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„So könntest Dn ja zu Jeannes Mcktter gehen, wenn Dich etwas bekümmert", rief Thymert eifrig, als habe er jetzt endlich den Ausweg aus diesem Labyrinth geftinden.
„Warum nicht?" war die gleichgiltige Erwiderung, „sie ist eine gute Frau, aber sie wohnen weit weg und mich kümMert nie etwas."
„Hast Tu Madame in den Voyageurs gern?"
„Natürlich, jedermann hat sie gern! Auch Mutter Quaper ist eine liebe gute Seele. Aber vielleicht sind sie beide nicht das, was Sie meinen?" setzte sie überlegend hinzu, „nicht solche, die einen des nachts daheim erwarten, und denen man alles sagen kann, was einem begegnet ist?"
„Nein", sagte Thymert langsam, „ich glaube nicht — vielleicht ist nicht einmal Madame in den Voyageurs die rechte."
„Im Mai sind es nun schon neun Jahre, daß sie tot ist", sagte Guenn ernsthaft. „Sie studierten damals noch und ich nannnte Sie Onkel Gabriel! Erinnern Sie sich noch an die Kirchweih von Fouesnant, wo ich so unartig war und Sie mir eine Vogelpfeife kauften und mich aus den Schultern heimtrugen?"
„Tu warst ja nur müde, Du warst noch so klein. Unartig bist Tu nicht gewesen, nur unglücklich." Er war immer bliiid gegen Guenns Unarten gewesen, jetzt tote früher. „Erinnerst Tu Dich noch an all das?"
„Ich erinnere mich auch", rief hier Raumes schrille Stimme.
„Aber Närrchen, Du warst ja noch gar nicht aus der Welt", rief Guenn mit silberhellem Lachen.
„Nannte!" sagte der Pfarrer belustigt, „Tu weißt wirklich mehr als wir alle. Wie wäre es, wenn Tu eine zeitlang zu uns nach den Lannions kämst, tttn mir und Crec ein wenig zu helfen? Wir sind nicht ganz so gelehrt wie Tu, aber es wäre vielleicht recht gut für Dich."
(Fortsetzung folgt.)
SLudeutenstammbücher.
Vor mir, so schreibt ein Mitarbeiter der „Köln. Ztg.", liegen drei Studentenstammbücher aus dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie haben meinem Urgroßvater, Großvater und meinem Großonkel während! ihrer Studienzeit als „Denkmal der Freundschaft", wie auf den Rücken der Ledereitibände zu lesen steht, gedient. Tie meisten Einzeichnungen rühren aus der akademischen Zeit ihrer Besitzer her, für das Stammbuch meines Urgroß- vaters aus den Jahren 1783, 84 und 85, und für meinen Großonkel aus den Jahren 1797, 98 und 99. Das Stammbuch meines Großvaters zeigt keine Eintragungen aus feiner Hallenser. Studienzeit von 1806, sondern nur solche aus Frankfurt a. O. aus den Jahren 1808 und 1809. Diese Eintragungen bilden eine reiche Quelle kulturgeschichtlicher Kenntnis des höllischen und Frankfurter Studentenlebens.
Sie weisen neben einem Denkspruch, Widmung ttnd einem kurzen Shmbolum, dem nicht selten Verbindungszirkel beigefügt sind, und zivifchen die zuweilen allerhand Federzeichnungen und Aquarellmalereien landschaftlicher und satirischer Art eingestreut sind, meist auch, sogenannte Memorabilia auf, in denen mit kurzen Stichworten auf bemerkenswerte gemeinsame Erlebnisse, Studentenstreiche, gemeinsame Arbeiten re. hingewiesen wird; z. V. aus dem Stammbuch meines Großvaters, datiert Frankfurt, 21. August 1809: „Memorabilia. Wir lernen uns tu Halle kennen. Unsere Rezeption auf der goldenen Egge, der Stiftungstag, Napoleon vertreibt uns pleno, in Frankfurt sehen wir uns wieder und finden uns von manchem jugendlichen irrigen Wahne geheilet rc. re., vale carissime." Jnter- essant ist es vor allem, lau § Pen Eintragungen dieser Stammbücher zu erfahren, welche Einwirkung die zeitgenössische Literatur auf die damalige Studenteuwelt übte und wie sich gleichzeitig Mit der Beeinflussung durch diese Literatur und unter dem Wandel der Weltereignisse die geistige Verfassung dieser Studentenwelt ummodelt
Was von vornherein bei dem ältesten der Stammbücher aus den Jahren 1 <83 bis 85 im Vergleich mit den andern beiden ui die Augen fällt, ist die Häufigkeit lateinischer! Eintragungen. Horaz, Juvenal, Cicero finden wir unter ihnen neben selbständigen HerKensergießuugen der Ein- zeichnenden vertreten. Festgestellt muß freilich dabei wer
den, daß eine große Reihe dieser lateinischen Zitate der vorhallischen Zeit meines Urgroßvaters entstammen, in der er das akademische Gymnasium zu Stettin besuchte. Auch einige französische Einzeichnungen finden sich aus diese« Stettiner Zeit. Aber auch Hallenser Studenten wenden zuweilen das Französische an, „vive l'amitie eit absence, eit presence vive l'amitie" z. B. Auf englisch hat sich nicht einmal ein Studio eingezeichnet, auch Griechisch findet sich nur einmal, von einem Universitätsprosesfor herrührend, vertreten. Von Dozenten stammen auch einige biblische Zitate her. Außer ihnen hat nur noch mein Ururgroßvaterl seinem Sohne beim Weggang auf die Universität ein bieb- lifches Geleitwort mit auf den Weg gegeben. Er schreibt unter dem 9. Mai 1783: „Mein Sohn! Tein Lebelang habe Gott vor Augen und im Hertzen und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest und thust wider Gottes Gebot. (Tob. 4, 6.) Denn: Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, das ist eine feine Klugheit; wer danach thnt. des Lob bleibet ewiglich. (Ps. 111, 10)."
Ganz in den literarischen, empfindsamen Geist dieser Zeit werden wir hineinversetzt, wenn wir uns nun den in unserm Stammbuch enthaltenen Zitaten in Reim uns Prosa aus den Werken der zeitgenössischen Literatur zuwenden. Scharf charakteristisch fite die herrschende Geistesrichtung ist es, daß uns als der meistzitierte Schriftsteller der empfindsame Engländer Aoung ehitgegeittritt. Sprüche von ihm begegnen uns im ganzen fünfmal, neben ihm ist einmal auch noch fei» Landsmann Addison, der Herausgeber der bekannten englischen Wochenschriften The Tattler und The Spectator, vertreten. Klopstock finden wir nur viermal mit Stellen aus seinen Oden angeführt. Wieland und Kleist begegnen uns je dreimal, Fr. L. Stolberg zweimal, außerdem je einmal Geßner, Gellert, Moses Mendelssohn und — Göthe (1784): „So eilte warme große Freude ist nicht in der Welt, als eine edle Seele zu sehen, die sich gegen eilten öffnet." Ist es ein Zufall, daß der Eintragendei den Namen Goethe dick unterstrichen hat? Freundschaft, Tugend, Empfindung, Trennungsschmerz sind die Leitmotive, die in den selbständigen Eintragungen anklingen. Eine, die schon auf den durch die Ideen der französischen Revolution beeinflußten freiheitlich-politischern Ton des nut ein halbes Menschenalter jüngeren Stammbuchs hinzudeuten scheint, sei hier wiedergegeben. 1783 schreibt ein Hallenser Musensohn: „Das Schwert wegzuwerfen und den Staub von den Füßen des Siegers zu küssen, ist der Entschluß knechtischer Seelen." Die Symbole unseres ältesten Stammbuchs, meistens lateinische, sind fast ausnahmslcs nichtsbedeutende Gelegenheitsphrasen, z. B. „Neminem laede", „Post nubila Phoebus" rc.; für den Charakter ihrer Schreiber besagen sie uns nichts.
Nicht unwesentlich verändert läßt den Charakter der Hallenser Studentenschaft das Stammbuch meines Großonkels aus den Jahren 1797 bis 1799 erscheinen. Das Weichliche, Süßliche, Empfindsame tritt mehr zurück, dem spezifisch Literarischen wird durch einen gewissen, burschikosen Ton ein Gegengewicht geboten und die freiheitlichen Strömungen der damaligen Zeit drängen sich auch auf diesen Blättern mehr in den Vordergrund. Eine eigentlich deutsch-patriotische Gesinnung aber ist nicht zu finden. Unter den Symbolen z. B. halten sich die beiden Lesarten: „Ubi bene, ibi Patria" und „Ubi Patrick, ibi bene" so ziemlich die Wage. Bei der letzteren Wendung darf man zuweilen auch eine mehr landsmannschaftliche Färbung vermuten. Tiefe rein landsmannschaftliche Richtung des Vaterlauds- oder besser Heimatsgefühls trift uns mehrmals deutlich ausgesprochen entgegen. So finden wir den Vers:
' „Dem himmelblauen Bande, Tas uns fo sanft umzog, Dem lieben Pommernlande Erschall ein dreimal Hoch!" und darunter das Symbol: „Vivat Pommeraiiia, ibi feite!"- Ein andermal lesen wir neben einem1 Zirkel die Verse:
„Dem holden Freundschaftsbande, Das uns so sanft umschlang. Dem lieben Vater land e
Erschall mein Festgesang!"
in decken „Vaterland" ohne Zweifel als Bezeichnung für: Gemeinschaft der Heim als genossen, also gleich Landsmannschaft verstanden feilt will. Freilich wird man sich hüten müssen, aus der andern Fassung: „Ubi bene, ibi Patrick"-


