Nr. 65.
1903
Samstag den 2. Mak.
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(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Nebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Jetzt sand eine Frühstückspause statt, worauf das das größte Aufsehen des Tages erregende Ereignis folgte: die Erscheinung von Nell Claris als Zeuge.
Die Zeugen waren mit ihrem Namen beschäftigt gewesen, seit die Menge der Reihe nach aus dem Gerichtshof gezogen war. Niemand zweifelte an der Wichtigkeit der Fragen, die der Coroner an Miß Bostal gerichtet hatte; es war klar, daß Nell, außer Clifford die einzige Person die, soviel man wußte, Grund zum Uebelwollen gegen den Verstorbenen hatte, jetzt im Verdacht stand, an seinem Tode beteiligt zu sein.
Vielleicht war das Mädchen selbst, als sie aus dem Ratszimmer in den Gerichtshof trat, die einzige gegenwärtige Person, die sich nicht die Lage klar machen konnte, in der sie sich wirklich befand. Denn sie allein, war nicht gegenwärtig gewesen, als die verfänglichen Fragen an ihre Freundin gerichtet worden waren.
Nell machte von Anfang an einen schlechten Eindruck. Sie war bis an die Augen in einen langen mit Eichhörnchenpelz besetzten Mantel und eine Boa von braunem Pelz gehüllt und trug einen breiten Hut, der ihr selbst noch die Umrisse des Gesichts vor der hinter ihr im Saal befindlichen Menge zu verbergen half. Doch aus dem flüchtigen Blick, den man auf ihre Gesichtszüge zu werfen vermochte, als sie sich eilig an den Platz begab, den man ihr angewiesen hatte, war erkennbar, daß ihre weithin gepriesene Schönheit zur Zeit erloschen war, denn ihr Gesicht war vvm Weinen voll Flecken und ihre blauen Augen sahen eingesunken und glanzlos aus.
Alles, was sie zu besänftigen schien, war, ihr Gesicht so viel wie möglich zu verbergen und ihre Antworten so zu geben, daß sie mit von möglichst wenigen Personen vernommen werden konnten. Während ihrer ganzen Zeugenaussage wurde sie wieder und wieder ermahnt, „frei mit der Sprache" herauszugehen und ohne Zögern und rückhaltlos zu antworten, statt sich Zeit zu nehmen, um sich ihre Antworten auszudenken, wozu sie eine starke Neigung zeigte.
Alles in allem war sie ein schlechter Zeuge, von allen der schlechteste. Selbst die ängstliche Mrs. Mann hatte nicht so viel Mühe gemacht. Wenn man nicht schon einigen Verdacht gegen das Mädchen gehabt hätte, ehe sie vor dem Richter stand, so würde ihr Wesen und die Art, wie sie antwortete, hinreichend gewesen sein, diese Stimmung in allen hervorzurufeu, die sie ihre Aussage «blegen hörten und sahen.
„Sie sind, wie ich glaube, die Mchte von Mr. George Claris? Und Sie waren zugegen als der Streit zwischen dem Verstorbenen und Mr. Clifford King stattfand?"
„Es gab keinen Streit. Jem Stickels griff ihn unversehens an. Er stieg durchs Fenster mit einem Messer nach ihm. Er verwundete ihn meuchlerisch."
„Und Mr. King schlug ihn wieder?"
„Nein. Ja. Wenigstens packte er ihn und schleuderte ihn von sich."
„Warf ihn tatsächlich zu Boden?"
„Ich weiß nicht, ob er das wirklich beabsichtigte.^ „Tatsächlich aber fiel der Verstorbene zu Boden und lag betäubt da?"
„Er schlug mit dem Kopf an den Fenstersims."
„Ja. Kennen Sie den Grund, weshalb der Verstorbene Mr. King anfiel?"
Nell gab kerne Antwort.
„Ich bedaure, auf eine Antwort dringen zu müssen. Bedenken Sie, daß es durchaus nichts Unehrenhaftes für eine Dame ist, der Gegenstand der Eifersucht von zwei heißblütigen jungen Männern zu sein. Ich! glaube, es ist eine nicht zu bezweifelnde Tatsache, daß Jem Stickels, der Verstorbene, eifersüchtig auf Mr. King war und daß es der Anblick von Mr. King zusammen mit Ihnen gewesen ist, was ihn reizte, einen Nebenbuhler zu überfallen, den er, mit Recht oder nicht, für begünstigter, als sich selbst hielt?"
Nell platzte mit einer hastigen Antwort ohne Zusammenhang heraus.
„Nein, es war nicht das. Er war's nicht. Er könnt' es nicht sein. Er war keineswegs eifersüchtig. Ich haßte Jem Stickels immer und er wußte oas auch. Wie hätt' er auf mich wohl eifersüchtig sein können, da ich ihn verabscheute?"
Und zum ersten und letzten Male im Laufe ihres Verhörs war Nells Stimme laut genug, um im ganzen Saale vernommen zu werden, als sie diese furchtbar, bloßstellenden Worte hervorstieß.
Als sie sie gesagt hatte und mit weit aufgerissenen blauen Augen den Coroner anstarrend dastand- ging eine große Welle des Entsetzens über die Versammlung hinweg, und die Geschwornen alle ohne Ausnahme bangten für ie. Sie hatten alle den wüsten Fischer gekannt; sie alle ühlten die Tiefe des Widerwillens, der zwischen diesem eingebildeten jungen Mädchen und ihm bestanden haben mußte. Und während sich ihrem Geiste die Folgerung aufzwang, daß sie gewaltsame Mittel ergriffen hätte, um sich von ihm und seiner Verfolgung zu befreien, hätten sie doch viel darum gegeben, wenn sie im stände gewesen wären, die Sache zu vertuschen.
Denn während der so frei ausgesprochene Haß einen Grund und fast eine Entschuldigung für das Verbrechen darlegte, schien anderseits ihr furchtloses Bekenntnis dieses Gefühls, jetzt, da es so sehr in ihrem Interesse lag,


