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Bruder seit seiner Rückkehr beschäftigt ist, eine warme, lebhafte Neigung für ihn zeigt. Ich glaube fast, daß er diese Neigung erwidert, und seine Erklärung nur aufschiebt, weil er das Band noch nicht gelöst hat, das ihn an Sie bindet. Diese peinliche Aufgabe möchte ich hiermit zu erleichtern suchen. Ich bedauere unendlich, wenn ich Ihnen Schmerz bereiten muß. Wer ich denke sicher, daß seine eigenen Briefe Sie schon einigermaßen darauf vorbereitet haben. Ich hoffe zuversichtlich, daß Zeit und Entfernung Ihre Gefühle für ihn hinreichend beeinflußten, um Sie geneigt zu machen, auf Ihre Ansprüche zu verzichten. Möge die Zukunft sie reichlich dafür entschädigen, daß Sie ihm eine Heirat ermöglichen, die in jeder Hinsicht so außerordentlich passend für ihn ist. Mit der Bitte um gütige Antwort verbleibe ich, verehrtes Fräulein
Ihre ergebene
Jessie Wilson."
Einige Minuten saß Aimee wie gelähmt. Die grausamen Worte verschwommen in entsetzlichem Wirrwarr vor ihren Augen. „Richard liebt sie nicht mehr! Gr wartete nur auf seine Befreiung von ihr, um einer anderen seine Neigung zu erklären!" Ihre ganze Seele bäumte sich gegen eine solche Möglichkeit auf.
„Es ist eine Lüge, eine Lüge! Er kann nicht falsch sein, während ich ihm treu bleibe", rief es in ihr, und all ihre Liebe, all ihr Vertrauen wallten noch einmal leidenschaftlich in ihren: Herzen auf. Jede Fiber an ihr erzitterte in namenlosem Schrecken, und ein unsägliches Weh drückte sich in ihren feinen Zügen aus. Ein voriiberlaufendes Kind deutete mit dem Finger auf sie.
„Mamsell ist krank", rief es seinen Kameraden zu und voll Angst davor, noch weitere Aufmerksamkeit zu erregen, erhob Aimee sich fast taumelnd und überlegte, wo sie sich vor der blenden Sonne und den neugierigen Augen der Menschen verbergen könne.
(Fortsetzung folgt.)
Erdbeeren.
Von Schenk ling-Prsvöt.
Tie Herrschaft Waldmeisters hat ihr Ende erreicht — einer lieblichen Fürstin bringen jetzt die bescheidenen Kinder des Waldes ihre Verehrung dar, urid nicht nur sie, auch wir Menschenkinder huldigen der anmutigen Waldfürstin, die aus ftischem, feingebildetem Blattwerk jedem Wanderer freundlich zunickt. Es ist die Walderdbeere.
Auf schwankem, dünnem Stielchen hängt das rote Köpfchen, den Waldesduft mit seinem Aroma würzend. Und hat uns der Weg in einen Erdbeerschlag geführt, dann ftndet das Pflücken und Essen schier kein Ende, denn die Früchte sättigen nicht mehr, soviel man ihrer auch verzehren mag; die Schuld daran trägt nach der Legende ein habgieriges Kind. Mit dem Körbchen am Arm war es in den Wald gegangen, um die süßen Beeren zu pflücken, und bald konnte es den Heimweg antreten. Da begegnete ihm die Mutter Gottes und fragte, was es in dem Körbchen trage. „Nichts!" entgegnete das trotzige Kind. Ist es nichts, slo soll es Dir auch nicht genügen!" sagte die hohe Frau, und seitdem sättigen die Beeren nicht mehr. Der prächtige Schweizer Johann Peter Hebel hat denselben Gedanken in seinem Gedichte „Der Knabe im Erdbeerschlag" in poetischer Form dargestellt. Trotzdem rät der Volksmund den: Reitersmann, beim Erblicken dieser Frucht vom Pferde zu steigen, sie zu pflücken und zu verzehren, auch wenn er noch so große Eile habe. Aber eine Mutter, welcher der unerbittliche Tod ihr Liebstes genommen, soll vor Johanni Früchte nicht ge- nreßen, denn am Tage des Täufers werden die verstorbenen Kindlein von der heiligen Jungfrau in das Para- ^?.,.öum Erdbeerpflücken geführt, von welch süßer Be- schafügrnlg diejenigen ausgeschlossen sind, deren ge- naschrge Mutter den Verlockungen mcht zu widerstehen vermochte und den für die Kindlein bestimmten Anteil vorweg nahm.
Aber nicht nur dem kleinen Volk und dem durstigen Wandersmann smd Erdbeeren eine Erquickung: ihr aro- matrscher Duft und erftischender Geschmack hat sie zur Zrerde selbst der vornehmsten Tafel werden lassen. Und ^lnge bevor gewöhnliche Erdenpilger im Walde die saftigen pflücken können. Prangen deren aristokratische Schwestern itt kostbaren Schalen in den Speisesalons der
Vornehmen und können dort fast das ganze Jahr hindurch angetroffen werden. Bis vor etwa 25 Jahren waren die großen Gärtnereien an der Riviera die Lieferantinnen nicht nur der Schnittblumen für unsere kalter: Wintermonate, sondern auch die der Erdbeeren. So trieb z. B. eine der größten Gärtnereien in Antibes unter 2500 Quadratmeter Glas — um sich von der Witterung unabhängig zu machen — ca. 550 000 blühende Pflanzen und außerdem unter 1800 Quadratmeter Glasdach iÄdbeeren.
Heute ist das anders geworden. Unsere Gärtner sind ihren ausländischen Kollegen nicht nur Konkurrente:: in der Lieferung eines duftigen Blumenflors für die kalte Jahreszeit geworden, sie haben sich auch auf Erdbeerkultur gelegt. Nach dem Gartenbaudirektor Göschke giebt es heute an eintausend Arten der Erdbeere, die unter allen Himmelsstrichen gezogen werden. Als dankbarste Erdbeersorte gilt gegenwärtig „Noble". Sie reist früh, anfangs Juni, und hat große, runde, schöne rote Früchte von angenehmem Geschmack. Bald nach „Noble" haben der „Alleinherrscher" und die längliche „La Constante" Vollreife erlangt und werden gern zum Einmacken benutzt. Die süßeste aller Arten ist „König Albert von Sachsen"; sie hat rosafarbene, alattrunde Früchte. Von angenehm säuerlichem Geschmack ist „Lucida Perfekta", die Ende Juli reift. Der „Zar^ mit seinen eiförmigen, lebhaft roten Früchten ist in russischen Hofkreisen geschätzt und wird zur unwirtlichen Jahreszeit mit Tausenden von Rubeln bezahlt. Auch für die Früchte „La France", „Bonne Bouche", „Comte de Paris", „Bijou" und „Napoleon III." wird manches Goldstück geopfert. Die englische Miß erquickt ihre five o'clock-Gäste mit „Wonderfull", „Prinz of Wales" oder „Latest off all". „Unser Fritz", „Deutscher Held", „Graf Moltke" giebt Dressel in Berlin zum Sekt, wie ein Wiener Kollege Sacher „Die schöne Wienerin" oder „Prinz Eugen" oder „Rothschild" dem sprudelnden Naß beifügt.
Ein Dorado für Erdbeerenesser ist indes Süd-Kalifornien, und der Graf von Helfenstein, der gesagt haben soll, es sei gut, daß seine Güter nicht aus Erdbeeren beständen, sonst würde er sie alle aufessen, hätte gut getan, nicht zur Zeit der Bauernkriege, sondern in unseren Tagen dortlands gelebt zu haben. In San Francisko kann man jeden Tag frische Erdbeeren kaufen — und zu welchen Preisen! Um Weihnacht kostet ein Pfund dieser herrlichen Früchte 10 Cents, im Mai und Juni die Hälfte. An 200 Acres sind bei der Ortschaft Azusa mit Erdbeeren bepflanzt/ Die Ernte deckt selbstverständlich nicht nur den Bedarf für den Staat Karolina, sondern ein großer Teil wird nach den Zentral- und Oststaaten des Unionsgebietes ausgeführt. Auch in der Umgebung von Gardina, südlich von Los Angeles befinden sich ausgedehnte Erdbeerkulturen, die namentlich Newyork 'mit diesen Früchten versorgen. Der größte Züchter liefert allein den zehnten Teil aller Früchte und beschäftigt 10000 Pflücker. Mcht minder blüht die Erdbeertreiberei in Virginien. Die virginische Erdbeere wächst übrigens an den Niagarafällen in großen Mengen wild und wurde von dort nach England gebracht, ivo sie in der Grafschaft Kent eine zweite Heimat fand. Aus der Chile-Erdbeere wurde im Anfänge des 19. Jahrhunderts durch den Engländer Keen zu Jsleworth die erste Kreuzung gewonnen, welche die Grundlage aller heutigen Kreuzungsversuche wurde. Auch Deutschland hat ferne Erdbeerdistrikte. Eine der ältesten Kulturstätte!: sind die Bierlande, woselbst man namentlich die Moschus- oder Zimterdbeere züchtet. Diese „Vierländer Erdbeere", wie sie auch genannt wird, besitzt die Eigentümlichkeit, einhäusige Pflanzen zu treiben. Die fruchtbaren Stöcke haben unentwickelte Staubgefäße, während die unfruchtbaren, Caprons oder Böcke genant, entwickelte Staubgefäße besitzen und an einem schwarzen Fleck inmitten der Blüte kenntlich sind. Andere wichtige Erdbeerzüchtereien.giebt es in Erfurt, Stuttgart, Jena, Köthen. Das bedeutendste deutsche Erdbeerparadies ist aber die „Lößnitz", das sächsische Nizza, unterhalb Dresdens am rechten Elbufer. Hier iverden aus einem Areal von 900 Hektar nur Erdbeeren kultiviert; in der Hochsaison beträgt der Tagesumsatz 2000 Kilo. Ganze Waggonladungen dieser herrlichen Früchte gehen nach dem Norden, insbesondere nach Berlin. Diese Millionenstadt wird außerdem auch von Werder mit Erdbeeren reichlich versorgt. Seit 1853 kommen die Werder- schon Obstsendungen auf Schleppdampfern bis ins Herz Berlins. Erdbeeren und Süßkirschen eröffnen den Markt,


