Nr. 2.
1903.
BW
ML
D i e Tasse.
Bon M. Gawalewicz.
UuS dem Polnischen von Stefania GoldenrinA
(Nachdruck verboten.)
„Mein Herr, Sie wollen den Thee wirklich nicht trinken?"
„Wirklich nicht."
„Er ist gut, Sie können mir glauben; ich habe ihn eigenhändig aufgebrüht, mit denselben Händeri, über die Sie so schmeichelhafte Komplimente zu sagen pflegen."
„Hier geht'» nicht um den Thee —"
„Worum denn sonst —"
„Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen? — Es' ist aber so — lächerlich."
„Dann um so mehr. Worum handelt es fidji?" „Um die Tasse".
Z/Um die Tasse? — Gefällt Ihnen diese nicht? — Es' ist sächsisches Porzellan, mein Herr. — Kenner sind von ihr entzückt. Uebrigens lasse ich Ihnen sofort eine andere geben —"
„Meine Gnädige — lassen Sie es, bitte; es thut nicht» zur Sache, ob sie von Meißner oder Sevre-Porzellan, ob sie neu oder alt, teuer oder billig ist, — sobald' es nur eine Tasse ist."
„Wissen Sie, jetzt fange ich an, neugierig zu werden. Bon wo rührt dieser Widerwille gegen Tassen her? — Ich höre so etwas zum ersten Mal. Eine besondere Art von Idiosynkrasie —"
„Mein Gott, Sie fordern mich zur Beichte heraus, indessen verdient die Sache nicht so viel Beachtung; wäre es nicht besser, wenn wir über anderes —"
„Nein, nein; über nichts anderes wollen wir plaudern; Sie müssen mir erzählen, weshalb! Sie keine Tassen leiden können."
„Meine Gnädige — das ist zu gelinde gesagt — ich' hasse, verabscheue sie, kam: sie nicht ansehen. Sie lachen, ich aber meine es nicht scherzhaft. Ich habe mir zugeschworen, mich an ihnen bei jeder Gelegenheit zu rächen."
„Hört, hört! — Das ist ja etwas Außergewöhnliches. Sprechen Sie, sonst vergehe ich vor Neugier."
„Wünschen Sie es durchaus?"'
„Unabänderlich!"
„Schön, ich erzähle es Ihnen; vorher gestatten Sie Mir aber eine Frage: Wissen Sie, was' Elektromagnetismus ist? — Wenn Sie es schon wissen, um so besser. Bor fünfzig Jahren hatte wahrscheinlich keine Frau eine Ahnung davon. Bet der Einleitung meiner Erzählung muß ich nämlich Vergleiche aus der Physik heranziehen. Es ist Ihnen bekannh daß, wenn wir eine Walze aus weichem Eisen mit Draht umwickel», und den elektrischen Strom darüber leiten, so verwandelt sich das Eisen in
einen Magnet und behält so lange das Anziehungsver^ mögen, bis der elektrische Strom unterbrochen wird. AuS diesem Grundsatz beruhen die telegraphischen Drähte un« — manche Herzen, sowohl männliche wie auch weibliche^ Sie begreifen nicht, wo ich hinaus will? — Ich werde mich gleich deutlicher ausdrücken. Aehnlich wie es Jn- duktionsströme giebt, bestehen auch Induttion se mpfind- ungen, bas heißt, es giebt Herzen, die lieben, so lange sie sich von einem anderen Gefühl, gleichsam einem elektrischen Strom umgeben fühl eil. Wie das Eisen seine magnetische Kraft verliert, ebenso verlieren die Herzen ihre Liebe, jene hören auf anzuziehen, diese — zu liebem Wäre dieses Gesetz ein allgemeines, so würde jedes verliebte Paar nichts anderes sein, als eine gut eingerichtete Telegraphenstation, an der die Herzen als- Apparate funktionieren, und die Liebe würde dem regelmäßigen, gesetzlichen Telegrammaustausch gleichen. — Wie schade, nicht wahr, Gnädigste, daß uns die Natur nicht so geschaffen hat !— Dann würden wir ein ruhiges' Leben, wenige« Herzensdramen haben, und es würden auch weniger Menschen nach erfahrenem Liebesleid verzweifelt sein. Weshalb ich Ihnen all' dies erzähle? — 9hm, um Ihnen llar zu machen, wieso ich in einem Augenblick aufhörte^ meine Bilaut zu lieben. —"
„Sie hatten eine Braut?"
„Nun sehen Sie, wie aus dem Faden ein ganzes Knäuel sich aufrollt; freilich hatte ich eine. Es hat zwar nicht lange gedauert, wenn aber die Tasse nicht wäre."
„MH, sind wir endlich bei der Tasse?! —"
„Sehr bald. Meine Braut war eine junge Witwe, hübsch, anmutig, reich. Sie hatte noch zwei Eigenschaften, die so lange reizvoll sind, bis sie die unangenehmen Seiten hervorkehren: sie war launenhaft und jähzornig,. Wollen Sie glauben, daß ich' ihre Launen mit der Geduld eines Esels ertrug? — Verzeihen Sie den prosaischen Vergleich, aber er erscheint mir heute als der geeignetste. Ich- war in meiner Geduld eigensinnig, ivollte sie und mich auf die Probe stellen; ein Wink meiner Herrin genügte, müh zu allem zu bewegen, es gab kein Opfer, keinen Versuch- zu dem ich' mich nicht fähig gefühlt hätte, um sie zu befriedigen. Ich werde Ihnen nicht alle Einzelheiten meiner Liebensgeschichte erzählen, — um so schnell wie möglich' zu der verhängnisvollen Tasse zu gelangen, die Sie jedenfalls mehr interessiert, als meine Herzenspein, Nicht wahr? — Ach, die Neugierde verdrängt alle Gefühle, auch, das Mitleid im Herzen einer Frau, —"
~ „Ohne Parenthesen, lieber Herr."
„Wie Sie befehlen. Es schien mir also, daß ich in meine junge Witwe über die Ohren verliebt war. Ich wäre bereit gewesen, für sie sieben Jahre lang, wie für eine Rcchel, Wasser ans dem Brunnen zu tragen, Schafe, Ziegen und Mhe bei verschiedenen Labans zu weiden, unt


