Freitag den 3. IM.
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1903. — Nr. 97.
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Etwa acht Tage nach sei Bruder, nach des Doktors An
(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau.
(Fortsetzung.)
Dagegen gab es kein Auflehnen. Minor mußte sich folgsam entfernen und die neuen Sorgen dieses ereignis- vollen Tages mit nach Westfields zurücknehmen. Erst am nächstfolgenden Abend erhielt Frau Wilson die Erlaubnis, einen Blick in das Krankenzimmer zu werfen. Zum ersten Mal seit seinem Unfall hatte der Schlaf den Patienten überwältigt. Aber es war keine erquickende Ruhe, deren er sich erfreute, denn seine Lippen bewegten sich unbehaglich unter, dem Einfluß eines quälenden Traumes.
Mehrmals murmelte er einige Worte vor sich hin und Frau Wilson lauschte gespannt, bis sie zuletzt deutlich hörte: „Wir können nicht heiraten — noch immer nicht. Ich hätte es nicht versprechen sollen — — o wäre ich doch mein eigener Herr!"
Eine unruhige Bewegung erweckte den Schlafenden zu neuen Leidensstunden, und seine Schwester hatte kaum Zert, unbemerkt davonzuschleichen. Aber das, was sie gehört hatte, genügte, um von neuem ihren Verdacht wachzurusen. Sie war überzeugt, daß das Gespenst einer alten Liebesgeschichte sich zwischen ihren Bruder und Minor drängte, und ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend 'mit der Frage, wie sie ihn aus diesen, nach ihrer Ueberzeug- ung gewiß unwürdigen Fesseln befreien könne. Schließlich faßte sie den unseligen Entschluß, ein wenig Vorsehung zu spielen und die Hindernisse aus seinem Wege zu räumen, einerlei, welcher Mittel sie dazu bediirfeu würde.
In Westfields lag unterdessen Fräulein Bassett zwischen Leben und Tod, und eine Woche lang erschien es sehr unwahrscheinlich, daß sie wieder genesen werde.
An ärztlichem Beistände und sorgfältiger Pflege fehlte es ihr nicht.
„Sparen Sie an nichts, was ihr dienlich sein könnte", hatte Minor am ersten Tage angeordnet. „Aber ver- langen Sie nicht, daß ich sie sehe. Bei Kranken bin rch nrcht am Platze", unb Herr Pott schüttelte den Kopf über dies unfreundliche Ende einer höchst freigebigen Rede.
Tag für Tag fand stcn Minor in der Villa ein; sie war w so gedrückter Stimmung, so ängstlich wegen Herrn Morgan s langsamer Wiedergenesung, so ungeduldig, ihn zu sehen, daß Fran Wilson zuversichtlich darauf rechnete, L°k«rst° Begegnung werde mit der so sehnlichst gewünsch- ten Verlobung enden — wenn nur ein Hindernis beseitigt wäre!
Etwa acht Tage nach feinem Unfall saß sie bei ihrem B-ruder, nach des Doktors Anweisung ängstlich bemüht, nur Heitere, angenehme Dinge zur Sprache zu bringen. Endlich
wagte sie sich auch an das Thema, das ihr am auf-» heiterndsterr schien:
„Fräulein Graham sehnt sich ganz außerordentlich dar- nach, Dich wiederzusehen, Richard", begann sie.
Der Kranke seufzte tief auf. „Sie kann sich nicht mehr! danach sehnen, als ich selbst. Hat sie Nachricht von ihrem Vater erhalten?"
„Ja, ich glaube, gerade darüber wollte sie mit Dir sprechen. Er wird in der allernächsten Zeit hier eintreffen."-
„Dem Himmel sei Dank!" sagte Richard müde. EL hatte, die Absicht, noch weiter zu sprechen, denn seine beständige Angst um Aimee wurde bei seinem geschwächten Zustande fast unerträglich für ihn, als gerade Dr. Wilson mit fröhlicher Miene zu ihm eintrat r
„Nun, mein Freund, darf ich Dir noch einen Besuch bringen? Harris quält mich bis aufs Blut, ihn herauf kommen zu lassen, und ich will es ihni nicht mehr ab- schlagen., Zehn Minuten mag er bleiben, aber nicht länger. Jessie, ich verlasse mich auf Dich, daß Du zur rechten Zeit hierher kommst und ihn verabschiedest."
Eine Minute später trat der Verwalter ein. Sein ehrliches Gesicht strahlte vor Freude, und er benutzte die ihm bewilligten zehn Minuten hauptsächlich dazu, Herrn Morgan zu seiner Rettung zu beglückwünschen. Allein seiner Ansicht nach machte die Genesung zu langsame Fortschritte. Er hätte ihn gern kräftiger gesehen, sagte er, und fügte mit einem weisen Kopfschütteln bet:
„Was Ihnen jetzt gerade fehlt, Sir, ist eine liebe, junge Frau. Die würde Ihnen rasch wieder aufhelfen, das versteht eine Frau am besten."
Das war eine gerade, offene Sprache; aber es fiel Richard nicht ein, sie übel zu nehmen. Das Verlangen, mit irgend jemand von Armee zu sprechen, löste ihm die Zunge.
„Eine Frau! Harris"; antwortete er, „Sie haben recht. Der besten Eine wartet auf mich, und ich würde sie keinen Tag länger warten lassen, wenn ich nicht unglückseligerweise hier festgebannt wäre."
In diesem Augenblick trat Frau Wilson hinter dem Bettschirm hervor. Er hatte ihr Erscheinen überhört, und so kam es, daß sie seine letzten Worte verstand. Harris! verabschiedete sich voll guter Wünsche für die baldige Wiedergenesung des Patienten. Ermüdet vom Sprechen legte Richards sich schweigend um, während das geschäftige Hirn seiner Schwester Pläne zu seiner Befreiung-schmiedete.
9. Kapitel.
All die langen heißen Sommertage hindurch iüartete. Aimee Forest geduldig aus das Ende ihrer Leidenszeit. Ihr Aufenthalt im Marienhause wurde mit jedem Tag unerträglicher, denn Frau Rochford, der die aufgedrungene Hausgenossin zur Last war, kannte keinerlei Rücksicht, wo es nicht chr eigenes Interesse galt. Sie hatte Aimee deutlich erklärt, daß sie ihren Vertrag mit Fräulein Osborne buchstäblich erfiillen und ihr erlauben wolle, bis zum einuno-


