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von keiner Art Nachtwandeln bei irgend einem Von fljinew gehört."
„Bei keinem Ihrer Dienstl'eute, meinen Sie", fragte Clifford mit leichtem Nachdruck.
„Ja, natürlich. Denn wahrhaftig, Mann, Sie werden doch gewiß nicht zu sagen wagen, daß meine Nichte, meine liebliche Nell, der Dieb wäre, der Ihr schmutziges Geld ge- stöhlen hat?" schrie der Wirt in plötzlichem Wutausbruch, der um so wilder war, als Clifford bemerken konnte, daß dieser schon früher derartiges Flüstern gehört haben mochte. „Hier, Nell, Nell, wo bist Du?"
Und Cliffords zornige Einwände nicht beachtend, stürzte Claris ins Haus, und fast in die Arme der Nichte, die, schein--' bar nichts argwöhnend, bei dem Rufe ihres Namens schnell aus dem Garten hereingekommen war.
„Was giebt es denn, Onkel?"
Sie hatte noch immer den Hut auf, doch war er zurückgeschoben und ihr weiß und rotes Gesicht, von der gesunden Schärfe der frischen Morgenluft glühend, lächelte die er* hitzten und aufgeregten Gesichter der beiden Männer an.
„Dieser Mann, dieser Gentleman da, sagt, daß Du ein Dieb bist, tnein Kind; sagt, daß Du vorige Nacht in sein Zimmer gekommen seist und ihm seine Uhr und sein Geld, gestohlen habest und daß er Deine Hand dabei auf frischer Tat ergriffen habe. Da, antworte ihm selbst, Mädchen. Sage ihm, was Du von einem Halunken denkst, der solche Lüge wie die von meiner herzigen Nell sagt!"
Der Mann war aufs tiefste erregt und fast schluchzend vor Wut und Entrüstung. Was Clifford betraf, so verhielt er sich stumm; er konnte nur auf das Mädchen blicken, das, indem es dies anhörte, leichenblaß wurde und die Blüte seiner Schönheit vor Schrecken und heller Bestürzung zu verlieren schien.
4. Käpitel. >"
Eine Entd eckun g.
Trotz der Entrüstung und der inneren Selbstvorwürfe, die des Wirts grobe und grausame Rede in ihm hervor-, gerufen hatte, beobachtete Clifford das Mädchen genau, und war betroffen und erstaunt, zu bemerken, daß, während er und ihr Onkel sich in der Weißglühhitze der Aufregung befanden, sie eine merkwürdige Selbstbeherrschung an den Tag legte. Nach einer augenblicklichen Stille von ihrer Seite unterbrach sie Cliffords iÄitschuldigungen und Beteuerungen mit einer kleinen, empfindlrchen Bewegung der Hand.
„Lassen Sie es genug sein mit Entschuldigungen", sagte sie kurz. „Lassen Sie vielmehr hören, was Sie zu sagen haben. Jetzt verstehe ich erst, was Sie mit Ihrem „Gestört worden sein" gemeint haben."
Sie blickte aus den schäbigen Teppich des kleinen Wohnzimmers nieder und stand, die eine Hand auf den Tisch gestützt, mit halb abgewendetem Gesicht, mit der Miene gespannter Erwartung da. Es war augenscheinlich, daß sie nicht halb so hastig litt wie Clifford, dessen Stimme hecser und bebend war, als er antwortete:
„Sie nehmen nicht an, und können nicht annehmen, daß ich Ihnen irgend etwas zur Last lege", sagte er, indem er vergeblich ihren Blicken zu begegnen suchte und selbst den voreingenommenen Augen des Onkels die Wahrheit seines Gefühls verriet. „Ich wurde gestört diese Nacht. Ich fand unter meinem Kopfkissen eine Hand. Ich ergriff die Hand, die meine Börse und meine Uhr umschloß. war eine weibliche Hand, klein und weich und schlank. So, das ist alles, was ich weist"
„Aber Sie glauben, daß es genug ist, darauf zu fußen, wenn Sie meine Nichte des Diebstahls beschuldigen!" schrie Claris, wobei seine schwere Faust mit dumpfem Schall auf den Tisch niederfiel.
„Still Onkel", sagte das Mädchen mit vollkommene« Ruhe. „Mr. King meinte das nicht. Ich bin dessen gewiß."
Und zu des jungen Mannes innerster Erleichterung, und seine Dankbarkeit herausfordernd, sah sie ihm mik einem schwachen Lächeln gerade ins Gesucht-
„Dank Ihnen, von ganzem Herzen Dank', sagte er Ijeifcr.
Nell war noch sehr bleich, sie war aber ganz ruhig und gefaßt; und nach einer kurzen Pause, während der die beiden Männer sie beobachtet hatten, neugierig, was sie wohl Vorschlägen würde, setzK sie sich plötzlich auf einen Stuhl, stützte sich auf den Tisch in dem Bestreben, die Tat-
Und trotzig, ungläubig, faßte der Mann mit seinem Voten, ehrlichen Gesicht, das voll von sinsterem Unwillen war, seinen Gast ins Auge.
Clifford zögerte. Er hatte nichts über die Beschaffenheit dieser Hand gesagt, und er fing an, zu fühlen, daß 'fer lieber aller Aussicht aus Wiedererlangung der Uhr und des Geldes verlustig gehen, als, wie beschönigend auch immer, die furchtbare Anklage stellen möchte.
„Es war, wissen Sie, nur eine kurze Berührung. Die Hand wurde in demselben Momente, da ich sie fühlte, auch schon wieder weggezogen."
„Nun", murrte Claris, mit sichtbarem Argwohn auf seiner Seite, „mir scheint es höchst sonderbar, daß ein Mensch, der so etwas fühlte, nicht aufschreien sollte. Das erste, was ein Mann tun würde, wenn er nicht völlig ein Narr wäre, ist, aufzuspringen und dem Kerl nachzufetzen."
„Ach so!" rief Clifford mit scharfer Betonung.
George Claris sah ihn mit verstärktem Unwillen an.
„Was wollen Sie damit sagen, Sir?" !
„Daß ich nicht sicher, nein, daß ich weit entfernt davon bin, sicher zu sein, daß der Eindringling ein Mann war."
„Und wer glauben Sie denn, wer es war? Wer glauben Sie, war es, der Ihnen die Uhr und das Geld nahm? Sagen Sie's frei heraus, Sir. Heraus mit der Sprache, wenn Sie es wagen."
Das Blut stieg Clifford zu Kopf. Des Mannes sicherer, trotziger Ton schien zu zeigen, daß er entweder von der Wahrheit etwas wußte, oder Furcht davor hatte. Wieder überkam den jungen Mann ein überwältigendes Gefühl von Scham, das rhn verhinderte, deutlicher zu werden.
„Ich habe mich ausgesprochen", sagte er einfach.
Einige Minuten lang standen die Männer sich still gegenüber, jeder fürchtend, zu viel zu sagen. Worauf Claris, so inster und zornig wie je, Clifford ein Zeichen gab, ihm n den Gasthof zu folgen.
„Kommen Sie und sehen Sie sie an, sehen Sie sich alle an, besichtigen Sie alle, wenn's Ihnen beliebt", sagte er barsch. „Durchsuchen Sie dann das Haus, ob sich ein Weg darin zeigt, durch den jemand herein oder heraus gekommen sein könnte. Gehen Sie und sehen Sie selbst sage ich."
Clifford folgte ihm schweigend in den kleinen Schenk- verschlag, ließ Claris sich zeigen, daß das Fenster noch verriegelt und augenscheinlich nicht berührt worden war. Und so untersuchten sie zusammen der Reihe nach die Fenster und Türen des ganzen Hauses; und Clifford erkannte, daß wenn Claris nicht selbst in heimlichem Einverständnis mit ihm gestanden hatte, kein Dieb während der Nacht von außen hatte hereinkommen können. Doch Clifford hatte auch, gar nicht einen Dieb von außen beargwöhnt.
Was die Personen betraf, die die vorige Nacht im Hause geschlafen hatten, so gab George Claris ihre Zahl auf fünf an. Es waren: er selbst, seine Nichte, Clifford, die Magd, die Clifford am Schenktisch gesehen hatte, und die alte Nannie, eine Frau zwischen sechzig und siebzig Jahren, die in einer kleinen Stube schlief, die wenig mehr als eine kleine Speisekammer war, und im Erdgeschoß lag, weil die Frau zu schwach war, Treppen zu steigen.
Clifford sprach mit der alten Frau ein Paar Worte, damit er Gelegenheit fände, ihre Hände prüfen zu könuen. Sie waren verwittert und dürr und grob von der Feldarbeit und in den Gelenken von der Gicht verschwollen. Zweifellos war es nicht die Hand der alten Nannie, die die Uhr und die Börse genommen hatte.
Als er die Küche verliest wo er mit dem Wirt die Leute des Haushalts besichtigt hatte, folgte Clifford diesem wieder auf die Straße zurück vor dem Gasthause.
„Nun", sagte Claris trotzig, „haben Sie jedes sterbliche Wesen gesehen, das vorige Nacht hier im Hause war? Welches von ihnen war es, das nach Ihrer Meinung die ßqchen genommen hat?"
Clifford zögerte.
„Ich habe eine Idee", sagte er, „und ich wünsche, daß Sie mich ruhig anhören; da sie, wenn sie richtig ist, Sie alle jedes Verdachtes enthebt, etwas Unehrliches begangen zu haben. Giebt es hier im Hause ein — ein t— eine Frau, die nachtwandelt?"
„Nicht in der Leute Schlafzimmer, ihnen ihr Geld U» stehlen", antwortete Claris barsch. „Und ich habe


