Ar. 50.
1903.
Freitag den 3. April, r,.
(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Der Nachtwandelgedanke hatte ihm einigen Trost gebracht, und er war wegen Auskt irung des Geheimnisses ganz voller Hoffnung, als ein schwaches Geräusch vor seiner Tür ihn auffahren und horchen ließ. Er guckte hinaus auf den Absatz, doch war da niemand zu sehen. Er behielt gleiche wohl die Tür halb offen und lauerte.
Einige Minuten darauf fühlte er einen Zug kalter Luft, der von dem Erdgeschoß des Hauses kam, und rasch, auf den Treppenabsatz hinausstürzend, befand er sich Nell selbst gegenüber, die die Treppe hinaufrannte.
Wenn es nun nicht wegen des seltsamen Vorfalls der Nacht gewesen wäre, würde sich Clifford bei dieser frühen Begegnung nichts weiter gedacht haben. Man steht zeitig auf auf dem Lande, und Nell hatte, wie sie ihm selbst gesagt, abwechselnd mit der Magd das Meh zu besorgen. Auch würde die Tatsache, daß ein Fremder im Gasthofe wohnte, die Mühe, die sie sich gab, kein Geräusch zu machen, befriedigend erklärt haben. Das Herz aber voll der Todesangst eines notgedrungenen Verdachts konnte der junge Mann nicht umhin, zu bemerken, daß Nell erschrocken und schuldig aussah, daß die Farbe plötzlich aus ihren Wangen entwich und sie bei der Anstrengung, ihn zu begrüßen, stammelte: „Sie — o Sie stehen sehr zeitig auf. Ich — ich hätte — ja hätte nicht erwartet, Sie vor acht Uhr unten zu sehen —" brachte sie endlich hervor.
Und als sie scheu zu ihm aufblickte, lag in ihren Augen eine so unverkennbare Aengstlichkeit, die ihn kurz und kalt antworten ließ,
„Ich wurde gestört in der Nacht", sagte er steif, und vermied ebenso beharrlich ihre Augen, wie sie die seinen vermied.
„Gestört?" rief Nell mit schwacher Stimme.
, Httb dann sah sie ihm rasch ins Gesicht mit einem so forschenden, furchtsamen Blicke, daß Clifsords eigene Augen den ihren wider Wunsch und Willen mit dem Ausdruck des Argwohns begegneten.
toctr e3' was Sie gestört hat?" fragte das Mädchen.
. b"??^rüe. Gewiß, diese aufrichtige Besorgnis war
bch Beweis von Unschuld, nicht von Schuld. Sicher würde ein Diev bereit $eft>efen feilt, zu einer cteläuficteit 3lebe einem Blicke übertriebenen Erstaunens. Er sah wieder weg, völlig unfähig, die Geschichte seines Abenteuers für sie zurechtzulegen. 1 '
„O, ich weiß nicht. Es war nichts, wie ich denke", entgegnete er verwirrt.
Er fühlte, daß des Mädchens Augen auf ihm ruhten, er wollte ihnen aber nicht begegnen. Er mußte natürlich seinen Verlust zur Sprache bringen, doch sollte das bei ihrem Onkel, nicht bei ihr geschehen.
„Wie werden Sie sich nun bis zum Frühstück die Zeit vertreiben?" fragte sie jetzt. „Wir haben keinen hübschen Garten, worin Sie über einen anmutigen Rasenplatz spazieren gehen und Rosen pflücken könnten. Wollen Sie hinaus über die Marsch gehen, um im Meere zu baden? Ich könnte Ihnen den Weg zur Fähre zeigen. Oder würde es nicht zu langweilig für Sie sein, es mit anzusehen, wenn wir die Kühe hinaus treib en?"
Unschuld! Gewiß das war Unschuld! Clifford zögerttz nur einen Moment. In diesem Momente sagte er sich, daß er das Gefühl für das Mädchen besiegen müßte, daß er nicht Gefahr laufen wollte, noch mehr berückt zu werden, als er schon war. Aber im nächsten Augenblick siegte sie, und indem er herab in ihr schönes, liebliches Gesicht sah, war er bereit, zu glauben, daß ihn seine eigenen Sinne belogen hätten, daß die Hand, die ihn beraubt hatte, Nells Hand nicht sein konnte.
So folgte er ihr denn hinaus in den frischen Morgen, die Riegel aufschieben und die Gatterstangen öffnen, um die Kühe zur Tageswanderung über die Marsch herauszu- lasfen, und beim Suchen nach Eiern, die warm in den Nestern des Hühnerstalles lagen.
Lange vor der Frühstückszeit war das Ereignis der Nacht eine helbvergessenes schreckhaftes Traumbild geworden, und Clifford ergötzte sich ebensosehr, wie am vorigen Tage an Nells lebendigem, ungezwungenem Geplauder. Nur als ihre Hand die seine berührte, erinnerte er sich mit einem Schauer, daß es dieselbe Berührung war, die er in der Nacht gefühlt hatte, dieselbe zarte, weiche Haut, dieselben schlanken Finger, sodaß er sich noch vor seiner Begegnung mit dem Wirte gehalten fand, zu seiner alten Theorie zurückzukehren, daß Nell eine Nachtwand- lernt wäre.
Es war ein unangenehmes Geschäft, George Claris mit seinem Verluste bekannt zu machen; doch es mußte geschehen. Und sobald er sein Frühstück genossen hatte, folgte Clifford dem Wirte vors §au§, wo dieser die Läden öffnete, und sagte ihm, daß er ihm etwas Unangenehmes zu berichten hätte.
Der junge Mann bemerkte sofort an einem plötzlichen zu mürrischer Erwartung übergehenden Wechsel im Wesen des Wirtes, daß er nicht ganz unvorbereitet auf die Art der Geschichte wäre, die er vernehmen sollte. Er hörte mit Aufmerksamkeit die ganze Erzählung an und blickte nur auf, als Clifford beschrieb, wie er wirklich die Hand gefühlt hätte, als sie unter dem Kissen hervorgezogen worden wäre.
„Sie fühlten die Hand, sagen Sie?" fuhr George Claris hier auf. „Warum dann in aller Welt hielten Sie sie nicht fest und riefen?"


