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Kinderspiel und Volksunterhaltnng.
Bon Adele Schreiber-Berlin.
Ein neuerwachtes Gewissen gegenüber den Rechten des Wndes, eine Anerkennung seiner Bedeutung, eine Schätzung seiner Individualität macht sich gegenwärtig fühlbar und Äußert sich in einein starken Willen, ein Reich des Kindes aufzubauen. In der Kunstwelt ertönt der Ruf: „Die Kunst dem Kinde!", und vor kurzem erst gab uns die anregende Ausstellung: „Die Kunst im Leben des Kindes" einen wertvollen Ueberblick der neuen Bewegung. Auch auf dem Gebiete der dramatischen Kunst ist man bemüht, durch Volksschüler-Vorstellungen schon auf das Kindesgemüt zu wirken, — neben all diesen Bemühungen aber klafft eine Lücke. Eine Bewegung zu ihrer Ausfüllung erscheint angesichts der proletarischen Jugend der Großstadt dringend nötig, das neue Schlagwort sollte lauten: „Das Spiel dem Kinde!"
Man klagt über die Verrohung der Jugend und liest entsetzt von wilden, ungebärdigen Kinderspielen, bei denen schwere Verletzungen und Grausamkeiten mit unterlaufen, und man jammert allgemein: „Die Großstadtkinder wollen nicht mehr spielen."
Die Wahrheit ist, daß sie nicht mehr spielen können, denn sie haben es verlernt. In den dumpfen, überfüllten Wohnungen, wo der harte Kampf um das tägliche Brot alles zurückdräugt, wo die Kinder, oft schon im zartesten Alter, vor und nach den Schulstunden miterwerben müssen, bleibt kein Raum zur Betätigung des kindlichen Spieltriebes, haben die Eltern nicht Zeit und frohe Stimmung genug, ihn zu fördern. Er bleibt bestenfalls aus die Gasse angewiesen, allen Gefahren, allen bösen Beispielen ausgesetzt, und Die Spiele, nie von einer liebenden Hand geleitet, arten dort allzuleicht in Roheit und Gemeinheit aus.
Man hat Jugendhorte gegründet, ivo die Kinder sich in den schulfreien Stunden aufhalten können, inan hat in dankenswerter Weise einige Versuche mit Jugendspielen im Freien unternommen, in den Kindergärten nehmen systematische Spiele einen breiten Raum ein; dennoch wachsen in der Großstadt viele Tausend Kinder heran, die von wirklichen Spielen keine Ahnung haben.
Die Volksunterhaltungsbewegung übt den Grundsatz, sich von der doktrinären Idee, das Volk müsse fort und fort erzogen und belehrt werden, freizuhalten, sie wünscht übermüdeten Menschen Unterhaltung zu geben, sie strebt danach, anständige Heiterkeit an die Stelle niedriger Genüsse zu setzen. Und so soll auch die Unterhaltung der Jugend nicht die Belehrung in den Vordergrund stellen. Es ist nicht stets am Platze, das Denken des Kindes zu uns Heraufziehen zu wollen; zuzeiten müssen wir hinabsteigen ins Land der Kinder, damit dem Kinde seine ureigene Welt bleibe. Die Kinderunterhaltungsbewegung darf sich daran genügen lassen, das Kind vor den Gefahren der Straße, vor Verwahrlosung und schlechtem Beispiel zu schützen, sie wird ihm dabei durch scheinbar zweckloses Spiel eine wertvollere innere Entwickelung geben, als es viel Wissensbalast vermag. Ein Verein für Kinder- unterhaltung würde eine segensreiche Tätigkeit entfalten können durch Schaffung beaufsichtigter Spielplätze für den Sommer, von Spielhallen für den Winter.
Von allem, was dort unternommen würde, sollte das Schulmäßige ferngehalten werden, kein Zwang, keine Strafe dürfte in diesen Heimen der Erholung herrschen.
Nach solchen Grundsätzen arbeitet seit Jahren die englische Institution der fröhlichen Abende. Sie hat ihren Hauptsitz in London, erstreckt sich aber auf viele Provinzstädte, wie Manchester, Leeds, Birmingham usw. In London allein unterhält sie in den verschiedenen Teilen der Stadt 50 Abteilungen. Ihr Zweck ist, den Kindern der Volksschulen frohe Abende zu bieten, nichts anderes!
Das Programm, so einfach als möglich, besteht vor allem darin, den kleinen Gästen völlige Freiheit zu gewähren; 73 Schulgebäude stehen, nach dem Nachmittags^- unterricht ausreichend gelüstet, zur Verfügung.
Es wird auch besonderer Wert darauf gelegt, daß die Kleinen sich sauber gewaschen und gekämmt einfinden. In der Halle werden sie von den freiwilligen Helferinnen, meist jungen Mädchen aus wohlhabenden Familien, zum Teil aber auch einstigen, nun ausgelernten Schülern dieser
Gemeindeklassen, die den glücklichen Abenden eine warme Erinnerung bewahrt haben, empfangen.
Fröhliche Musikklänge eröffnen mit einer Polonaise den Abend. Dann folgt freie Wahl der Spiele: „Wer will in die Puppenstube?" „Wer will malen?" „Wer will zur Märchenerzählerin, zu den Bausteinen und Zusammenlegspielen, zu den Rundgesängen und Bewegungsspielen usw.?" Da herrscht nichts von der steifen Scheu, die Kinder meist bei Einladungen an den Tag legen. Die Augen leuchten, blasse Bäckchen beginnen zu glühen, zutraulich und gesprächig sind die Kleinen in wenigen Minuten und sie lernen es rasch, unter bent Einfluß der Spielabende, sich auf manierliche Weise zu vergnügen. Das, was ihnen vorläufig nur einmal wöchentlich geboten wird, lebt in ihnen fort die übrigen Tage hindurch; sie erzählen es ihren Freunden, zeigen es den kleinen Geschwistern, ihre Gedanken erhalten eine heilsame, gesunde Richtung.
Zwölftausend Kinder nehmen zurzeit in London an den Abenden teil, viel zu wenig freilich! Die Lehrerschaft petitioniert immer wieder bei dem Kvmitee um Einrichtung neuer Abteilungen, weil die Aussicht auf die Spielabende einen geradezu zauberhaften Einfluß aus das Betragen in der Klasse und die Regelmäßigkeit des Schulbesuches ausübt.
Die Kosten sind relativ sehr gering, die Unterhaltung für 12 000 Kinder erfordert im Jahre etwa 6000 Mark; für 50 Pfennig pro Kind giebt es also 50 glückliche Abende' Die Organisation ist mit großem Geschick ins Leben gerufen. Die Schulräume stehen unentgeltlich zur Verfügung, ihre Reinigung kostet etwa 1500 Mark, Druckkosten und Porti etwa ebensoviel, 2000 Mark entfallen aus die Miete von Pianinos und die restlichen 1000 Mark auf Spielsachen. Die meisten Spielsachen werden geschenkt, für neue und alte Puppen, Malkästen und Bausteine, Schaukelpferde, Bilderbücher, auch für illustrierte Zeitungen zum Austuschen und Ausschneiden ist der Verein stets dankbar. Mit dem Ankleiden von Puppen für den Verein beschäftigen sich viele kleine und große Mädchen wohlhabender Familien in ihren Freistunden; zur größeren Aneiferung werden die geschenkten Puppen auf einer jährlichen Ausstellung, die gleichfalls wieder Geld einbringt, ausgestellt und die saubersten, besten Leistungen mit Auszeichnungen bedacht. Wahre Wunderwerke -liebevollen Fleißes kann man da sehen, mitunter Stücke, die in den ersten Kaufläden Aufsehen erregen würden. Daneben kommt freilich auch viel zerbrochenes und defektes Spielzeug zusammen, aber das tut der Fröhlichkeit keinen Abbruch. Mit einem großen Kasten trauriger Puppen-Jnvaliden, denen teils Arme, teils Beine, teils Köpfe fehlten, haben wir ärztliche Sprechstunde gespielt, und die Kinder unterhielten sich köstlich. Erwähnen möchte ich noch, daß die kleinen Mädchen sich eine ganze Anzahl von nützlichen Winken, die bei dieser Gelegenheit leicht mit einzuflechten waren, gemerkt haben. Sie mögen vielleicht dem wirklichen Baby zu Hause, das so ost der Obhut dieser 7-, 8-, 9 jährigen Mütterchen anvertraut wird, zugute gekommen sein. Im allgemeinen werden bei den Abenden keine Speisen verabfolgt, es sei denn, irgend ein Kinderfreund bereitet sich das Vergnügen, die Gesellschaft mit Kuchen, Obst, Limonade, Tee zu be- wirten. Bon Zeit zu Zeit finden auch künstlerische Veranstaltungen statt, Komiker. Bauchredner, Taschenspieler, Laterna magica-Demonstrationen, K'inematographen und Phonographen unterbrechen das Programm. Marionetteu- Theater und Dilettantenvorstellungen werden vorgeführt, eine Anzahl von Künstlern veranstaltet jedes Jahr heitere Freivorstellungen für die Schützlinge des Vereins. Leidenschaftlich gern üben die Kinder selbst die Einstudierung kleiner Stücke, Singspiele und dergleichen.
Beim Spiel entwickelt sich das kindliche Gemüt, hier bietet sich reiche Gelegenheit, ohne Bevormundung einen günstigen Einfluß auszuüben. In seinen interessanten Vorträgen über Moralunterricht hat Dr. F. W. Förster betont, auf das Kind solle nicht dann eingewirkt werden, wenn es infolge eines begangenen Fehlers mißmutig und erregt ist, der Erwachsene selbst schwer feinen Aerger be- meistern kann; in glücklichen Augenblicken werde die Seele des Kindes zum Guten gelenkt. Das selbst frohe Kind getvinnt Sinn dafür, andere zu beglücken; wenn ihm geschenkt wird, ist es empfänglich für die Idee der Selbstlosigkeit anderen gegenüber. In großen und kleinen Ber-


