Ausgabe 
1.7.1903
 
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gegnete Frau Wilson, nicht weniger bestürzt, wenn auch wohl in anderem Sinne.

Es tut wir so leid", fuhr Minor fort, die Augen voll Tränen,für ihn und für uns alle. Ich- hätte ihn heute so sehr sehr gern gesprochen."

Vielleicht werden wir ihn, wer weiß wie lange nicht sprechen", war Frau Wilsons kalter Trost.Robert hält entschieden darauf, daß seine Kranken ruhig gehalten werden."

Und der Doktor sagte genau dasselbe, als er eine Stunde später mit den neuesten Nachrichten von seinem Patienten herunter kanl.Nach einer solchen Erschütter­ung, wie diese war, bedarf er mehrere Tage lang der äußersten Ruhe", lautete sein Ausspruch.Die ganze Aus­dehnung des angerichteten Unheils läßt sich noch gar nicht übersehen. Jarris und ich werden die Pflege übernehmen, und die Damen müssen ihn uns überlassen, bis das Schlimmste vorüber ist."

(Fortsetzung folgt.)

Selma Lagerlöf.

Bon Bertha Kes.

(Schluß.)

In dem darauffolgenden Jahre bis 1899 weilt Selma Lagerlöf in Schweden. Diesmal taucht sie tief in die Ver­gangenheit des Landes: in die christlich-mythische Vorzeit und schreibt die Sammlung; Legenden und Novellen, welche unter dem Titel:Die Königinnen von Kungahäll" veröffentlicht sind. Sie enthalten wahre Perlen der skizzen­haften Erzählerkunst, unter denenEine Grabfchrift" die kürzeste und ergreifendste Weibertragödie ist, die je ge- fchrieben wurde.

Für einen sparsamen Menschen und Dichter hätte der Stoff zu einem zweibändigen Roman gereicht. Auch die Ingrid" genannte Novelle, ein Hhrnnus auf die Liebes­und Opferfühigkeit der Frau, erscheint im Jahre 1899. Um 1900 zieht es die Dichterin wieder mächtig hinaus. Sie ist inzwischen eine anerkannte Größe geworden.

Es ist sattsam bekannt, daß zwischen den drei nordischen Reichen starke Eifersuchtsströme fließen. Um so bemerkens­werter ist die unanime Begeisterung, mit welcher seitens der gesamten nordischen Presse die Werke Selma Lagerlöf's beurteilt werden, nachdem der erste Schrecken überwunden war. Ich erwähne hier nur das Urteil eines norwegischen Blattes, weil es mir als besonders charakteristisch er­scheint:

Die drei skandinavischen Länder haben vollauf ge­nügend -literarisch Hand arbeitende Damen. Einen reichlich gefüllten Korb niedlicher, weiblicher Bücherindustrie. Damen mit allerlei Richtungen, mit allerhand Eigenschaften, aber alles Damen, und darum . . . unbelangreich.

Plötzlich ersteht in Schweden ein großer Dichter, der eine Frau ist. Menschlich und weiblich. Ohne inneren Zwiespalt. Eine reiche Seele voll Zartheit und Kraft,! eine ursprüngliche Natur mit charaktervoller Einfachheit, ein unabhängiger Geist, mit einem Wort: eine große Künstlerin, in deren Seele sich das Leben hell und tief spiegelt."

Die schwedische Akademie der schönen Künste setzte ihr ein jährliches Dichtergehalt aus. Sie darf nun un­behelligt von alltäglichen Sorgen schaffen, im stolzen Ge­fühl ihrer Kraft, getragen von der Liebe und Bewunder­ung der Besten ihres Volkes.

Nun führt sie ihr Weg während einer Jahresreise nach Aegypten und Palästina. Die Frucht derselben ist ihr umfangreichstes Werk:I er u s a-l em". (München, Alb. Langen.)

Selma Lagerlöf zählt heute 45 Jahre; sie steht im Zenith ihrer Schaffenskraft" und wir dürfen annehmen, daß ihre fürstlich ausgestattete Dichterphantasie uns noch manches Meisterwerk beschert. Aber sollte es das Schicksal auch anders bestimmt haben, so können !vir mit dem, was sie uns bis jetzt gegeben, wohl zufrieden sein.

Die Stoffe ihrer Dichtungen, seien sie nun den hei­matlichen Sagen, den Ueberlieferungen anderer Völker oder Geschehnissen der Neuzeit entnommen, immer färben sie sich in der Glut ihrer Phantasie mit neuen Farben­tönen erhalten sie, wie der Edelstein unter der Hand des Schleifers, sprühendes Feuer, neue, bisher ungeahnte

Reflexe.Am farb'gen Abglanz haben >vir das Leben"; dies Goethesche Wort ist lange vergessen worden. Selma Lagerlöfs daseinssreudige Künstlernatur weckt es in unserer Erinnerung. In ihrer Darstellung findet auch das Kleinste eine Verklärung. Auch der Unansehnlichste hat seinen Anteil am Leben, hat seine großen Augenblicke gehabt und einen großen Entschluß fassen können; er hat einmalmit dem goldenen Würfel gespielt". Die Dichterin überschlägt alles Unbedeutende. Das gewöhnliche, das tägliche Leben faßt sie in eilt paar Worten zusammen, aber die Augenblicke, in denen die Menschen sich selbst sind, die schildert sie. Sie versteht das Leben so umzudichten, daß es wahrer, begreiflicher vor uns steht, als in Wirklichkeit: diese hohe Kunst aller Großen! Sie sieht die Menschen lichter, klarer! Mit liebevollem Verstehen bringt sie in die Tiefen ihres Mesens und erblickt den Adelsstempel auch in der Seele des Niedriggeborenen.

Sie liebt das Volk, die,e Liebe glüht in all ihren Schriften. Seine Gewohnheiten, feine Ueberlieferungen, fein Besitztum, ja seinen Hausrat umfaßt diese Liebe und gibt ihm eine entsprechende Bewertung.

Die Heimat, aus der ihre Gestalten entsprossen, ist der Antäusboden ihrer Kraft. Mit ihrem Fühlen und Handeln wurzeln sie in dem Erdreich, dessen Kinder sie! sind, sei es welches Land es sei Schweden, Italien odev der Orient, immer sind sie die Erzeugnisse ihrer Um­gebung, hätten sich nirgends anders gerade so entwickeln können.

Das verleiht ihren Gestalten die unendliche Mannig­faltigkeit, ihrer Landschaft den unwiderstehlichen Stimm­ungszauber. Ohne uns durch langatmige Natur- oder Charakterschilderungen zu ermüden, ziehen Personeu und Ereignisse an uns vorüber, wie das bunt bewegte Bild des Lebens selbst.

Welch eine Fülle der Gesichte in ihrem letzten Buche, dem groß angelegten WerkeJerusalem".

Wie in jeder starken Dichtung ist auch hier die Unter­strömung eine tief ernste, melancholische. Die schwermütige Betrachtung, wie wenig das Ideal sich verträgt mit dem Leben. Hier ist es eine starke Volksbewegung, ein erwachen­des Gottverlangen, das nicht zu vereinigen ist mit den Anforderungen des alltäglichen Daseins, ließet dem ersten Teil liegt die dunkle, aber mächtig ergreifende Stimmung des ernsten, verschlossenen nordischen Wesens, das, einmal aufgewühlt in den tiefsten Tiefen, zu großen heroisches Entschließungen fähig ist, aber nie einen Schritt zurück­geht oder bereut, den es einmal als richtig erkannt.

Ein völlig verschiedenes Bild zeigt der zweite Teil, der als die eigenste Frucht der Palästinafahrt zu bezeichnen ist. In ihm bewundern wir zumeist die große Milieu­kunst der Schreiberin, ihre hervorragende Fähigkeit, das Lokalkolorit zu treffen, und ihre scharfe, geistreiche Be­obachtungsgabe, welcher auch nicht der kleinste Zug mensch­licher Eigenart entgeht. , z

Und zum SchlußDie Wunder des Antichrist" (ob­gleich es in der Reihenfolge nicht das letzte W^k ist), diesem Buch, das selbst Ivie ein Wunder in unserer nüch­ternen Zeit erscheint.

Im Gegensatz zu dem düsteren Grundton, auf den das tief einschneidende religiöse Fragen behandelndeJeru­salem" gestimmt ist, gedenkt mau hier unwillkürlich des Faustschen:Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!" Dort alles ernst und würdevoll, dem Charakter des Volkes und des Stoffes angemessen, hier südliche Glut und Grazie. Ein naiver, entzückender Humor, eine leidenschaftliche!, liebestrunkene Hingabe an das Leben selbst.

Auch hier ein Ringen zwischen Ideal und Wirklichkeit, aber iuie es der praktische, daseinsfrohe Südländer versteht, ohne die bleischweren Gewichte der Reflexion an den Füßen. Auch hier eine brennende soziale Frage.

Und wie wird sie gelöst? ' ' ,

Selma Lagerlöf löst keine Fragen. Das Aus und Ab des Lebens gibt sie uns, schildert uns die Wirkung auf den einzelnen, seine Daseinsgestaltung durch sein Dafür öder Dawider.

Und Selma Lagerlöfs eigene Meinung?

Um solche Frage schüttelt sie wohl lächelnd den Kopf. Sie entgleitet uns, wenn wir sie festzuhalten meinen. Kraft ihres Dichtersürstentums wehrt sie alle plump zufassenden Hände, die sie für eine Tendenz gewinnen möchten, ab. Sie entschwebt hoch über alles Parteigetriebe, und mit dein