Ausgabe 
2.5.1903
 
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es zu verbergen, den Beweis zu liefern, daß sie in einem Gemütszustands war, in dem sie kaum als verantwortlich für ihre Handlungen betrachtet werden konnte.

Inzwischen nahm die Untersuchung ihren Fortgang.

Nun gut", hob der Coroner wieder an, indem er den verfänglichen Gegenstand fallen ließ und unter der absichtlichen Trockenheit des Tons seine Teilnahme zu ver­bergen suchte,Sie begaben sich nach des Obersten Bostal Hause und Sie und Miß Bostal gingen zusammen in die Wohnung dieses Jem Stickels, um sich nach seinem Be­finden zu erkundigen?"

Hier aber strauchelte sie aufs neue an der Gelegen­heit vorbei, die ihr gegeben war, sich zu rechtfertigen.

Ich wünschte gar nicht zu gehen. Miß Theodora nötigte mich dazu", sagte sie.

Nun, Sie gingen doch jedenfalls mit und sahen ihn und sprachen mit ihm?"

Nein, ich! sprach nicht mit ihm".

Nun, Sie sahen ihn aber oder nicht?"

Nein, ich möcht' ihn nicht ansehen. Ich hörte ihn, und nichts weiter."

Sie hörten ihn zu Miß Bostal sagen, er gehe nach Stroan."

Ein Ausdruck von Furcht glitt plötzlich über des Mäd­chens Gesicht, was die Geschwornen, Mann für Mann ver­anlaßte, sie noch aufmerksamer als vorher ins Auge zu fassen.

Ja."

Die Antwort wurde geflüstert.

Und natürlich bemerkten Sie nicht, ob er sich in seinem gewöhnlichen Gesundheitszustand befand oder nicht?"

Ich bemerkte es nicht."

Natürlich nicht. Dann gingen Sie mit Miß Bostal nach des Obersten Bostal Haufe zurück?"

Ja."

Gaben Sie irgendwie acht aus die Zeit? Können Sie uns sagen, welche Zeit es war, als Sie das Haus erreichten?"

^Auch nicht ungefähr?"

^Selbst nicht aus die Stunde?"

Nein."

Und was taten Sie, als Sie ins Haus kamen?"

Ich weinte."

Wo? In der Küche?"

Ja, wie ich glaube, ich erinuere mich kaum."

Miß Bostal verließ Sie, um hinaufzugehen und etwas an ihrem Kleid auszubessern. Erinnern Sie sich dessen?"

Stein. Doch ja, ich glaub' es zu tun."

Nun, ich wünsche nicht, Sie zu verwirren, aber ich möchte, daß Sie sich's überlegen, ehe Sie mir antworten. Was taten Sie, als Miß Bostal Sie verlassen hatte, um hinaufzugehen?"

Ich ich ich ging in die Küche."

Und Sie weinten da?"

Ja."

Und können Sie mir sagen, wie lange Sie da saßen und weinten?"

Nein."

Sie machten unverweilt Tee? nicht?"

Eine Pause.

Der Coroner fuhr fort:Versuchen Sie sich zu er­innern. Es geschah, wie Sie wissen, erst gestern. Miß Bostal sagt. Sie hätten den Tee hereingebracht ins Speisezimmer herein. Erinnern Sie sich, das getan zu haben?"

O O ja."

Und sahen Sie da an die Uhr? Erinnern Sie sich?"

Nein, ich erinnere mich nicht."

Sie fanden Miß Bostal im Speisezimmer. Mit was war sie beschäftigt?"

Sie machte Feuer an."

Ja und Sie waren die ganze Zeit in der Küche gewesen, nachdem sie Miß Bostal verlassen hatte?"

Ja."

Sie waren keinen Augenblick außerhalb des Hauses?"

Diese Frage beantwortete Nell sofort.

,£) nein."

Sind Sie dessen ganz sichert

Ganz sicher."

Wünschen Sie, meine Herren, diesem Zeugen noch einige Fragen vorzulegen?" fuhr der Coroner fort, indem er sich an die Geschwornen wendete.

Ein kräftiger Mann mit grauem Backenbart lehnte sich in seinem Sitze vor.

Ich! möchte Miß Claris nur gern fragen", sagte er,ob der Verstorbene sich nicht gewisser Drohungen gegen sie bedient hätte? Es ist, bekannt, daß er gesagt habe, es getan zu haben?"

Der Coroner schien ungewiß zu sein, ob> er diese Frage zulassen sollte, dock: Nell beantwortete bejahend durch eine Bewegung des Kopfes.

~,,®r gebrauchte Drohungen gegen Sie?" fuhr der Ge­schworene beharrlich fort.

Ja, zwar nicht gegen mich!, aber"

Er drohte, der Polizei sagen zu wollen, wer es wäre, der die Räubereien im Hause Ihres Oheims be­gangen hat?"

Nell wurde sehr blaß und warf auf den beharr­lichen Geschwornen einen firrchtsamen Blick.

Ja, er sagte, daß er es wüßte."

Und drohte, davon Anzeige zu machen?"

Ich glaube nicht", unterbrach ihn der Coroner,daß Sie es in dieser Weise ausdrücken sollten. Drohen ist kaum das richtige Wort. Er sagte, er wollte Anzeige machen, nicht?"

Ja", sagte Nell fast unvernehmbar.

Der Geschworne, beleidigt von dem, was er für eine Abfertigung hielt, lehnte sich zurück und blickte zur Decke.

Ein anderer der Geschwornen neigte sich vor:Sind Sie mit Herrn King verlobt?" fragte er.

Wirklich, meine Herren, wir müssen uns an die Sache halten", verwehrte sich der Coroner.

Doch Nell beantwortete diese Frage mit lauterer. Stimme.

Ich bin nicht mit ihm verlobt", sagte sie fest.

Das wird hinreichen, denk' ich", sagte der Coroner, der bemerkte, daß eine starke Neigung unter den Ge­schwornen bestand, ihre Neugier über Punkte zu befriedi­gen, die ganz abseits des Gegenstands der Untersuchung lagen.

Und Nell erhielt die Erlaubnis- sich! von ihrem in die Augen fällenden Standort zurüctzuziehen.

Miß Bostal wartete ihrer und mit sansier Hand zog sie das Mädchen auf einen Sitz neben sich nieder, wo man wenig von ihrem jetzt erröteten und erschreckten Gesicht zu sehen vermochte.

Es bleibt nur noch ein einziger Zeuge übrig", fuhr der Coroner gegen die Jury gewendet fort.Es ist der zweite der Aerzte, die zur Leichenbesichtigung zugezogen worden sind."

Ist nicht Mr. King vorzufordern?" fragte einer der Geschwornen.

Er ist unfähig, zu erscheinen. Ich habe hierüber ein ärztliches Zeugnis. Doch halte ich- nach den gemachten Zeugenaussagen sein Erscheinen kaum noch für wesentlich."

Nun, ich halte es doch für sehr wesentlich", ent­gegnete einer der Geschwornen.Es ist bekannt, daß er einen Streit mit dem Verstorbenen gehabt"

Es kann bewiesen werden, daß er zur Zeit des Todes krank im Bette lag", sagte der Coroner.Er war so bedeutend verletzt worden, daß er von dem Augen­blick an überwacht wurde, in dem er ohnmächtig niederfiel, nachdem er den Verstorbenen von sich gestoßen hatte."

, ,Gut, doch gebe ich zu bedenken, ob wir davon nicht durch gerichtliche Zeugenaussagen Beweise haben müßten. Wenn ein Mensch tot aufgefunden wird, mit einer Kugel im Kopf" Er brach kurz ab, da seine Aufmerksamkeit, wie die jeder andern Person im Gerichtshof, durch einen Schrei, eine Bewegung Nells aus sich gezogen wurde. Aus- pringend stieß sie einen ächzenden Klageton aus, woraus ie mit einem raschen, furchtsamen, starren Blick um sich her, auf ihren Sitz niedersank.

Ein Summen und Zischeln entstand, die von der lauten AufforderungRuhe!" gedämpft wurde, als der zweite Arzt aufgerufen und vereidigt ward. Seine Aus­sage war nur der Widerhall des Zeugnisses, seines Amts­bruders und wurde von dem überfüllten Gerichtshöfe kaum beachtet, der von diner stärkeren Aufregung ergriffen war.