die Fürstin und für Sie, gnädiges
Fräulein — stch!" Er zuckte die Achseln und blickte be- dauernd zur Decke empor. „Schönheit, Geist, Witz, die sind in Rußland verloren!"
„Was würde Paris sagen, wenn es wüßte, was es verliert?" fügte er in leiserem Tone, zu Etta gewendet, hinzu. Sie lächelte befriedigt, denn sie war nicht immer im stände, zwischen Unverschämtheit und Heuchelei zu unteri- scheiden.
Steinmetz, der auf der linken Seite der Marquise saß, richtete ein oder zwei Bemerkungen an diese Dame, die; ihm stets mit vollem Munde antwortete, und da er bald bemerkte, dmh das, was auf ihrem Teller lag, sie mehr interessierte, als ihre ganze Umgebung, verstummte er und beobachtete. Wassili bemerkte das mit ziemlichem Miß^ vergnügen; es wäre ihm lieber gewesen, wenn Karl Steinmetz mehr gegessen und gesprochen hätte.
„Frauen haben jedoch sehr gute Herzen", fügte der Hausherr laut hinzu. „Vielleicht interessieren Sie sich für das Los der Bauern?"
Etta blickte zu Steinmetz hinüber, der unmerklich mit dem Kopfe nickte.
„Ja", antwortete sie.
Wassili folgte ihrem Blick und sah, daß Steinmetz ernst; und eifrig aß.
„Dann werden Sie zweifellos einen großen Mil Ihrer Zeit damit zubringen, ihre Leiden zu lindern — ihre selbst!-- verschuldeten Leiden, mit aller Hochachtung vor dem Fürsten."
„Warum mit aller Hochachtung vor mir", fragte Paul, indem er ruhgi ausblickte; aber in seinen Augen lag etwas^ das Nelly bewog, ängstlich zu Steinmetz hinüberzusehen.
„Wie ich höre, sind Sie anderer Meinung", sagte Wassili.
„Durchaus nicht", antwortete Paul. „Ich gebe zu, daß die Bauern selbst die Schuld an allem tragen, geradeso wie ein Hund selbst schuld ist, wenn er sich in einer Falle! sängt."
„Ist dieser Fall wirklich analog? — Darf ich Ihnen von diesen Oliven anbieten? Ich habe sie mir durch einest Spezialkurier aus Barcelona kommen lassen."
„Gewiß!" attttoortete Paul. „Wer es besser versteht, hat daher die Pflicht, dem Hunde zu zeigen, wie er die Stellen vermeidet, wo Fallen liegen. Ich danke, die Olivest sind ausgezeichnet."
„Ach," ich preise manchmal meinen Stern, daß ich leist Gutsbesitzer, sondern ein armer Bureaukrat bin", wandte sich Wassili höflich zu Nelly. „Das sind sehr schwierige Fragen, gnädiges Fräulein, aber möglicherweise versteht sie unser lieber Fürst besser, als alle anderen in und außerhalb Rußlands."
„O nein, ich urteile bloß nach meinen geringen Erfahrungen", rief Paul.
„Ach, Sie sind zu bescheiden, Sie kennen den Bauerst


