Ausgabe 
2.10.1903
 
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1903

Arettag den 2. Hktoöer.

(Nachdruck verboten.)

Wemidtzt» sm der Brekßse.

Kon B. W. Ko ward.

(Fortsetzung.)

Thymerts einsames, klösterliches Leben hatte ihm nur wenig Gelegenheit geboten, mit Frauen in Verkehr zu treten. Gr sah Brigitte und die alten Fischweiber freilich oft genug, aber ihre Kleider und die weißen Hauben dünkten ihm der wesentlichste Unterschied zwischen ihnen und den hageren alten Seeleuten. Und nun stand hier dies junge Geschöpf vor ihm in all ihrem Liebreiz; die süßen blauen Augen zu ihm erhoben, schien sie um den Schutz, zu fleheu, den er ihr von Herzen gern gewähren wollte, dem kleinen Mädchen, das er noch auf den Armen ge­wiegt hatte, dem Kinde seiner seligen Base. Und sie wagten es, in ihrer glattzüngigen Gemeinheit sie roh- und wild zu schelten; sie wagten sogar mit grausamer Kaltblütigkeit ihren jugendlich zarten Leib wie ein Stück Ware zu Preisen Und zu besprechen. Sein Herz schlug schneller, er errötete beim bloßen Gedanken an diese Entweihung; er war bis ins Innerste von Weh und Mitleid bewegt.

Wild? Jawohl, sie war wild, aber nur wie ein Vogel in der Luft. SonK war doch keine so rein itnb so brav wie Guenn! Welche unter allen Mädchen wäre wohl im stände, ihm so verständig, so bescheiden Rede zu stehen, wie Guenn? Nicht einmal die Tochter des Schultheißen, die doch in Quimper zur Schule gegangen! Quimper! eine plötzliche Erleuchtung schien über ihn zu kommen. Das wäre vielleicht ein Ausweg!

Sie will nicht!" kreischte Nannics Stimme von einem unter ihnen gelegenen Felsen herüber.

Guenn lachte. Sie hatte bis jetzt ehrerbietig gewartet, daß monsieur fe recteur das Gespräch wieder aufnehmen werde, aber es schien, als habe ihr monsieur le recteur eigentlich gar nichts zu sagen. So begann sie denn frei­mütig, gleichsam erläuternd:Heut ist einer von Nannics Tagen."

So?"

Jawohl, manchmal scheint es mir, als fliege seine Seele voraus, um alles Kommende zu sehen. Haben die Seelen denn Flügel, monsieur le recteur? Daß es Geister giebt, iveiß ja natürlich jedermann, ich möchte aber gern wr;sen, ob! (die Seelen uns vorauseilen können? Ich können?"^' i*® j® auS nach dem Tode wiederkehren

Thymert dacht«' bei sich, daß seine eigene Seele in ui iett T®^" wchulM genug gewesen sei, um Guenns Behauptung zu bestätigen. War seine Seele nicht heute vor rhm nach dem Dorfe geeilt und hatte ihn dann uachgezogen?

Das sind Mysterien, tiefe Rätsel, mein liebes Kind"« erwiderte er ernsthaft.

Ist es denn eine Sünde, über Mysterien nachzu­denken?" fragte Guenn betroffen.Nannte ist doch auch ein Rätsel, und wenn inan ein Rätsel zum Bruder hat. muß man doch darüber nachsinnen? Meinen Sie nicht auch?" ~ '

Wir dürfen wohl zu unserer Erbauung an die My­sterien denken, aber nie §it vorwitzig und zu sicher dabei sein", belehrte er in priesterlichem Don.Auch die heiligen Väter in ihren Zellen haben solche Geheimnisse nicht durchschaut."

Guenn war wie so viele aus ihrem Volk, bei Mein Aberglauben nicht gerade voll Ehrerbietung.Ma foi", versetzte sie nachdenklich,da hätte ich den heiligen Vätern meinen Nannte zum Studrum gewünscht, an dem hätten sie sich noch anders die Köpfe zerbrechen können, als über ihren Büchern." Uebermütig setzte sie hinzu:Es hat auch einmal einen sehr bösen Mönch gegeben, der viele in Versuchung geführt hat, und deshalb zu Stein ver­wandelt wurde. Alain hat ihn bei Brest gesehen, auch Meurice; dort steht er und schaut über die Wogen, und wird da stehen bis zum jüngsten Tag."

Auch ich habe den steinernen Mönch gesehen", be­stätigte der Pfarrer.

Also ist es wirklich wahr!" rief Guenn triumphierend. Er soll ein Fischermädchen geliebt haben; das war eine schreckliche Sünde, nicht wahr, monsieur le recteur?"

Ja, das war eine Sünde, gewiß Guenn."

Und muß er nun ewig in der Hölle braten?" fragte sie mit sichtlicher Befriedigung.

Wer weiß?" entgegnete Thymert in müdem Ton; viel­leicht ist es auch schon Strafe genug, wenn man zu Stein verwandelt wird."

Er saß jetzt neben ihr nnd starrte wie traumverloren ins Weite.Guenn", begann er dann nicht ohne Befangen­heit, wie nach Worten suchend:Man kann sich kaum vorstellen, daß Du nun beinahe siebzehn Jahre alt bist."

Nicht wahr?" stimmte sie freundlich bei und sah an ihrem zierlichen Figürchen hinunter.Das kommt davon, weil ich so klein bin." Thymert gegenüber fühlte sie sich nicht gedrungen, zu versichern, daß sie lieber klein sei, er erweckte nicht ihren Widerspruch.Ich bin aber stark, stärker als alle andern!"

Noch immer erhob er den Blick nicht. Plötzlich fragte er ganz ohne Zusammenhang:Wie würde es Dir gefallen,- nach Quimper in die Schule zu kommen?"

Guenns kleine braune Hände sanken in den Schoß, sie. machte große Augen vor Erstaunen.

Ich? in die Schule wie die Demoiselles? Nein, monsieur le recteur, das würde mir ganz und gar nicht gefallen", rief sie mit Entschiedenheit.

Es ist ein sehr guter Ort für Mädchen", fuhr dep junge Mamr begütigend fort,Sie. lernen dort, wie sie.