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(von 6V22 Uhr) durch eine recht bewegte Damp-ferfahrt über die großen ostpreußischen Seen ausgefüllt. Von Rud- czanny führte der Dampfer über einen Teil des Nieder­sees, bet! Löwent insee mit Lötzen, einem sehr schön gelegenen Städtchen Ostpreußens, und über den gewaltigen Mauerjee nach Angerburg. Schmale Kanäle ver­banden die einzelnen Seen, von denen der Niedersee sich als der landschaftlich interessanteste zeigte. Einer der lang- samen oppreußischen Personenzüge brachte dann am Nach- nnltag die Exkursion nach Goldap, einer Kreisstadt mit 8400 Einwohnern, die mehr Leben zeigte, als die meisten oppreußischen Landstädtchen. Der riesig große Marktplatz in oer Mitte der Stadt, der auch für die meisten anderen Städtchen Ostpreußens charakteristisch ist, beweist, daß an den Markttagen die Bevölkerung aus der ganzen Umgegend in großer Zahl hier zusammenströmt und ihre Produkte aus­bietet.

In der Frühe des folgenden Tages (31. August) wurde mit zwei Wagen nach der Rominter Heide auf- gclrochen. Auf der großen Landstraße nach der Heide zu konnten nicht weniger als 80, zu dem Markte in Goldap eilende Fuhrwerke gezählt werden, die FeldfrücMe, Stroh, Vieh, ja kleinere Mengen Holz beförderten. Kurz nachdem das Goldapflüßchen überschritten und damit Litthauen betreten tvordetl war, erreichten die Fuhrwerke die Ro- ininter Heide, das iii jüngster Zeit besonders bekannt ge- wordeue Jagdrevier unseres Kaisers. Die Ronrinter Heide ist wie die Johannisburger keine Heide, sondern ein Wald, der sich aus Laub- und Nadelwald zusammensetzt. In seinen Beständen finden sich Fichten, Kiefern, Lärchen, Tannen, Birken, Eichen, Buchen, Espen, Eschen usw., ja auch Linden. Es fiel besonders eine ungepflegte Art des Waldes gegen­über den westdeutschen Wäldern auf. Nach einer drei­stündigen Fahrt wurde die in einer Waldlichtung gelegene Ansiedlung Rominten oder Theerbude erreicht. Kurz vorher war ein von dein Kaiser errichteter Aussichtsturm, dieKönigshöhe", bestiegen ivvrden, von dessen Spitze aus man einen schönen Rundblick über die riesige Waldmasse der Rominter Heide hatte. Nach Osten sah man in der Ferne die blendend weißen Häuser des russischen Ortes Wysz- tyten glänzen, wohin der Kaiser vor einigen Jahren nach einem Brande geritten war. Die Besichtigung des Rominter Jagdschlosses und der Hubertuskapelle, die beide in norwegischem Stil erbaut sind, war für alle Teilnehmer interessant. Bon dem Bahnhof Groß-Rominten gelangte nach einer längeren Eisenbahnfahrt die Exkursion nach Stallupönen und von da nach der preußischen End­station Eydtkuhnen. Der kurze Aufenthalt hier ge­tilgte, ben Grenzverkehr, die russischen Offiziere und Grenz­soldaten, die Sperrung der Uebergangsstraße, die ein­gehende Kontrolle usw. zu beobachten. Abends gegen 8 Uhr wurde nach mehrstündiger Bahnfahrt Tilsit erreicht. Vor Einbruch der Nacht kreuzte der Zug zwei alte Flußtäler, die stellenweise noch Sümpfe und kleinere Wasserläufe zeigten. Durch diese beiden Täler ergoß sich früher die Mtzmcl in den Prcgel, bis sie später nach dein Durchbruch durch einen westlich vorgelagerten Höhenrücken den jetzigen Weg zum kurischen Haff nahm.

Der Bormittag des 1. September wurde, nachdem auf der Bürgermeisterei die Grenzscheine für einen späteren Uebergang über die russische Grenze ausgestellt worden waren, der Besichtigung der Stadt Tilsit gewidmet. Das Leben auf dem großen Bahnhof, in den Straßen, besonders aber auf dem Strom zeigte, daß Tilsit in einer gedeihlichen Entwicklung begriffen ist und mit seinen 40 000 Einwohnern tu der Reihe der ostpreußischen Städte den zweiten Platz einnimmt. Gegen 10 Uhr erfolgte die Weiterreise nach Memel hin. lieber Dämme und Biadukte führte die Eisen- Lr'L eine Stunde durch das Ueberschwemmuuas-

geo.et der Memel, das hier eine außerordentliche Ausdehn­ung hat und gerade tu jenen Tagen zum größten Teil über- cs nun nordwärts ging, um so e^s^nnger und kahler wurde die Gegend. Blendend weiße Sandhugel mit kümmerlichem Baumwuchs deuteten auf die rmmittelbare Nähe der Küste hin. Gegen Mittag wurde Memel erreicht. Der Eindruck, den man beim Gang vom Bahnhof her zur Stadt erhielt, war kein besonders aün- $te Mwach belebten Straßen mit den einförmigen Hausern und den wenigen Läden zeigten, daß die Stadt in Rukland^^?^^^"^^^b still steht, wohl durch die Nähe Rußlands, das besonders seine Ostseehäfen zu kräftigen

sucht und damit den Handel nach unseren Häfen lahm legt. Günstiger war der Eindruck, den der unmittelbar am Hafen gelegene Stadtteil machte. Am Nachmittag wurde noch von B a j o h r e n, dem letzten preußischen Grenzort nördlich von Memel aus die russische Grenze überschritten und dem russi­schen Dorfe Crottingen ein kurzer Besuch abgestattet. Ter Ort, welcher nach dreiviertelstündigem Marsch im Regen auf einem vollständig grundlosen Weg erreicht wurde, ist besonders von deutsch sprechenden Juden bewohnt. Mit Ausnahme der russischen Kirche, die in der Mitte des riesigen Marktplatzes mit ihren blauen und grünen Kuppeln recht malerisch aussah, machte das ganze Dorf einen solch schmutzi­gen und ärmlichen Eindruck, daß sich sämtliche Herren nach kurzer Umschau auf den Rückweg machten. Während die Kontrolle an der Grenze auf dem .Hinweg weniger streng erschien, wurde bei der Rückkehr jeder einzelne von dem diensttuenden Grenzoffizier besonders scharf ins Auge ge­faßt. Ein Abendzug brachte die Exkursion von Bafohren nach Tilsit zurück.

Am 2. September wurde schon um 6 Uhr der DampferCranz", welcher den Verkehr auf dem kurischen Haff zwischen Memel und Cranzbeek vermittelt, bestiegen. Während das Wetter an den vorhergehenden Tagen recht unbestimmt und unfreundlich gewesen war, brachte dieser Morgen zum erstenmal einen wolkenlosen Himmel. Nach der Ausfahrt aus dem Hafen wandten sich die Blicke aller der Nehrung, dem nächsten Ziel der Exkursion, zu. Es tauchten zunächst niedrige Sandhügel auf, die immer höher wurden und sich, je weiter die Fahrt südwärts ging, zur mächtigen Dünenkette entwickelten. Bei dem Fischerdorfe Nid den, das in der Mitte der Nehrung etwa liegt, ging es aus Land. ,Bon hier aus begann tilgt eine hochinter­essante Fußwanderung durch die schönste Düneulandschaft, die Europa aufzuweisen hat. Nach Besteigung des Leucht­turmes oberhalb Nidden, der einen prächtigen Rundblick über See, Hass und Nehrung bot, ging es zwischen der Haupt- und Vordüne, streckenweise auch direkt am Ostseestrand vor­wärts nach dem Fischerdorfe PillkopPen. Nach längerer Mittagspause führte von hier aus der Weg an der Steilseite einer etwa 60 Meter hohen Düne hinauf, au deren Fest­legung durch Anpflanzung noch gearbeitet wurde. Nach, dem Referat eines der Mitglieder über Tünenbildung und -Bewegung und einer Erklärung der charakteristischen Er­scheinungen derselben an Ort und Stelle wurde ein in der Nähe befindlicher, infolge Tünenwanderung freigelegter Friedhof besichtigt. Eine Menge umherliegender Schädel, Knochen, Sargnägel u. dgl. wies auf die frühere Bestimmung dieses Ortes hin. Auch die Gefährlichkeit des gefürchteten Triebsandes" (durch Grundwasser angefeuchteter Dünen­sand) lernte einer der Herren besonders kennen, der in der breiartigen Sandmasse plötzlich bis an die Hüften einsank. Nur mit Mühe konnte er wieder aus seiner unangenehmen Lage befreit werden. Ein anstrengender Marsch von drei Stunden führte zwischen mächtigen Dünen hindurch nach Rossitten, dem Hauptvrt der kurischen Nehrung.

Am Vormittag des 3. S e p t e m b e r nahm derDampfer Cranz" die Exkursion wieder auf und brachte sie nach Cranzbeek, dem südlichsten Punkte der Nehrung. Nach kurzem Besuch der Ostseebäder Cranz und Rauschen begann von hier aus eine Wanderung entlang der s a m - ndischen Küste, die den Uebergang von Flach?- zur Steilküste und diese selbst in schönster Form zeigen sollte, Um 4 Uhr wurde in Rauschen aufgebrochen. Am Rande einer 60 bis 70 Meter hohen Steilküste, in die bisweilen mächtige Erosionstäler (u. a. die 70 Meter tiefeWolfs­schlucht" unmittelbar vor Warnicken) eingeschnitten waren, zu Füßen der nur wenige Meter breite Strand, den die» brandende See malerisch abschloß, ging es nach War­nick en, wo die Ankunft in der Abenddämmerung er­folgte.

Am 4. September führte diese hochinteressante Küstenwanderung um Brüst er ort, den äußersten Vor­sprung Samlands, herum.- Hier wurde gerade an dem mäch?- tigen Steinwall gebaut, der die senkrecht aufsteigende Steil­küste vor der zerstörenden Wirkung der brandenden See schützen soll. Eine steile Holztreppe führte hinauf zum Leucht­turm von Brüsterort. Nach- kurzer Rast begann ein an­strengender, mehrstündiger Marsch über das samländische Küstenland nach Süden zurAnnagrube" bei Palm- nicken, wo den Mitgliedern der Exkursion die Bernstein- Gewinnung und -Bearbeitung gezeigt wurden. Die Grube«