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„I ch Königin Augnsta-Straße, Kastanienallee."
„Ich freu' mich riesig, Mensch. Weilchen im Knopfloch Ist das Erkennungszeichen. Natürlich: „Mola"! Es liegt Dieber ein tiefer Sinn darin!"
„Ich hab' eine Gardenie", sagte der Arzt, „sie ist vielleicht sinnlos, aber praktischer. Sie leuchtet besser."
Während die Suppe aufgetragen ward, räusperte sich hurt Unruh nochmals, brach ein Brötchen zwecklos in der Niitte durch, zerrte an seiner Serviette und meinte schließlich: „Wenn ich ganz ehrlich sein soll — so sehr ich den Donnerstag ersehne, ganz geheuer ist mir nicht. Mir bumpert das Herz ordentlich im Leibe. Eine so tief empfindende und bedeutende Dame, wie es ,Mola" nun doch einmal ist, muß auch gleich bedeutsam empfangen werden. Triviale Redensarten haben da keinen Kurswert."
„Pah", erwiderte Fred, „das ist Nebensache. Zunächst hat man sich doch einmal mit seinem bürgerlichen Namen vorzustellen. Tas weitere findet sich schon. Aber denk mal: wenn ums da ein mordsgarstiges Frauenzimmer in die Arme läuft — brrr!"
Ter Kellner brachte den Fisch.
„Jedenfalls", fuhr Fred Richter fort, „machen wir's |t>, daß wir uns um Sieben oder Acht — denn allzulange wird Tein Rendezvous nicht dauern — in der kleinen Weinstube treffen. Tu weißt schon: an der Lützowstraße. Da kann jeder beichten. Mn ich glücklich und zufrieden, bezahl' ich den Wein."
„Abgemacht. Aber Tu weißt, ich bin für Sekt. Be- stimmen wir also folgendes: der Josephshöfer wird halb vor Tir, halb von Dir getragen. Und wer befriedigt ist, hat Sekt zu geben."
„Schön! Uebrigens: hier ist der Antwortbrief von „Taugenichts".
„Und hier der von „Viola"!"
„Verdammt kurz", sagte der Assessor kopfschüttelnd.
„Und seltsam obendrein. Tas „Du" fehlt, der „Taugevichts" auch. Lies mal!"
Ter Kneifer ward fester auf die Muse gedrückt.
„Ter letzte Brief ist so merkwürdig dringend, daß er mich erschreckt hat, deshalb will ich das Rendezvous bewilligen. Donnerstag nachmittag fünf Uhr bin ich in der Kastanienallee, die der Königin Augusta-Straße gegenüber am Wasser entlang führt. Länger als eine Viertelstunde bin ich nicht abkömmlich. Als Erkennungszeichen bitte ich eine Gardenie im Knopfloch zu tragen. Ich werde eine Gardenie in der Hand haben."
Die Vettern sahen sich an.
„Der eigentliche „Taugenichts" fehlt mir in dem Brief", sagte Fred seufzend. „Na ja, es mag ihr auch bange genug fein. Und Dein Brief?"
„Ist sto ähnlich. Brauchst ihn nicht erst zu lesen. Netürlich viel netter. Du, Fred —"
„He?"
„Wenn mich „Viola" wirklich enttäuschen sollte — seit ich Rest in ihrem innersten Wesen erkannt hab', bin ich viel ruhiger. Dann halt' ich mich eben an Rest und ver- Ke immer mehr zu wecken, was in ihr schlummert. Ein nn vermag da viel."
Klirrend fiel Fred Richters Kompotlöffel auf den Glasteller.
„So, so", sagte er, „Tu hast gute Vorsätze."
Und mit grimmigem Galgenhumor hob er das Glas: „Also aus Frau Assessor „Viola" oder Resi Unruh!"
7. Kapitel.
Ter Donnerstag war wunderschön. In Tausenden und Abertausenden, von weißen Kerzen blühten die Kastanien, die sich im Zuge der Königlin Augusta-^Straße am Wasser hinzogen. Bog man von der Potsdamer Brücke ab, so verlor sich das brausende Leben der Weltstadt immer mehr und man hatte nicht weit zu gehen, um an eine Stelle zu geraten, toi» man tote in einem wunderbaren alten Park nur einen halben Wald von grünen Kronen sah, die sich leise weigten und niederschauten auf das kühle Wasser.
In dieser schönsten Allee Berlins sollte Fred Richter den „Taugenichts" erwarten.
Als die Uhr der Matthäikirche drei Viertel nach Vier zeigte, war er schon auf dem Platze. Ruhelos, die Gardenie im Knopfloch, schritt er auf und ab. Ter Strohhut stand ihm gut, der Helle Anzug desgleichen. Er konnte wirklich Mit sich zufrieden sein.
Aber auch er war merkwürdig erregt. Schließlich konnten die nächsten Minuten ja über ein Lebensschicksal entscheiden. Wie ein Falke blickte er also nach den Damen, die ihm entgegen kamen. Wenn die Gardenie nicht dabei war, atmete er ordentlich erleichtert auf und legte sich noch einmal die Begrüßung zurecht. Ten Hut sehr tief ziehen, sich vorstellen und den allerschönsten Tank dafür aussprechen, daß das gnädige Fräulein seinen heißen Wunsch erfüllt habe. Dann gab wohl ein Wort das andere und man fand sich in die eigenartige Situation.
Es schlug langsam fünf Uhr.
Plötzlich sah Fred Richter schärfer die Allee entlang. Auch dieses Pech noch! Gerade jetzt mußte Rest Bergmann, die wohl von Hedwig von Versen kam, ihm begegnen. Schauderhaft! Wenn nun in demselben Augenblick der „Taugenichts" auftauchte!
Es ward ihm heiß durch den ganzen Körper. Jetzt hieß es Haltung bewahren und Geistesgegenwart zeigen.
Er schlug also einen scharfen Schritt an. Resi Bergmann war bereits ziemlich nahe. Und mit Absicht rannte er beinahe an sie an.
„Herrgott Tu! 'n Tag, Resi! Ja, wo kommst beim Du her?"
Sie lächelte und gab ihm die Hand.
„Tas kann ich Dich eher fragen, Fred. Hast Du jetzt nicht Sprechstunde?"
Er wurde rot.
„Wichtige Konferenz. Bin zu einem Schwerkranken gerufen. Professor Mnig — Assistenzarzt — schrecklicher Fall —"
Man hörte zuletzt nur ein Murmeln.
„Hab' also Rieseneile. Grüß recht schön zu Hause. Adieu, Resi."
„Einen Augenblick, Fred", lächelte sie. „Sag mal, wie gefällt Dir eigentlich diese Blume?"
Sie hatte die linke Hand halb hinter dem Rücken gehalten. Jetzt streckte sie ihm mit rascher Bewegung eine Gardenie hin.
Er war völlig perplex und bekam einen ganz roten Kopf.
„Was — ist denn das?" stammelte er, „wie kommst Tu denn — zu der Gardenie?" Und dann, sich zusammen- nehmend: „Uebrigens eine hübsche Blüte, wirklich. Hab' sie, wie Tu hier siehst, auch gern. Nun aber nochmals adieu. Verzeih mein Ungestüm."
Sie schüttelte den Kopf.
„Tu bist ein sonderbarer Mensch. Erst bittest Du himmelflehend in einem beinahe sentimentalen Brief um ein Zusammentreffen, und wenn man es dann aus Gnade und Barmherzigkeit gewährt, willst Tu durchaus zu einem Schwerkranken."
„Wen hab' ich gebeten? Ich versteh' Dich nicht."
„Dann kennst Du vielleicht diesen Brief?"
Einen Moment war ihm, als bliebe das Herz stehen. Er konnte kaum Atem holen.
„Wie kommst Tu zu diesem Brief, Resi?" fragte er mit einer Stimme, die durch die Erregung wunderlich gefärbt war.
„Nur nicht die Ruhe verlieren, lieber Vetter. Der Brief ist an mich tote alle die ebenso adressierten vorhergehenden."
„Ja, bin ich denn behext? Mn ich denn irrsinnig? . . . Tu bist der „Taugenichts" — Du?"
„Ich habe die Verwegenheit", lachte sie. „Sv leid ejs mir tut. Dich so enttäuschen zu müssen."
Tas Gehirn Fred Richters schien für die nächsten Augenblicke noch immer nicht normal funktionieren zu wollen. Seine ganze Initiative und Geistesgegenwart war zum Teufel.
„Ist es denn möglich?" murmelte er. „Allmächtiger Himmel, ist denn das möglich?"
Und plötzlich: „Resi, hab Mitleid! Wie hängt die Geschichte zusammen, wie kommst Du zu dem Briefe, was hat sich überhaupt zugetragen? Erklär' mir's oder ich — zweifle an meinem gesunden Verstände."
(Fortsetzung folgt.)


