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nicht von der des Kindermädchens. Nach einigem Zögern leiht die Freundin der Pfeudoprinzessin . eine für -ihre Verhältnisse beträchtliche Summe. Als sie sich dann wieder ungläubig zeigt, wird sie mit Dolch und Revolver bedroht, und muß auf das von zwei Kerzen beleuchtete Kruzifix schwören, nie zu verraten, daß die Nichte des Kardinals ihr Geld schulde. Die Suggestivkraft der Kranken istso groß, daß ein Arzt, zu dem sie ins Haus kommt, all ihre Märchen, Krafft-Ebing später noch einzelne glaubt. Neue Wähngebilde folgen; aber auch neue Abenteuer. Ern ungarischer Grundbesitzer nimmt die Darbende aus; auch fcC hält sie für eine Königstochter. Um nicht entdeckt zu werden, trägt sie Männerkleider, manchmal die Unrsorm eines Jägeroffiziers, und trinkt und raucht, wie em rm Kasino .Erwachsener. Mit dem Dienstbuch ernes Knechtes flieht sie in Dienerlivree nach der Schweiz, gibt srch dort zueüst iür einen Studenten, später für einen reichen Erben au?', en tlockt einem Pfarrer 900 Franken, wird verhaftet, als Weib rekognosziert, zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, nach Burghölzll gebracht, dann an Oesterwerch^aus- geliefert und von Krafft-Ebing in Graz untersucht. Seme Prognose lautet: „Typischer-Fall von vrrginarerl Paranoia In Burghölzli hatten Forel und Delbrück neben Konträrer Sexualempfindung festgestellt: „Überschwängliche, das klare Denken störende Phantasie, als Folge davon rnstmk- tiver 5iang zu Lüge und Täuschung." Sie war unerschöpflich im Erfinden wüster Wundergeschichteu, dabei überall beliebt und im Besitz einer besonders von Frauen kaum abzuwehrenden Gewalt über den Menschenwillen. Vor Gericht, als ihr hundert Schwindeleien nachgewiesen find, nennt sie sich das Opfer schnöden Truges, verwahrt sich gegen die Annahme einer Psychose und jammert, daß man ihr, die stets im besten Glauben gehandelt habe, letzt die Ehre rauben wolle. Paranoia oder strafbarer Betrug? Dr Delbrück antwortet: Ein Grenzfall; das Wahnsystem knüpft sich an einen bewußt ausgeführten Betrug und aus dem ersten wirren Gesträhn wird, weil dem Phantafie- leben alle .Hemmungen fehlen, schnell pathologisch Lugensucht. Der Arzt schildert auch; leichtere Fälle, Menschen mit normalerer Art, die dennoch zu psychisch! abnormen Schwindlern werden, erinnert an die „retroaktiven Halluzinationen", die Gottfried Keller, nach eigener Knabeu- erfahrung, seinen Grünen Heinrich erleiden ließ, und an das Wort, das Goethe über seinen JNgendhang zum Renommieren und Fabulieren sprach: „Wenn ich nicht nach und nach, meinem Naturell gemäß, die Luftgestalten und Windbeuteleien zu kunstmäßigen Darstellungen hätte verarbeiten lernen, so wären solche aufschneiderischen Anfänge gewiß nicht ohne schlimme Folgen für mich geblieben. Betrachtet man diesen Trieb (erfundene Märchen als Erlebnisse zu erzählen) recht genau, so möchte man in ihm diejenige Anmaßung erkennen, womit der Dichter selbst das Unwahrscheinlichste gebieterisch ausspricht und von einem jeden fordert, er soll dasjenige für wirklich erkennen, was ihm, dem Erfinder, aus irgend eine Weise als wahr erscheinen konnte." Das gut äquilibrierte Gehirn, sagt Delbrück, scheidet hier den Dichter vom „abnormen Schwindler." Von schwerer Allgemeinerkrankung bis zu verminderter Zurechnungsfähigkeit und hypertropischer, alle anderen Hirnfunktionen überwuchernder Phantasie geleitet der Psychiater und schlägt schließlich vor, die Fälle, wo Fälschung des Erinnerns sich bewußter Lüge mischt, unter dem das ivichtigste Symptom klar bezeichnenden Kennwort Pseudologia phantastica zusammenzufassen.
In diese morbide Reihe gehört Frau Therese Humbert. Alle Symptome, die Forel und Delbrück aufzählen, sind au ihr sichtbar. Die Große Therese, das den skeptischen Parisern durch weiterwirkende Autosuggestion , aufgezwungene Wahngebild, hat nie gelebt. Die psychisch abnorme Schwindlerin Therese Humbert wird, als ein Musterschulfall, aus deu Lehrbüchern der Psychiater nie wieder verschwinden.
Aunst UM- Wissenschaft..
— Deutsch la nd, Deutschland über alles Dieses geflügelte Wort entstammt bekanntlich dem 1841 von Hoffmann von Fallersleben aus Helgoland gedichteten und in .Hamburg als Einzeldruck veröffentlichten „Lied der Deutschen". Nun verfolgt R. F. Arnold in der „Zeit
schrift für deutsche Wortforschung" die Geschichte dieses! Schlagwortes nach auswärts und zeigt, daß es etiva anderthalb Jahrhunderte älter ist. Schon 1817 erscheint bei Brockhaus in Amsterdam eine Schrift „Preußen über alles, wenn es will. Von einem Preußen". Aber 1809 heißt es in den „Liedern östreichischer Wehrmänner" von Heinrich Josef Collin „Wenn es mn will, ist Oesterreich über alles! Wehrmänner ruft nun frohen Schalles: Es will, es will! Hoch Oesterreich!" — Aber auch Collin ist nicht der Vater des! Wortes, sondern ein um hundert Jahre älterer Landsmann. 1684 erschien eine Schrift des Kurmainzer Diplomaten Philipp Wilhelm von Horn ick: „Oesterreich über alle s, wenn es nur will. Das ist wohlmemen- der Fürschlag, wie mittelst einer wohlbestellten Landes- Oekouomie die kayserl. Erblande in kurzen über alle anderen Staat von Europa zu erheben und mehr oder einiger derselben von denen anderen independent zu machen. Durch einen Liebhaber der kayserl. Erbland Wohlfahrt." So ist Horn ick der Vater dieser Wortprägung; Collin hat sre von Hornick, Hoffmann von Fallersleben wohl von Collin übernommen. "Wie die HahüNsche Weise, die Hoffmann von Fallerslebens Lied populär gemacht hat, leitet auch der Text des „Liedes der Deutschen" nach Oesterreichs
Litertavisches.
cselm Salzens reich ausgcstattete rchte der deutschen Lite-
Logogriph.
(Nachbildung verboten.)
Mit u ein munterer Gesell!
Doch schmerzt's ihn heut mit l;
Zur Heilung bleibt in Ruh Er drum in dem mit tt. (Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.:
1. Le4-hl, h2 2. Dg2. - 1. . , d3 2. De4. - 1. . , e5
2. Dd5. — 1. . Ka8 2. Kb4.
— Professor Dr. Anselm Salzens reich ausgcstattete „Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur" von der soeben die 4. Lieferung erschienen ist (München, Allgemeine Verlags-Gesellschaft m. b. H. — 20 Lieferungen zu je 1 Mk.), ist von der Warte einer bestimmten Weltanschauung herab geschrieben — von der positiv christlichen. Besonders interessant ist der Teil der vorliegenden Lieferung, der von den alten Legendendichtungen, von den Weihnachts- und Osterspielen handelt. Illustrativ Mgt sich, das neue Heft von einer Reichhaltigkeit und Schönheit, daß man staunen muh,
- Gräfin llxkull: Sonnenslug. Roman. Verlag von F. Fontane u. Co. in Berlin. Preis 6 Mk. — Sottt Mysterium der Liebe erzählt dieses Buchs der begabten Verfasserin, von der Seligkeit, einer alle Bande sprengenden^ und alle Satzungen verlachenden Seligkeit, wie fte nur zwei gottbegnadete Menschen empfinden können. Aber
in iene Sphäre der Deklassierten, die für feinfühlende Wesen
Ab ckreckendes hat. Nach den Wonnen des berauschenden Liebestanmels machen Leona Gräfin Rothen- Nein und Heinz hon Traunstein, die Helden des Romans, alle Stadien der Vereinsamung durchs um endlich im Zweifel an ftch selbst von einander zir gehen. Die Trennung isf ein Abschied für immer; und der tiefe Schmerz über diesen Ausaang des Liebestraumes führt die Heldui, die einst so heiter und stolz, alle Warnungen der ihr Nahestehenden verachtend, den Kampf ums Glück begann, zur Cunftcht m die Verkehrtheiten ihrer egoistischen Anschauungen, eme er kennt daß höher als die selbstsüchtigen Forderungen des die Interessen der allgemeinen Menschheit Nebenund^daseinLebm des Leidens und Dienens er. n^ben^werter sei als das Ringen nach Genuß und Do^ !einsfrende Die Handlung, die ihren Schauplatz mehrfach wechselt, führt von einem priuzlichen Jagdschlösse uuSalz- biinmicben naÄ Italien, und es werden anschauliche, au amüsanten Details reiche Schilderungen von Florenz un besonders von Rom und seinem interefsarftenaristokratisch^ Leben entworfen. Eine warmblnllge, kraftvolle Darstenung verleiht dem eigenartigen Werke besonderen Reiz.
Redaktion. Auanst Götz. - Rotationsdruck und 'S erleg der 8 rübl'Ickcn IriversttätS-Etiä- und Ctcindrnckcrei. R. Lange, Gießen.


