Ausgabe 
2.9.1903
 
Einzelbild herunterladen

519

vielen Schlitten, die nachts da waren und wieder fort sind. Euer Gnaden, niemand ist sicher, der sich heute aus dem Schloß herauswagt. Man müßte aus Twer Soldaten kom­men lassen."

Der Fürst will nichts davon wissen."

Aber warum, Euer Gnaden? Sie werden uns um­bringen."

Starost, Ihr kennt die Wirkung einer Gewehrsalve auf eine dichtgedrängte Volksmenge nicht, der Fürst kennt sie", antwortete Steinmeß mit seinem grimmigen Lächeln.

Sie sprachen noch eine halbe Stunde in gedämpftem Tone miteinander, während die Sonne am östlichen Him­mel emporkroch; dann schlich der Starost unter den stillen Lärchen fort wie ein Wolf, dessen Stimme er fo prächtig nachzuahmen verstand.

Steinmetz schloß die Tür und ging in sein Zimmer hinauf; sein Gesicht war ernst und nachdenklich, sein Schritt schwer, als laste das Gewicht der Sorge ans ihm.

(Fortsetzung folgt.)

Vivisektions-Kämpfe.

In Frankfurt a. M. hat kürzlich der Kongreß des Welt­bundes für Tierschutz und gegen Vivisektion getagt. Der Gedanke des Buddhismus, daß das Tier dem Menschen heilig sein solle, weil ihmder Gott verwehrt, zu sagen, was es leidet", setzt sich mehr unb mehr in der gebildeten Welt durch. Serbien hat sich mit einem unaustilgbaren Blutfleck geschändet, aber in der Belgrader Abdeckerei geht man menschlicher mit den Tieren um, als in mancher Haupt­stadt der Intelligenz. Die herrenlosen Hunde, eine Plage aller türkisch infizierten Städte, werden in einem mit Gas gefüllten Raum dies Bewußtseins gleichzeitig mit dem Leben beraubt. In Australien rst die Vivisektion gesetzlich ver­boten.

Bei uns haben die Bekämpfer der Vivisektion ver­hältnismäßig geringe Fortschritte zu verzeichnen, trotzdem sie in den letzten Jahren ihre Anstrengungen verdoppelten und verdreifachten. Die Erörterung ist nicht immer sach­lich geführt worden. Am Ende wirkt aber nur die Sachlichs- keit. Auch in Kulturfragen macht der Ton die Musik, wenigstens hat er sie, soweit die Vivisektion in Betracht kommt, in England und Frankreich gemacht. Gerade der Nüchterne Ton, das Vermeiden jeder Anklage, hat den Er­folg erzielt, daß dort die Senioren der Wissenschaft sich an die Spitze der Bewegung gestellt, sie in praktische Bahnen gelenkt und mit ihrem Einfluß zu beachtenswerten Zielen geführt haben.

Die deutsche Physiologie hat ihre Erfolge zum größten Teil auf dem Wege der Vivisektion gesucht und gesunden. Ter Widerstand gegen die Verbarrikadierung dieses Weges ist also begreiflich. Ob die öffentliche Führung der Be,- wegung durch künstlerisch hochbegabte Frauen, wie die be­rühmte Sängerin 8tli Lehmann und die Malerin Parlephi, das Zweckmäßigste war, muß fraglich er­scheinen, wenn man bedenkt, daß der kühle Forscher kaum bereit sein wird, bei edlen Frauen anzufragen, was sich zieme. Tie Frau als Bekämpferin der Vivisektion muß ihre Siege auf mittelbarem Wege suchen, durch beständiges Wirken in privatem Kreise einflußreicher Personen, die ihrer milderen Auffassung zugänglich werden können.

Wenig zahlreich noch, aber gewichtig sind die Namen der Forscher, die sich gegen die Ueberschätzung des Tierexperimentes wenden. Es ist auch nicht einzusehen, warum gewisse Tierversuche, deren Ergebnis wissenschaft­lich längst feststeht, immer noch wiederholt werden. Mit der Eindämmung des Tierversuchs sind in England dte Tierfreunde praktisch zu Werke gegangen. England ist noch immer das Vorbilds wenn eine Sache praktisch und zugleich freiheitlich angefaßt werden soll. In England ist die Vivisektion un ter Au fsi ch t g e st ellt. Diese ist aber nicht gesetzlich geregelt, sondern aus dem Verwaltungswege geordnet. ImHome Office" besteht eine besondere Ab­teilung, welche die Erlaubnis zu vivisektorischen Versuchen nur ans Empfehlung hervorragender Mediziner oder wissenschaftlicher Körperschaften und nur aii Personen er­teilt, deren wissenschaftliche Eignung außer Frage steht. Man unterscheidet drei Klassen von Versuchen. Erstens solche, wobei während- der ganzen Operationsdauer die Be­täubung andauert, und das Tier vor der Rückkehr des

Bewußtseins getötet wird. Diese Fälle machen ein Achtel der Experimente ails. In die zioeite Kategorie gehören diejenigen Versuche, wobei zwar vollkommene Bewußtlosig­keit hergestellt, aber auch das Weiterleben zu Beobachtuugs- zwecken gestattet werden soll. Das sind die wichtigsten Ver­suche; sie werden nur spärlich erlaubt. In der dritten Klasse kommen die Operationen ohne Betäubung vor. Hier ist die Bedingung, daß der Schmerz nicht über den bei Haut- einspritzungen hinausgehen soll, sobald aber stärkere Schmerzempsindungen bemerkbar werden, die Tötung er­folgt. Alle schmerzhafteren Versuche werden nur in den großen pathologischen Instituten und Kliniken erlaubt, und es finden häufig überraschende Besuche der Licenzinhaber durch einen Inspektor, selbstverständlich eine sachverständige Persönlichkeit, statt. Als vor einiger Zeit im britischen Oberhause sine Vivisektionsdebatte vor 'sich ging, waren alle Mitglieder über die Wirksamkeit dieser Einschränkungs- bestimmungen einig.

Unzweifelhaft ist hier ein Weg vorgezeichnet, der auch in Deutschland für die Wissenschaft wie für die Vivisektion^- gegner gangbar erscheint.

Psychologisches und Pathologisches zum Humbertprozeß.

Maximilian Harden bringt in derZukunft" einen Artikel, in dem er untersucht, in wie weit Fran Humbert betrügerisch, in wie wert geistig unzurechnungs­fähig ist:

Ich mußte, während das Auge sich durch- die Rie;en- spalten der Prozeßberichte quälte, immer wieder an ein kleines Buch denken, das ich vor zwei Jahren gelesen hatte. Es heißt:Die pathologische Lüge und die psychisch abnor­men Schwindler; eine Untersuchung des allmählichen Neber- ganges eines normalen psychologischen Vorganges in ein pathologisches Symptom"; der Verfasser ist Herr Dr. Anton Delbrück, Forels früherer Assistent und selbständiger Schü­ler. Ein Anfang erst; doch einer, der weit in dunkle Provinzen der Psyche hineinleuchtet. Auf der dritten Seite schon stehen Sätze, die im Katechismus keines Kriminalisten fehlen dürften:Daß es zwischen der vollständig nor­malen Geistesbeschaffenheit und geistiger Krankheit überall keine scharfen Grenzen gibt, ist eine Tatsache, die zwar oft hervoraehoben, jedoch durchaus noch nicht allgemein anerkannt ist. Und doch ist die richtige Beurteilung grade dieser Zustände praktisch, namentlich in forensischer Bezieh­ung, von der allergrößten Wichtigkeit". Aus dieser Be­trachtung ergibt sich die Notwendigkeit, den Begriffver­minderter Zurechnungsfähigkeit" in die Rechtspraxis ein­zuführen. Doch ich will nicht mit erborgter Wissenschaft prunken, die Laienirrtum vielleicht um den stärksten Teil ihrer Wirkung brächte, sondern einfach berichten, was ich in dem schmalen Buch gefunden habe. Zunächst einen Fall" aus der schweizerischen Jrrenheilanstalt Burghölzli. Ein Dienstmädchen. In Oesterreich geboren. Findelkind; nach anderer Angabe die Tochter armer Winzer. Ein Geist­licher empfiehlt die knapp Zwanzigjährige einem Grafen als Kindermädchen. Sie lieft Romane, vernachlässigt die ihrer Obhut anvertrauten Kleinen und erzählt jedem, ders hören will, sie sei Prinzessin von Spanien und werde näch­stens einen Palast' und ein großes Vermögen erben. . Ge­wöhnliche Aufschneiderei? Doch nicht. Sie wird nach einem Starrkrampf ins Spital geschafft und als bleichsüchtig und hysterisch erkannt. Aus dem Krankenhaus kommt sie in die Schulschwesternanstalt. Der Graf entläßt sie aus dem Dienst, weil sie unbrauchbar ist, und das Blaue von: Himmel lügt. Als sie von Spanien genug hat, redet sie einem ihr befreundeten Hausmädchen vor, sie sei die außer­eheliche Tochter des Königs von Rumänien und ihr Onkel der Kardinal-Primas von Ungarn. Dieser Kirchcnfürst schreibt an die Freundin seiner Nichte ost Briefe; Briefe mit groben grammatischen Fehlern zwar: aber ein unga­rischer Kardinal braucht doch nicht gutes Deutsch zu schreiben. Die Briefe kommen nie mit der Post vom Magyarenglobus; die Nichte selbst bringt sie der Freun­din: sonst könnte einer unterschlagen werden und den Auf­enthalt der gehaßten Thronprätendentin verraten. Deshalb schickt sie der Kardinal durch Boten, die mit ihrem Leben für die richtige Bestellung haften. Forel und Delbrück haben die Briefe gelesen. Viel pastoraler Schwulst, geringe Schulbildung. Die Schrift von Frauenhand, aber