Ausgabe 
2.1.1903
 
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Der junge Offizier ging schnurstracks aus die breite Treppe los, über die man gewiß nach dem Privatlogis gelangen konnte.

Lautlose, vornehme Stille herrschte im ganzen Hause. Plötzlich hörte er unter sich ein Pushen und Stöhnen, das unwillkürlich seine Schritte hemmte.

Aha", dachte er,da kommt jemand aus dem Keller. Den werde ich abwarten. Ter muß mir Auskunft in diesem verwunschenen Schlosse geben.

Ein Lichtschimmer kam nun die Ecke herum und be­leuchtete zwei mit schweren Körben Wein beladene Männer.

Komische Gestalten!

Ter erste war der reine Hüne, ein echter pommerscher Landjunker mit seinen charakteristischen hohen Stiefeln und grüner Jagdjoppe. Ter Mann war über und über mit Spinnweben bedeckt, Rücken und Aermel zeigten weiße Kalk­spuren. Aus dem Kopfe saß schief eine bestaubte Radler­mütze. An jeder Hand trug er einen schweren Korb, mit Weinflaschen gefüllt, den er laut ausstöhnend auf die Erde setzte.

Uff!" ächzte er und wischte sich die dicken Schweiß­tropfen ab, die ihm von der Stirne tropften. Tann drehte er sich mit einem Lächeln zu seinem Begleiter herum/ der ebenso heiß, spinnwebenbedeckt und kalkspurig aussah, wie er.

Aha", dachte der Leutnant aus der Treppe,Wein für heute abend! Na, die Beiden rechnen, ja auf Durst wie ans einer Bauernhochzeit.

Muß sie doch mal ansprechen und mir Auskunft über die Wohnung des Herrn Landrat geben lassen."

Gesagt gethan!

Er klemmte sein Monocle ins Auge, stieg die paar Stufen wieder herunter und ging auf die Beiden zu.

Na, Herr Küsermeister", sagte er leutselig zu dem Arsten, Großen, der ganz verdutzt dastand beim unver­muteten Anblick eines Offiziers in Krähwinkel,bei euch scheint's ja recht staubig im Keller zu sein. .

Donnerwetter, Sie rechnen aber aus großen Turst bei Ihren Herren Gästen! Eine Batterie Flaschen fährt der Mensch auf, als ob es gelte, eine Abteilung Artillerie zu befriedigen."

Er klemmte sein Einglasfenster ins Auge, bückte sich und besah sich die Marken.

Schloß Johannisberger Auslese! Donnerwetter, da läuft einem ja ein Pfützchen auf der Zunge zusammen.

Sagen Sie mal, Verehrrester Herr Küfermeister", meinte er vertraulich, und klopfte ihn auf die Schulter,wo kann ich wohl hier meine Kürte los werden?" Leiser setzte er hinzu,der Herr Landrat ich natürlich nicht zu Haus?"

Nein", antwortete der Geftagte und richtete seine Hünengestalt stramm in die Höhe, ,chie Herrschaften sind ausgefahren."

Gute Gardeerscheinung!" dachte der junge Offizier, Und musterte ihn mit Kennerblick von Kopf bis Fuß. j,,Wenn der Kerl nicht gar so spinnwebenbedeckt wäre, würde es mich interessieren, ihn um seine Nationale zu befragen."

Aber so begnügte er sich damit, ihm mit drei spitzen Fingern (um sich ja nicht zu beschmutzen) seine Visiten­karte zwischen die beiden oberen Knöpfe seiner grünen Joppe zu stecken, die Hand flüchtig an den Helm zu legen und den beiden verdutzt Dastehenden leutselig zuzu- Uicken.

Tann ging er, konnte sich's aber nicht versagen, einen langen Blick nach! der Treppe, nach dem Garten zu werfen vielleicht, daß er irgendwo ein Zipfelchen VonSchön Margots" Kleid erspähen konnte.

Vergebens.

In dem Zauberschloß schien alles fest zjü schlafen.

Mit einem Ruck hakte er den Säbel aus und ging, ihn laug nachschleppend, zum Hause hinaus, dessen Thür sich wieder lautlos vor ihm öffnete.

Im Laufe des Nachmittags kam die ersehnte Ein­ladung.

Tankend wurde angenommen Und mit größter Sorgfalt Toilette gemacht r-

Wagen auf Wagen fuhr am Wend am Landratsamte vor , das in strahlender Helle sich vom nächtlichen! Himmel abhvb.

Das Hausthor stand weit geöffnet; ein dicker Läufer,

der die Schritte dämpfte, lag durch den langen Musgcmtz bis zur Straße hinaus.

Eine wilde Tanzmusik empfing die Ankommenden und elektrisierte die Jugend gleich so, daß sie gern bereit wcu^ Terpsichore zu huldigen.

Eine festliche, animierte Menschenmenge bewegte sich begrüßend und flirtend durch die prächtigen Räume; ein Stimmengeschwirr sondergleichen empfing Familie Reinhart, die sich langsam mit ihrem Besuch durch die große Gesell-, chaft hindurch arbeitete.

Ter junge Leutnant bekam manchen gutgemeinten Rippenstoß von seiner Schwester, um seine Aufmerksamkeitj auf dies und jenes zu lenken. Mit liebenswürdigem Lächeln beugt er sich zu ihr nieder, immer wieder in der Hoffnung, endlich Fräulein Margots Namen zu hören. Auf­rechten Ganges, die Hand am Säbel, das Monocle im Auge, S. M. begehrenswertester Offizier, harrte er auf den Moment,Ihr" präsentiert zu werden.

Plötzlich stockte sein Fuß; eine Blutwelle schlug ihm ins Gesicht.

Ja, litt er denn an Halluzinationen?

Ter Herr da, mit dem Johanniter aus dem Halse, den vielen Orden auf der Brust, der Hüne glich der nicht auf ein Haar dem Mann mit dem Wein vou hcute morgen? Ter elegante Gesellschaftsanzug ließ seine Recken-. figur ncich imponierender erscheinen.

Donnerwetter, tote tief sich ein jeder vor ihm ver­neigte; mit welch bezaubernder Liebenswürdigkeit er jeden Gruß erwiderte! Ja, um Gottes und um Jesu Willen, das das würde doch nicht am Ende gar der Herr Landrat

fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu,den wir Uns beide so redlich verdient haben, de» Schloß Johannisberger Auslese", (er w arf ihm einen schuld-

herzlich! leid. , .

Na, nichts für ungut, junger Freund", er schüttelte ihm kräftig die Rechte, derHerr Küfermeister" zürnt Ihnen nicht.

Und nun kommen! Sie. Ich möchte Sre mit meuter Margot bekannt machen. Als Entschädigung für den kleinen! Schreck sollen Sie ihr Tischherr sein. __________

' Und den Wein", F '

selber sein?

Ein tiefer, zitternder Seufzer hob seine Brust. Na, das wäre ja eine schöne Geschichte!

Im Sturmschritt ließ der junge Offizier sein Erlebnis mit demHerrn Küfermeister" Revue passieren. Er strich sich gedankenvoll über den blonden Schnurrbart.

Hm, hm." Tann schüttelte er den Kvps,zu unan­genehm."

Was sollte er denn tyun? SelbstKnigge" könnte hier nicht helfen.

Sollte er stillschweigend den Rückzug antreten, Unauf­fälligsich drücken"?

Netn. Ein preußischer Leutitant ist, niemals feige", dachte er,er ißt die Suppe hübsch aus, die er sich, selbst eingebrockt hat."

Er ließ das Monocle aus detn Auge fallen und gtng mit einer tiefen Verbeugung auf den ordensgeschmückten Herrn zu, der chm mit ausgestr eckten Händen entgegen kam,

Wie mich das freut, mein lieber Herr v. Möllenheim, Sie hier bei mir begrüßen zu können. Ich danke deut Zufall, der meinen jungen Damen einen flotten Tänzer verschaffte."

Als' er das verlegene Gesicht seines Gastes, seme nnt- leiderregende, geknickte Haltung sah, klopfte er ihn auf die Schulter und sagte: ,

Und das' von heute morgen wollen totr gleich mal besprechen, junger Freund. Dann haben wir's Hütter uns. v , . .

Sehen Sie, heutzutage ist man am besten fern eigener Diener und erspart sich dadurch manchen Aerger."

Ich kenne meinen Weinkeller, weiß genau, wo die ver­schiedenen Sorten liegen und scheue weder Staub noch Spinnweben, um mir den W'ein selbst auszusuchen, sobald ich Gäste erwarte. , v.

Tie Situation von heute morgen war peinlich für Mich/ das müssen Sie zugeben. Ich konnte mich doch unmöglich als Landrat entpuppen, so wie ich aussah) bestaubt wie mein ältesterBordeaux". Tarum schwieg ich still und markierte meinen Diener.

Und die Stunde des Erkennens jagte Ihnen einen kleinen Schreck ein, das merke ich. Und das thut mir