Ausgabe 
3.6.1903
 
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HUtnissen, in Reichtum und Armut gefallen vor allem Keine Aufmerksamkeiten, die sich in einem lieben Ge­denken, in einem hübschen Ginfall äußern. Es bedarf hierzu keines großen Aufwandes an Zeit und Geld. Manchen ist es angeboren, stets an das, was anderen Freude macht, zu denken, aber vielen kann es anerzogen werden. Marr sieht im Familienleben, wie oft selbst in schwierigsten Ver­hältnissen kleine Aufmerksamkeiten der einzelnen Mitglieder gegen einander traurige Tage freundlicher gestalten; auch rrach dieser Richtung hin wirken die Spielabende.

Aus den zu ihrem Vergnügen ausgeschnittenen und getuschten oder gezeichneten Bildchen machen die Kinder zum Weihnachtssest Glückwunschkärtcheu. Und wenn diese wertlosen Stückchen Papier, sicherlich künstlerischen Anfor­derungen nicht entsprechend, von den Kindern mit Vorliebe anonym den Eltern oder Verwandten zugeschickt werden, bereiten sie dennoch mehr Freude, als die kostbaren gold- geräuderten Karten, die sich zum Feste auf den Tischen der Reichen häufen. Die Bilderbücher, die an den Abenden geklebt, die Papierblumeu, die angefertigt werden, wandern in die Spitäler und Siechenhäuser, und so lernen Arme ttnrfi 9Tt>rHipre erfreueit

Noch eine wichtige Mission erfüllt sich von selbst aus den Spielabenden, eine günstige Beeinflussung der Eltern durch ihre Kinder. Oft sind es traurige Heime, aus denen die Kleinen stammen, Heime, in denen Unzucht, Brutalität und Gemeinheit herrschen, in denen von Mord und Tot­schlag als alltäglichen Dingen gesprochen wird, und doch sind besonders die Mütter zugänglich für die Lehren, die sie, halb unbewußt, durch ihre Kinder empfangen. Sie freuen sich, wenn ihre Kinder, die ehedem in sinnlosem Balgen und Schreien ihre Unterhaltung suchten, nunmehr wirklich spielen, tanzen und singen sehen. Fast jede der Helferinnen gewinnt bald ihre besonderen Lieblinge, um die sie sich auch außerhalb der Spielabende bekümmert, mit deren Familien sie in Verkehr tritt. Ganz besonders erwähnenswert ist der Einfluß der jungen Mädchen und Frauen auf die verwilderten Knaben der Gasse; ein Geist von Ritterlichkeit erwacht in ihnen, und wenn jemals in dem sogenanntennoisy-room", dem Saale, wo die lär­menden Spiele geübt werden, eine kleine Rebellion aus^- zubrechen droht, findet die Leiterin meist ihre beste Unter­stützung an ein paar von den größeren Jungen, deren Autorität sofort Ruhe stiftet.

Das Spiel ist für die harmonische Entwicklung des Kindes so unentbehrlich wie Essen und Schlaf. Jean Paul nennt das Spieldie erste Poesie des Menschen". Dem Kinde das Spiel erhalten, heißt also, ihm Poesie, Schön­heit, Kunst geben. Neben dem Satze:Die Kunst dem Volke!" darf daher wohl der Wahlspruch, stehen:Das Spiel dem Kinde".

Genreinnütziges.

Säuglingssterblichkeit. Nachahmung verdient eine Maßnahme, die der Regierungspräsident in Aachen zur Herabminderung der Säuglingssterblichkeit getroffen hat. Die Frauen aus dem Volke holen sich sehr oft über die Ernährung der Säuglinge Rat bei Hebammen. Die Hebammen haben auch sonst Gelegenheit, sich mit den Müttern zu besprechen. Das hat den Regierungspräsiden­ten veranlaßt, eine Verfügung an die Hebammen ergehen zu lassen, worin sie angewiesen werden, wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie über die Ernährung der ge­sunden oder kranken Säuglinge befragt werden. Die Ver­fügung lautet: Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist es gelungen, die allgemeinen Gesundheitsverhältnisse wesent­lich zu bessern: die Zahl der Todesfälle, die sogenannte Sterblichkeitsziffer, sinkt fast stetig, und die durch an- steckende Krankheiten verursachten Erkrankung^ und Todes­fälle nehmen immer mehr ab, insbesondere auch z. B. die an Kindbettfieber. Nur ein Gebiet ist von dieser Besserung bisher ausgeschlossen geblieben: die Sterblich­keit der Kinder im Säuglingsalter. Zurzeit sterben von je 100 Neugeborenen in dem ersten Lebensjahre fast noch ebensoviel« wie vor 20 und mehr Jahren. Durch neuere Untersuchungen ist festgestellt, daß die Ursache der meisten im Säuglingsalter vorkommenden Todesfälle eine Er­krankung des Magens und Darmkanals ist, daß diese Er­

krankung fast ausschließlich durch unrichtige Ernährung bedingt ist, daß alle diejenigen Kinder, welche mehrere Monate lang ausschließlich die Mutterbrust erhalten, dieser Gefahr fast gar nicht ausgesetzt sind, daß aber die Gefahr sofort, namentlich während der Sommermonate, außer­ordentlich steigt, wenn dem Kinde verdünnte Kuhmilch gegeben wird, und daß alle anderen Nahrungsmittel noch gefährlicher sind. Die Hebammen haben oft Gelegenheit^ den Müttern zu raten. Es ist bei der großen Kinder- sterblichkeit, tote sie namentlich auch im Regierungsbezirk Aachen herrscht, ihre Pflicht, diejenigen Ratschläge zu erteilen, die für Mutter und Kind am besten sind und die dem Volke eine große Zahl von Kindern erhalten können, deren Verlust bisher unvermeidlich schien. Im Anschluß an das Hebammenlehrbuch und um der Verantwortung willen, die die Hebammen in dieser Sache tragen, ordne ich hiermit folgendes an: 1) Die Hebammen haben in jedem Falle mit ernster Entschiedenheit darauf zu dringen^ daß die Mütter die Kinder so lange wie möglich, und, wenn es eben geht, mindestens 3 Monate lang ausschließlich! selbst stillen. 2) Kann die Wöchnerin anscheinend ihr totb nichi selbst stillen, so hat sich die Hebamme eigener Rat­schläge zu enthalten, sie hat vielmehr dahin zu wirken, daß ein Arzt zugezogen werde. 3) Stellen sich bei dem Kinde Verdauungsstörungen, insbesondere Erbrechen und Durchfall ein, oder tritt infolge mangelhafter Ernährung ein anhaltender Gewichtsverlust oder deutliche Abmagerung des Kindes ein, so hat die Hebamme sofort und mit aller Bestimmtheit darauf zu dringen, daß ein Arzt zitgezogen werde. 4) Kann die Mutter überhaupt nicht stillen, oder kann sie nicht genügend Milch geben, oder treten die vor­stehend unter Ziffer 3 beschriebenen Erscheinungen von Abmagerung auf, und kann es die Hebamme dabei nicht durchsetzen, daß ein Arzt zugezogen wird, so soll sie ans!- schließlich gute, gekochte Kchmilch in entsprechender Ver- oünnuna als Nahrung für das Kind anordnen. Sie hak dabei die Mutter oder die Pflegerin des Kindes zu beraten, wie der Kochkessel, die Milchflaschen, und der Sauger nach jedesmaliger Benutzung gründlich gereinigt werden! müßen. 5) Die Behandlung kranker, rnsbesondere am Brechdurchfall erkrankter Kinder, darf die Hebamme nie­mals übernehmen, schon deshalb nicht, weil die Verant­wortung, die sie damit auf sich nehmen würde, viel zu groß wäre. ___________

Literarischer.

Die Wirren auf der Balkanhalbinsel, auf der bulgarische Agitatoren durch Dynamitsprengungen und 'Revolver- Attentate ihrem Volk die Vorherrschaft in Mace- donien erringen wollen, haben Professor Ludwig Pietschs veranlaßt, im Juniheft von Velhagen & Klasin Monatsheften, seineErlebnisse während der bulgarischen Ereignisse vom August bis Sep­tember 1886" zu veröffentlichen. Der an dem Fürsten Alexander verübte Verrat wird immer ein tieftrauriges! Kapitel in der Geschichte Bulgariens bleiben. Aktuell is<i auch der Aufsatz überDas katholischeProtektorat tm Orient" von Dr. A. Charpentier. Da der Kaiser, wie alljährlich, so auch in diesenr Frühling wieder Gasts des Fürsten von Fürstenberg gewesen ist, wird der reich- illustrierte Aufsatz:Die Fürsten von Fürstenberg! und ihre Schlösser" von Gustav Levering besonders! interesfieren. Weiten Kreisen wird auch der von zahlreichen Abbildungen begleitete Aufsatz von Dr. M. Wilhelnr Meyer! dem Begründer der Berliner UraniaDer Ama­teur-Photograph auf Reisen" willkommen sein. Die hier erteilten und durch die Abbildungen illustrierten! Ratschläge eines kunstverständigett Fachmannes sind sehv beachtenswert. Ein dritter illustrierter Artikel ist der neuenGermania-Werft in Kiel" gewidmet. Erk ist ganz geeignet, uns ein Bild zu gewähren von der Höhe, bte die deutsche Industrie in unfern Tagen erreicht hat. Diese Werst, in der fast jede mechanische Arbeit von! Maschinen verrichtet wird, ist in ihrer Art wirklich ein! Weltwunder.

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Auf hoher See.

Redakttvn: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fihen UnivrrfitStS.Buch. und Steindruckerri (Pietsch Erben) in Gießen.