Ausgabe 
2.10.1903
 
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Monsieur le recteur, schicken Sie mich nicht nach Qmm- per", flehte die frische, junge Stimme/schicken Sie mich nicht fort, denn wenn sich auch Niemand etwas aus mir macht, ich könnte es nicht ertragen, ich würde sie alle so schrecklich vermissen. £)/ wie würde mir mein Plouvenec fehlen! Und die roten Segel auf der Bucht, die rauhen Stimmen in den Sturmnächten, und meine lieben, Wackern Seeleute, die alle so aut zu mir sind. O nein, ich kann nicht nach Quimper und dort unter oer Obhut der schwarzen Schwestern sittsam auf und ab gehen! Möchten Sie denn

messen?

Meine arme kleine Guenn!" sagte der Pfarrer H Wie hätte er gewünscht, jetzt ein ehrwürdiger, alter Grau­bart zu sein, oder einer jener heiligen Eftgel, der dies heiß­blütige junge Kind in seinen himmlischen Schutz hätte Nehmen und sie lehren können, so klug und verständig zu sein, als sie aut und liebreizend war. Fast hätte er eine Frau sein mögen!Meine arme kleine Guenn!" wieder­holte er mitleidig. ;

Erstaunt blickte sie zu ihm auf.

Und wenn Du nun morgen sterben solltest? Weißt Tu denn nicht, mein armes Kind, daß unsere Stelle immer wieder ausgefüllt werden kann, Deine wie meine? Die Welt könnte jct nicht bestehen, Ivmu v» muj» ।v iv^w, ।w weiß für jeden Menschen Ersatz, auch für den liebsten, den besten und anscheinend unersetzlichsten."

Das ist aber grausam", flüsterte sie leise.

Es ist eben wieder ein Geheimnis", versetzte der

Sie senkte die Augen in stummer Mauer:So ivürde mich also niemand vermissen, wenn ich fortginge, == wenn ich sterben müßte?"

Das habe ich nicht gesagt, Guenn."

von den Schiffen und dem Leuchtturm fort? Könnten Sie wo anders atmen? Könnten Sie leben?"

Nein", sagte Thymert niit Bestimmtheit.

Sehen Sie wohl", schloß Guenn,und ich,, ich würde ohne Nannic sterben, ich würde sterben, wenn ich das Meer nicht mehr sehen sollte."

Ich verlange es ja auch nicht von Dir, ich glaube selbst. Du würdest in einem Käfig verschmachten. Du hast nicht viel von einem Fräulein an Dir, Guenn", sagte er seufzend.

Nein", gestand sie freimütig,warum also haben Sie mich nach Quimper schicken wollen?"

Er zögerte.Ich habe Dich nun seit so vielen Jahren hier Herumlaufen sehen, daß ich gar nicht gewahr worden bin, daß Du kein Kind mehr bist und ich habe ihr. versprochen, mein Bestes für Dich zu tun."

Tas haben Sie auch immer getan, nronsieur le recteur", rief Guenn, von warmer Dankbarkeit getrieben und griff nach des Priesters Hand, die sie so ehrerbietig mit den Lippen berührte, als sei er der grauhaarige Pfarrer von Plouvenec.

Thymert errötete und trat hastig zurück. Stockend fuhr dann fort:Ihr Kinder seid so weit entfernt, und ich als viel beschäftigter Priester ich weiß nicht so recht, wie ich zu Dir sprechen soll, ein Mann versteht auch Euch Mäd­chen viel zu wenig! Mädchen müssen Mütter haben. Esi ist mein größter Kummer, daß Du keine Mutter hast, kleine Guenn, Du bist viel mehr allein wie die anderen Mädchen."

Menn blickte jetzt ernstlich erstaunt in die Höhe, offen­bar verstand sie nicht, was er meinte.

Habe ich etwas getan, das Ihnen mißfällt?" fragte sie beinahe demütig.Monsieur Morot ist doch ganz zu­frieden mit mir und sagt, daß ich immer tüchtiger werde."

Nein, nein, mein Kind! Tu hast nichts Böses geteilt", seine Stimme hatte einen unendlich zärtlichen Klang.Du bist ein braves Mädchen, Guenn." Sie läuft um Mitter- nacht so frei umher, wie bei hellem Tag, hatten die Fremden gesagt; und mit nervöser Haft flihr er sich durchs Haar. Ed kam sich so schrecklich hilflos vor:Wenn aber der Tag herum ist und Tu gehst den alten, einsamen Weg heim, das ist's, was ich meine."

Aber das habe ich ja gerade gern", rief Guenn lustig. Wenu man gute Ohren hat, kann man da das Gras wachsen und die Bäume ausschlagen hören."

Aber dann zu Hause wenn Dich nur da jemand erwartete", beharrte der Priester.

Kund sich bewegen sollen, sie lernen sticken. Sie gehen en sonnigen Gärten spazieren, sie spielen vierhändig auf dem Piano, auch sind die Schwestern da."

Guenns Wangen färbten sich dunkler, der Seewind spielte in den krausen, kastanienbraunen Löckchen auf ihrer Stirn. Mit übernatürlicher Schnelligkeit klapperten ihre Stricknadeln.

Monsieur le recteur", begann sic erregt, und richtete sich kerzengerade auf.Vielleicht entsinnen Sie sich, daß ich schon mit zwölf Jahren aus der Schule gekommen bin! Kann ich nicht laufen und mich bewegen, auch ohne die Schule in Quimper, soll ich mich am Gängelband führen lassen, wie ein kleines Kind? Sticken könnte ich auch in Plouvenec lernen, wenu ich nicht so viel anderes zu hm hätte."

Ich habe ja auch nur daran gedacht, weil ich meinte, Du würdest gern mit anderen Mädchen zusammen sein", suchte er sie zu begütigen.Du lebst zu viel unter Männern, und die Frauen hier sind vielleicht noch sorgloser als die Männer." Wie hatten die Fremden gesagt?Sie ist ein Herz und eine Seele mit den Matrosen." Was war da eigentlich Gefährliches dabei? Nicht das Geringste wenn Guenn nur nicht so schön und die Fremdlinge nicht so begehrlich wären. 'Hättest Du nur Lust gehabt, nach Quimper zu gehen, so würde ich es schon irgendwie möglich gemacht haben, ich iveiß zivar nicht recht wie, denn mau verlangt dort einen hohen Preis, aber, wie gesagt, wenn Tu wolltest, Guenn", er schaute ihr sinnend in das trotzige Gesicht.

Monsieur he! recteur", sie hatte ihren alten über­mütigen Ausdruck wiedergewonnen,ivarum sollte ich denn ein Fräulein werden? Möchten Sie das wirklich? Ich Möchte es nicht, und was sollte wohl Nannic ohne mich .anfangen?"

Ich würde natürlich für ihn sorgen."

Und wie würde man hier wohl fertig iverden ohne inich?" fuhr sie eifrig fort.Wer sollte Monsieur Mo- rots Aufträge so pünktlich ausführen, für ihn den besten Handel mit den heimkehrenden Booten abschließen? Wer könnte nach einem großen Fang die ganze Macht hindurch so wacker arbeiten und dabei die andern munter erhalten

durch allerhand Späße. Wer, sagen Sie mir, wer?"

'In diesem Augenblick sah sie ihrem Vater ausfallend gleich, aber in ihrer unschuldigen Prahlerei sand der Pfarrer nichts Abstoßendes.Feusw und Leben" hatte der Fremde gesagt, war es das gewesen, was er meinte? Konnte er Henn niemals die Worte jener Männer vergessen, mußte 'er sie, trotz Scham und Zorn, immer nach jenem Maßstab

Ach, dann bin ich viel zu müde, um überhaupt noch darüber uachzudenkeu", lachte Guenn.Wenn man den ganzen Tag auf den Beinen war, ist das Bett abends der allerbeste Platz." _ , .

Und doch habe ich oftmals an der Schwelle inemer Kapelle gestanden", fuhr der Priester wie zu sich selbst redend fort,und nachts nach der schlafenden Bucht unds nach unserem Leuchtturm geschaut, wie sich fein Licht mit dem des Leuchttftrws von Plouvenec traf; dann war ich jedesmal traurig, daß niemand da sei, auf Dich zu warten. Unsere Männer schützen freilich die jungen Mädchen und das Spaßmachen mit den Burschen schadet auch nichts, aber siehst Tu Guenu, es könnte einmal etwas ganz neues und fremdes t, weine 1UICttuicr kjvv in Tein Leben treten, und dann wäre es so gut, Du hattest wenn es nicht so wäre; sie jemand zu Hause. Du bist so klein und so Mig, ich wollte ' - ' - -- ich wüßte eine Frau Dir zur Seite"; er dachte au Madame

in den Voyageurs, an ihre Ruhe, an ihre klugen Augen.

Tie Weiber!" rief Guenn verächtlich, iw Geist sah sw Mutter Nives nebst den anderen alten Wäscherinnen.~te würden mir viel nützen!" . .

Freilich, deshalb möchte ich Dich ja auch zu den Nonuen tot cten."

' (Menu hob ihre hübschen, runden Schaltern, als wolle sie mit dieser Bewegung die ganze Kathedrale von Quimper abschütteln.Es braucht sich ja aber niemand um mich zu kiimmeru, ich bin doch kein zimperliches- Frauleim Haben Sie keine Angst um wich, ich kann mich so gut selbst hüten wie irgend ein Mädchen in Plouvenee. Sie sind aber sehr gut und ich verstehe auchl, was Sie meinen. Manchmal denke ich selbst, wie es wohl sein möchte, wenn sie noch lebte, ihr Gesicht ist wir noch sehr gut erinnerlich. Ob sie mich dann jajuch so schelten und doch dabei aussehen wurde, als sei es ihr gar nicht ernst mit den harten Worten, so tote es Jeannes Mutter intimer tut?"