Ausgabe 
2.5.1903
 
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und ihre

Wäre Thermen, uns doch

Tie Thermen sind noch heute vielleicht die großartigsten Denkmäler der damaligen Architektur. Die mächtigen Kreuz­gewölbe, welche den Mittelpunkt der Thermen bildeten, sind häufig einfach in ein christliches Gotteshaus umgewandelt worden.

Noch in den Trümmern staunt man über die Pracht und Zweckmäßigkeit, mit welcher dereinst diese Anlagen aus- gestattet waren. Neben den kalten, warmen und heißen Bädern gab es riesenhafte Schwimmbassins, elegante Er­frischungsräume, mächtige Hallen, deren Nischen mit den herrlichsten Statuen gefchmüar waren, dazwischen weite freie Plätze zu gymnastischen Hebungen, Gartenanlagen mit lauschigen Winkeln und edlem Marmorwerke!

Alkes zeugt von dem raffinierten Luxus der ließet* kultur. Dieselben Menschen aber, die hier zur Erholung, zum Sport, zu geistreichem Geplauder zusammen kamen.

Menschen sind die Tinge, welche ihre Erholung Freude ausmachen.

uns von den Römern nichts erhalten als die das Colosseum und der Cir8us, so könnten wir

Ein sicherer Gradmesser für die Kultur und das Seelen­leben der

eine ziemlich genaue 'Borstellung ihrer Art und ihres Lebens machen.

Unter heiterem Himmel.

Rom.

(Nachdruck verboten.)

Rom liegt hinter mir wie ein Traum. Man würde Jahre ernsten Studiums gebrauchen, um hier nur einiger­maßen zu Hause zu sein. Lies Benvenuto Cellini, die Ge* schichte der Päpste von Ranke, Lucretia Borgia und die sämtlichen römischen Schriften von Gregorovius, Rom von Zola, Transformation von Hawthorne, der Convertit von Richard Boß, nimm als Cicerone etwa AmelungsWan­derungen durch die Antiken" oderBom alten Rom" von Eugen Peters. Nimm außerdem Deinen Homer als bestes Hilfsmittel zur lebendigen Auffassung der Antiken lies das alles und Du lernst viele interessante Seiten der ewigen Stadt kennen, nur gieb Dich der Täuschung hin, damit das ganze Rom erschöpft zu haben. Jahrtausende richten sich hier vor Dir auf, Fäden führen von hier hinüber nach Afrika, nach Griechenland, nach dem Orient von allen Kulturen, Nus allen Jahrhunderten sind hier Ueberreste abgelagert. Fühlst Du Dich in Florenz sofort zu Hause durch das intensive Erleben einer bestimmten geschicht­lichen Periode, so sühlst Du Dich hier zunächst verloren den tausendfachen, zum teil scharf entgegengesetzten Ein­drücken gegenüber. Erst allmählich lernst Du unter dem Getriebe des modernen Lebens die Pulsadern längst ver­gangener Kulturen herausfinden. Ein paar Monate sind eine zu kurze Zeit, als daß Du an ein planmäßiges Studium der reichen Eindrücke denken dürftest, die sich auf Schritt und Tritt Dir bieten. Du wendest Dich Deinem besonderen Steckenpferde zu und suchst im übrigen zu erhaschen, so viel Dir möglich ist. Du willst von meinem besonderen Leben hören? Fast glaube ich, man hört auf, in Rom ein beson­deres Leben zu führen. Die kleinen Tagesinteressen treten zurück, der Blick schaut einzig nach demehemals und einst­mals".

Ich war verschiedentlich auf dem Palatiu, durchstreifte die Trümmer der alten Kaiserpaläfte, die verwilderten Gärten mit den malerischen Fontänen, idj schaute von hier aus hinüber nach dem Colosseum und nach dem Circus maximus. Ich ließ mir vom Führer erklären, daß früher eine Treppe direkt vom Palatin hinab in das Forum führte zum Tempel der Bestalinnen. Ob da nicht die chronique scandaleuse des alten Rom oftmals ihre Fäden spann zwischen dem Kaiserpalast und dem atrium der Vesta? Und doch, wenn wir die schönsten der erhaltenen Porträtbüsten der Bestalinnen im Thermen-Museum betrachten, so scheint dies edle Antlitz mit der hoheitsvollen milden Ruhe, dem Hefeu Verstehen des klaren Blickes über allen Klatsch der Menge erhaben. Wie Wotan zur Erde so mögen die stolzen römischen Imperatoren zur heimischen Norue ge­pilgert sein, Rat und Mrbitte heischend bei verzweifelten Schicksalswendungen.

Tas Colosseum sowohl wie das Forum mit seinen Tem­peln und Triumphbogen, seinen heiligen Straßen und Klosteranlagen habe ich zu allen Tageszeiten durchforscht, hake sie beim Mvndenlichte und bei bengalischer Beleuch­tung gesehen.

Die Ansprache des Coroners an die Jury war sehr kurz und ließ, mehr Zweifel in der Seele des Coroners erkennen, als in der seiner Zuhörer vorhanden waren.

Nachdem sich die Geschwornen zurückgezogen hatten, erhob das Gemurmel sich mehr und mehr und die auf­geregte Erörterung des wahrscheinlichen Wahrspruchs, ob­schon etwas zurückgehalten durch die Gegenwart Nells, die wie eine Bildsäule zur Seite Miß Bostals saß, war zu einem lauten Getöse gewachsen, schon lange ehe die Jury in den Gerichtshof zurückkehrte.

Als sie ihre Sitze einnahm, war das Getöse plötzlich einer lautlosen Stille gewichen, in der die Stimmendes Coroners deutlich vernehmbar war, der sie befragte, ob sie sich wegen des Wahrspruches geeinigt hätte.

In wenigen Minuten hatte sich die Nachricht aus dem Saal zu der aus dem Marktplatze draußen harrenden Menge verbreitet, daß der Wahrspruch gelautet hatte: Vorsätzlicher Mord, verübt von einer oder mehreren un­bekannten Personen."

16. Kapitel.

Die Idee Hemmings.

Als Miß Bostal nach Schluß des Verfahrens sich zu Nell wendete und sie bat auszustehen, und mit nach, Hause zu gehen, ivar diese ohnmächtig.

George Claris, der während des Verhörs nicht bei seiner Nichte gewesen war, sondern mit verschränkten Armen allein in einem Winkel gestanden und mit Stirnrunzeln den Gang des Verhörs verfolgt hatte, kam auf die ge­bieterischen Winke Miß Bostals herbei.

So sehen Sie doch, Mr. Claris, das arme Kind ist ja ohnmächtig", rief fte über seine Gleichgiltigkeit ganz erstaunt.

Ich sehe es ja", erwiderte er kurz mit kaltem Kopfnicken.

Das arme, kleine Ding! Der Schrecken ist zu viel Sr die Arme gewesen", fuhr die Dame fort, indem sie ells Mantel rasch ausknöpfte, und ihr das Kleid vorn freimachte.Mn Glas Wasser, wenn jemand die Güte hat. Und drängen Sie nicht so heran. Lassen Sie ihr fo viel Lust wie möglich zukommen."

Als das Mädchen, dank der Bemühungen Miß Bostals, wieder zu sich gekommen war, was nach wenig Minuten geschah, wurde sie nach dem Wagen geführt, der draußen wartete.

Nehmen Sie sie ja recht in acht", sagte Miß Bostal besorgt, als Nell ganz blaß, kraftlos und elend hinein­gehoben wurde.Und wenn ich Ihnen raten darf, schicken Sie sie morgen früh mit dem ersten Zuge zu ihrer Tante nach London."

George Claris, der schweigsam, sinster und im ganzen ziemlich gleichgiltig gegen seine Nichte geblieben ivar, runzelte, als er einen raschen Blick auf sie warf, die Stirn.

O, es fehlt ihr nichts", sagte er schroff, was an ihnl ganz ungewöhnlich ivar, wenn er von seinem Lieb­ling sprach.Sie bedarf nur der frischen Luft, um wieder zu sich zu kommen. Wie kommen Sie aber zurück, Miß Bostal? Kann ich Sie heraufheben? Wir wollen Platz für Sie machen."

Er blickte Nell dabei an, in der Erwartung, daß sie ihm zustimmen und sür ihre Freundin Platz machen würde. Das Mädchön aber regte sich nicht.

Der Onkel sah ärgerlich ans; Miß Theodora aber lächelte nachsichtig.

Lassen Sie sie nur allein", flüsterte sie.Sie ist noch nicht wieder bei sich Diese elende Sache ist ihr zu viel gewesen!"

,Warum hätte es sür sie inehr als für jeden andern fern sollen?" fragte der Gastwirt hitzig.

Nell wendete sich auffahrend um und ihre Augen wurden von Schrecken erfüllt, als sie denen ihres Onkels begegnete. Mrß Theodora zog ihn ungeduldig am Arm. . "Mauchr haßen kein Mitgefühl", sagte sie vorwurfs- Vvll.Mern Vater ist auch so. Ihr nehmt keine Rücksicht ?uf unsre Nerven. Und doch, wenn wir sie nicht haben, b" rhr uns und nennt uns männisch und unliebens- würdrg. O Mr. Claris, ich hätte das nie von ihnen ge* Klaubt. Neu, wahrhaftig nicht. Ich habe ost gedacht, daß ^lfte Zärtlichkeit für NeÜ ein Muster der Nachahmung sür andre Manner in der Behandlung der Manen wäre."

(Fortsetzung folgt.)