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Unglück, uns einen gefährlichen Feind zu machen, — den Baron Chauxville."
„Den Baron Chauxville?" wiederholte Paul.
„Ja, er wollte Ihre Frau heiraten, ihres Geldes wegen."
Paul beugte sich vor und zerrte eine Weile an seinem dichten, blonden Schnurrbart. Er war nicht sehr scharfsinnig und nicht gewohnt, seine eigenen Gedanken zu analysieren, sonst hätte er sich fragen müssen, warum er auf Etta nicht eifersüchtiger war.
-„Cs mag auch einen anderen Grund haben", fuhr Steinmetz fort. „Seltsanrerweise sind manche Menschen, die einer lebenslänglichen Liebe nicht fähig sind, im stände, lebensgefährlich zu hassen. Herr v. Chauxville hat mich sein ganzes Leben lang gehaßt; wahrscheinlich hat er seine Gründe dazu. Nun hat er seine Antipathie auf Sie ausgedehnt, Wei Sie Madame heirateten."
„Möglich; aber ich fürchte mich weder vor Chauxville, noch vor sonst jemand", antwortete Paul nachlässig.
„Tas kann ich von mir nicht sagen", meinte Steinmetz. „Er führt etwas im Schilde. Ich war gerade bei der Gräfin Lanowitsch in Petersburg, als Herr von Chauxville erschien. Mein Anblick schien ihn bestürzt zu machen, und er zeigte das, was ein großer Fehler von ihm war. Was tut er in Petersburg? Er ist seit mindestens zehn Jahren nicht dort gewesen, hat dort keine Freunde. Die oberflächliche Bekanntschaft mit der Gräfin Lanowitsch, die eine Närrin vom reinsten Wasser ist, srischte er auf, und ehe ich abreiste, erzählte mir Katharina, daß er der alten Dame eine Einladung nach Thors abgeschmeichelt habe. Warum, lieber Freund, warum?"
„Wir brauchen ihn nicht bei uns", antwortete Paul stirnrunzelnd.
„Nein, und wenn er nach Thors geht, müssen Sie diesen Winter in England bleiben."
Paul blickte rasch auf.
„Tas geht nicht", sagte er. „Etta war anfangs sehr gegen die Reise, aber ich überredete sie Endlich; es wäre also ein großes Unrecht, jetzt zurückzutreten."
„Ich rate Ihnen ab", murmelte Steinmetz, indem er ihn ernst anblickte.
„Tas tut mir leid", antwortete Paul achselzuckend, „aber jetzt ist es zu spät. Außerdem habe ich Fräulein Telafield eingeladen, und sie hat angenommen."
„Hat das etwas zu sagen?" fragte Steinmetz ruhig.
„Ja."
Steinmetz erhob sich und blickte, sich mit beiden Händen aus die marmorne Brüstung stützend, in den Saal hinab. Ein neuer Walzer hatte eben begonnen, und einige Enthusiasten fingen bereits wieder zu tanzen an.
„Wie Sie wollen", sagte er ergeben. „Es liegt ein gewisses Vergnügen darin, Chauxville zu überlisten, — er ist so verflucht gescheit!"
17. Kapitel.
Iu den Ch amps Ely se es.
„Es hilft nichts, wir müssen annehmen", wiederholte Steinmetz. „Wir dürfen Wassili nicht beleidigen, ihn am wenigsten in der Welt."
Sie standen in einem der Salons, die Paul und sein Gefolge während ihres Pariser Aufenthaltes im „Hotel Bristol" bewohnten. Stienmetz, der einen offenen Brief in der Hand hielt, schaute aus dem Fenster aus den stillen Bendömeplatz hinab. Ein scharfer, echter Pariser Nordwind trieb einen feinen Schnee vor sich her, der sich in grauen Flocken aus der Nordseite der Säule niederließ, die hauptsächlich durch die Leichtigkeit bekannt ist, mit der sie fällt und sich wieder erhebt.
Steinmetz betrachtete den Brief mit einem seltsamen Lächeln und drehte ihr nach allen Seiten, als mißtraue er selbst dem Papier.
„So freundlich, so außerordentlich freundlich!" rief er. „Ce bon Steinmetz nennt er mich, ce bon Steinmetz, —> was für eine verfluchte Unverschämtheit! Er hofft, daß der liebe Fürst keine Umstände machen und mit der reizenden Fürstin ganz en samille in seinem kleinen Absteigequartier in den Champs Elysees dinieren wird, und hofft, daß ce bon Steinmetz, wie auch die junge Dame, die Cou- sine der Fürstin, sie begleiten werden."
Steinmetz warf den Brief auf den Tisch, ließ ihn einen Augenblick dort liegen, dann nahm er ihn wieder aus, schritt durch das Zimmer und warf ihn ins Feuer.
„Monsieur Wassili weiß also, daß wir hier sind, und wenn wir nicht bei ihm dinieren, werden wir an der Grenze von albernen, ganz verdächtig albernen Beamten belästigt und aufgehalten werden. Wenn wir ablehnen, wird Wassili daraus schließen, daß wir uns vor ihm fürchten, und darum müssen wir die Einladung annehmen, besonders da Wassili seine schwache Seite hat; wenn ce cher prince und la charmante princesse liebenswürdig gegen ihn sind, ist er nicht mehr halb sv gefährlich."
Paul lachte; das Wort „Gefahr" brachte ihn stets zum Lachen.
„Meinetwegen", sagte er. „Wir wollen Wassili auf jeden Fall zeigen, daß wir uns nicht vor ihm fürchten."
Tas, was Wassili, sein kleines Absteigequartier in den Champs Elysees zu nennen beliebte, war in Wirklichkeit ein prächtiger, moderner Pariser Palast. Ein Lakai in glänzender Livree öffnete die schwere Tür, andere Lakaieü verbeugten sich in der Vorhalle, als wären sie Maschinen, und alles war fürstlich, prächtig und echt pariserisch.
Wassili und seine Schwester, die Marquise, eine tricEe. Tarne in rotem Sammet mit Amethysten, empfingen die Gäste im Salon. Sie standen nebeneinander ans dem weißen Bärenfell vor dem Kamin, als der Diener die Tür dramatisch aufriß und mit salbungsvoller Stimme die Namen in den Saal rief.
Steinmetz, der ganz hinten stand, sah alles. Er sah, wie sich Wassilis maskenähnliches Gesicht vor Verblüffung verzerrte, als sein Blick auf Etta fiel, er sah, wie der sich selbst beherrschende' Russe ein wenig zusammenfuhr und einen unartikulierten Laut ausstieß, ehe er sich so weit sammelte, um sich tief zu verneigen und daduxchj sein Gesicht zu verbergen. Allein Ettas Gesicht konnte er ein paar Augenblicke nicht sehen, bis die förmliche Begrüßung vorüber war; als er es endlich sah, bemerkte er, daß es so weiK wie Marmor war.
„Ah, ce bon Steinmetz!" rief Wassili etwas weniger förmlich, indem er ihm heiter die Hand entgegenstreckte.
„Ah, ce cher Wassili", entgegnete Steinmetz, indem er diese Hand ergriff.
„Es ist sehr gütig von Ihnen, daß Sie uns in unserem kleinen Hause beehren", sagte die Marquise mit einer gutturalen Stimme, wie sie von einer Dame in rotem Sammet mit Amethysten zu erwarten war, worauf sie während des übrigen Abends in Schweigen und Dunkelheit versank.
„Sie sind also auf dem Wege nach Rußland", sprach Wassili, mit einer Verbeugung all seine Gäste einbeziehend. „Ich beneide Sie, wirklich, ich beneide Sie! Sie kennen Rußland, Frau Fürstin?"
Etta begegnete ruhig seinem verschleierten Blick.
„Ein wenig", antwortete sie.
In ihren Augen lag jetzt kein Blitz des Erkennens, ihr Gesicht war nicht mehr blaß.
(Fortsetzung folgt.)
Hessische Räuberbanden im achtzehnten Jahrhundert.
Von Dr. Arthur Bechtold.
Original-Aufsatz für die Gießener Familienblätter.
Buchner berichtet in seinem Merkchen „aus Gießens Vergangenheit" über Zigeuner und Räuber in der Umgebung Gießens und bedauert das Fehlen aktenmäßiger Nachrichten über diese Banden. Stuf Grund reichen Materials möchte ich die Mitteilungen Buchners ergänzen.
Räuber und Räuberbanden hat es zu allen Zeiten gegeben; in um so größerer Zahl, je günstiger dieser Erscheinung die Zeitverhältnisse waren und je ohnmächtiger die gesetzliche Macht ihr gegenüber stand. Im 17. Jahrhundert hören wir nur deshalb verhältnismäßig wenig über Räuberbanden, weil die Klagen über diese Plage vom Kriegslärm übertönt wurden; die Fürsten hatten an wichtigere Dinge zu denken als an die Unterdrückung der Gaunergesellschaften.
Desto mehr vernehmen wir davon im 18. ^ayryunoerr, und zwar toareti die Hauptschlupfwinkel der großen Gaunerbanden bis ins 19. Jahrhundert herein die Gegenden zu beiden Seiten des Rheins, die Marnzer, Kölner, TrierUchen Gebiete, sowie die hessischen Lande.
Gleich in den ersten Jahren des 18. Jahrhuniwrts, 1706, begegnen wir eine Verordnung des Landgrafen Ernst


