Ausgabe 
3.7.1903
 
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!zwanzigsten Angust zrc bleiben, dann aber müsse sie sich elbst und ihre wenigen Habseligkeiten anderswo unter­zubringen suchen.

Die Nachrichten von ihrer alten Freundin in England lauteten noch immer traurig. Die Nichte, zu deren Pflege diese hingeeilt war, war gestorben; eine jüngere Schwester lag an der gleichen Krankheit schwer darnieder. Richard's letzter Brief war kürzer und verstimmter gewesen als die vorhergehenden.Schreibe mir in den nächsten Tagen nicht", hatte er gebeten.Im Laufe einer Woche muß wegen Westfields und Norwich endgiltig entschieden wer­den. Dann komme ich, hinüber, um Dich zu besuchen, noch kann ich nicht sagen Dich abzuholen."

Das eigene Heim schien demnach noch immer in weite Ferne gerückt, und der kleine Geldvorrat, den Fräulein Osborne ihr zurückgelassen hatte, war nahezu erschöpft. Aimee wußte, daß sie ihr kleines Vermögen auf der Bank ohne Fräulein Osborne's Unterschrift nicht erheben könne. Um diese aber zu erlangen, hätte sie vieles er­klären müssen, worüber sie lieber Schweigen bewahrte. Die Elliots waren fern von Brüssel auf einer Schweizer Reise. Selbst die alte Holländerin, die Pförtnerin des Hauses, in dem ihr Vater Jahre lang gewohnt hatte eine gute alte Seele, die es sich zur Ehre gerechnet hätte, ihreliebe kleine Engländerin" unter ihren Schutz zu nehmen selbst sie hatte ihre Ersparnisse zusammengerafft und ihre Vater­stadt Antwerpen ausgesucht, um dort ihre Tage zu enden. Von den Künstlerbekanntschaften ihres Vaters wußte Aimee nur wenig; er hatte sie stets ängstlich besorgt von den­selben serngehalten. So kam es denn, daß in ganz Brüssel kaum ein junges Wesen zu finden gewesen wäre, das ein­samer und verlassener dagestanden hätte, als die arme Äimee.

Der einzige Plan, zu dem sie sich widerstrebend ge­trieben fühlte, war ein Vorschlag an Frau Rochford, gegen entsprechende Vergütung noch eine zeitlang unter ihrem Dach zu bleiben. Aber Frau Rochford schlug ihre schüchterne Bitte kurzweg ab. Sie war zu sehr zur Eifer­sucht geneigt, und Aimees Beliebtheit bei Schüler und Dienstboten schien ihr eine persönliche Beleidigung. Ihr Entschluß, das junge Mädchen los zu werden, stand un­erschütterlich fest.

Die Hälfte ihrer drei letzten Wochen war rasch ver­gangen, eine Entscheidung über ihre Zukunft ließ sich nicht mehr länger aufschieben. Richard hatte weder geschrieben, noch war er selbst gekommen. Und eines Abends zählte Aimee in trauriger Stimmung, in der ihr zugehörigen Ecke des großen Saales, ihre kleinen Schätze. Sie fragte 1 sich gerade, ob wohl eine Tochter der alten Pförtnerin, eine Frau Werte, die Inhaberin eines kleinen Putzgeschäfts in Brüssel, sie für eine zeitlang aufnehmen könne, als Frau Rochford mit besonderer Höflichkeit sie an das andere Ende des Saales rief. Hier befanden sich einige Fremden, von deren Eintritt Aimee kaum Notiz genommen hatte, da sie sonst absichtlich von Besuchern ferngehalten wurde.

Dies ist Fräulein Forest, Herr Henderson", wandte sich Frau Rochford "mit verbindlicher Miene zu einem statt­lichen, klug aussehenden Herrn,und ich glaube, Frau Henderson" damit stellte sie Aimee zwei Damen vor, von denen die jüngere, ein etwa fünfzehnjähriges Mäd­chen, offenbar als Schülerin eintreten sollte.Ich glaube, wenn Ihre Tochter in deren Fußstapfen eintritt, und bei denselben Professoren Unterricht nimmt, so werden Sie mit dem Erfolge ihrer Musikstudien sehr zufrieden sein."

Herr Handerson, der nur den Mund zu öffnen brauchte, um sich als Amerikaner zu kennzeichnen/betrachtete Aimees bleiches, hübsches Gesichtchen, als ob er den Umfang ihrer Stimme daraus ersehen könne.

In Brooklyn haben wir ein gutes Urteil in solchen Dingen", sagte er.Und wenn uns die junge Dame eine Probe ihrer Gesangskunst geben will, so können wir bald sehen, welche Ansprüche man hier macht."

Aimee begriff nun, für was man ihrer bedurfte sie sollte für die Schule Propaganda machen, und da auch die beiden Damen, die eine mit matter, die andere mit lebhafter Höflichkeit Herrn Henderson's Bitte unterßützten, nahm Aimee an dem Piano Platz und sang bereitwilligst alles, was man ihr vorlegte.

Ihre Stimme mochte vielleicht der gewohnten Festig­keit entbehren, aber niemals hatte sie süßer geklungen. Tie Amerikaner gäben ihrem Entzücken lauten Ausdruck.

So wirst Du auch singen, wenn Du zurückkommst. Isabella", sagte Herr Henderson zu seiner Tochter.Und dann darfst Du Dir selbst ein Geburtstagsgeschenk aus­wühlen! Ich wünschte, Fräulein Forest, anstatt nach Hause zu gehen, wo dies nun auch sein möge", Frau Rochford hatte bereits ihre eigene Fassung von Aimees Geschichte zum besten .gegeben,würden Sie über das Meer mit uns kommen. Ich habe noch drei Töchter zu Hause, und wenn Sie deren junge Stimmen der Ihrigen ähnlich schulen könnten, würde ich mich sehr erkenntlich zeigen. Nun, was sagen Sie dazu?"

O, ich versichere Sie, Fräulein Forest hat ganz andere Pläne", schaltete Frau Rochford hastig ein. Die Aussicht, einiger Schülerinnen beraubt zu werden, war eine Folge des Gesanges, auf die sie nicht gerechnet hatte.Ich glaube nicht, daß Geldvorteile sie abwendig machen könnten von ihren Träumen!"

Es war eine taktlose Anspielung, die Aimee wohl ver­stand, denn Frau Rochford pflegte über ihre Verlobung, von der Fräulein Osborne sie in Kenntnis gesetzt hatte, stets ironische Bemerkungen zu machen. Im Augenblicke hatte ihre kleine Bosheit den gewünschten Erfolg; denn Aimee zog sich rasch in ihre Ecke zurück, wo sie still im Zwie­lichte saß, bis die Hendersons kamen, um sich von ihr zu verabschieden.

Wir wollen mit unserer Bella noch eine Tour über den alten Kontinent machen, ehe wir sie hier verlassen", sagte der Vater.Wie uns Frau Rochford mitteilte, werden Sie vor unserer Rückkehr weggehen, es müßte denn gerade sein, daß Sie über mein Anerbieten noch anders denken lernen. Wäre dies der Fall, so fragen Sie nur in den nächsten drei Tagen im Hotel Britannique nach Ralph Henderson und bringen Sie ihm die angenehme Nachricht. Und nun leben Sie wohl, Fräulein Forest, ich wünsche Ihnen alles Angenehme für die Zukunft."

Herr Henderson hatte mehr im Scherze gesprochen, und Aimee legte seinen Worten auch keine weitere Bedeutung bei. Beide ahnten nicht, daß schon die nächsten Stupsten eine unerwartete Annäherung für sie bringen sollten.

Die erste Post des folgenden Tages brachte Aimee wieder nichts. Mer als sie um elf Uhr das Haus verließ, um sich womöglich bei Frau Werke ein Unterkommen zn sichern, wurde ihr unter der Tür ein Bries eingehändigt. Sie erblickte die englische Marke und ihr Herz schlug hoch! aus, als sie ihren Schatz in die Tasche schob, und weiter eilte, um ein ruhiges Plätzchen im Park auf^u- suchen, der um diese Stunden nur von einigen werß- behaubten Kindermädchen und deren Schützlingen belebt war. Ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr ihren Lippen, ehe sie nur ein Wort gelesen hatte. Sie betrachtete noch­mals die zerrissene Briefhülle und bemerkte jetzt, was ihr zuerst entgangen war: weder Brief noch Adresse waren von Richards Hand. Die Schriftzüge schienen ihr nicht fremd, sie mußte dieselben schon einmal gesehen haben. Mit erbleichenden Wangen und angehaltenem Atem las sie folgende seltsame Mitteilung:

Bridgeham, 9. August. Wertes Fräulein!

Obschon wir einander nicht persönlich bekannt sind, muß ich doch den sehr ernsten Schritt tun. Ihnen über eine Angelegenheit zu schreiben, die für mich und wohl auch für Sie von tiefstem Interesse ist. Mein Bruder, Herr Richard Morgan, wohnt seit ferner Wreise von B.üssel in meinem Hause, und obschon er Ihrer nie bei mir er­wähnte, habe ich doch auf Umwegen erfahren, daß Ihre gegenseitigen Beziehungen einst mehr als freundschaftlich waren. Mein Bruder ist von Natur so zurückhaltend, daß ich unmöglich mit ihm selbst über die Sache sprechen kann, obschon ich deutlich sehe, wie sehr ihn der Gedanke daran quält und martert. Ich fühle es deshalb als meine Pflicht, in Ihrem beiderseitigen Interesse Ihnen zu sagen, daß er alle Ursache dazu hat. Eine Heirat ohne Liebe ist für jede Frau ein beneidenswertes Los, und ich habe sichere Beweise, daß er Ihnen, wie auch einst seine Gefühle für Sie sein mochten, nicht mehr die Neigung entgegenbringen kann, ohne die eine glückliche Ehe nicht denkbar ist. Ob' verschiedene Gründe diese Aenderung seiner Gefühle ver­ursachten, kann ich nicht sagen; aber einen Umstand darf ich nicht unerwähnt lassen. Ich selbst, sowie viele andere haben die Bemerkung gemacht, daß eine Dame in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, aus deren Besitzung nrem