Ausgabe 
1.7.1903
 
Einzelbild herunterladen

382

O nein, nein, Fräulein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein!"

Wer es ist wahr", beharrte Minor und erzählte nun aufs Mnaueste alles, was sie von Fräulein Bassett erfahren hatte, ohne deren Namen zu verschweigen. Ver­wirrt, wie aus einem Traume erwachend, saß die Zu­hörerin da, ohne sie bis zum Ende auch nur einmal zu unterbrechen. Dann sagte sie:

Gott sei gelobt! Meine Tochter ist eine ehrliche Frau!" Dann wandte sie ihren Kopf zur Seite, um vor ihrem vornehmen Enkelkinde die Gemütsbewegung zu ver­bergen, die sich in Tränen Luft zu macheu suchte.

Minor blieb noch fast eine Stunde in der kleinen Hütte. Da sie nun selbst ruhiger geworden war, fühlte sie sich im stände, die freudige Aufregung der alten Frau zu beschwichtigen.

Meine Tochter reich! Und seine Frau des jungen Gutsherrn Frau! Gott gebe, daß ich nicht aufwache und finde, haß alles nicht wahr ist! Meine Dora wohl und glücklich und geachtet, nicyt wahr, so sagten Sie doch, Fräulein?"

Nennen Sie mich Minor", bat das junge Mädchen freundlich.Ja, meine Mutter ist hochgeachtet, und sie verdient es äüch Ich hörte meinen Vater oft sagen, daß sie hart gearbeitet habe, um ein Vermögen zu ersparen. Meine Eltern sind beide so gut, so ehrenhaft. Ich fasse nicht, daß sie dies tun konnten, daß sie Ihnen die Wahrheit vorenthalten. Sie in dieser Armut lassen konnten!" Vor Scham errötend barg sie ihr Gesicht in beiden Händen.

Ueber Frau Stirlings runzelige Züge ging es wie eine plötzliche Erleuchtung.Aber sie wollten es nicht tun, sie wollten mich nicht arm lassen", rief sie fast lebhaft.Jetzt wird mir alles klar, setzt verstehe rch alles! Sehen Sie hier, Fräulein es ward mir noch so schwer, anders zu sagen also sehen Sie hier, Minor, nun weiß ich erst sicher, wer mir dies geschickt."

Mit diesen Worten hatte sie ein kleines Kästchen ge­öffnet, und ein Päckchen herausgenommen, in dem sich lauter Banknoten befanden.Sie kamen", erklärte sie jetzt flüsternd,einige Zeit nach dem Tode meines Mannes. Ein fremder Bote brachte sie mir, und es lag ein Zettel dabei, auf dem stand, daß meine Dora wohl und glücklich sei. Aber mir war so bang zu Mut, ob es auch ehrliches Geld sei; und so sagte ich niemand davon und ver­brauchte nur zwei Scheine, gerade um Leib und Seele zu- sammenzuhalten, ohne ins Armenhaus zu gehen. Die Leute glaubten, ich hätte das Geld von daheim, wo noch ein paar Verwandte von mir leben.Jetzt aber" mit zitternder Hand die Wertscheine glättend--

Machen Sie nach Belieben Gebrauch davon", sagte Minor.Und sagen Sie, wem Sie wollen, woher das Geld kam, und wer es schickte. Es muß hart für Sie ge­wesen sein, die ganze Zeit darüber zu schweigen."

Die alte Frau blickte mit höchster Verwunderung auf das hochherzige Mädchen; aber in ihrem einfachen Sinne war sie weltklüger als ihr Enkelkind.

Nein", sagte sie ernst mit einer ablehnenden Geberde, ich bin schon zu lange still gewesen, als daß ich jetzt noch damit prahlen wollte. Ihre Nachricht hat mir das Herz warm und leicht gemacht, und das ist genug. Sie haben vielleicht nicht bedacht, Kind, was das Sagen für Sie be­deutet. Schweigen Sie noch darüber und lassen Sie auch das andere Frauenzimmer schweigen, bis Sie jemand um Rat gefragt haben. Von mir soll es niemand zuerst er­fahren."

Durchaus nicht gewillt, auch nur eine Silbe von dem zurückzunebmen, was Fräulein Bassett gesagt hatte, gab Minor keme direkte Antwort, sondern neigte sich herab Und drückte einen Kuß auf die gefurchte Stirn der Greisin.

Ich werde bald wieder kommen Großmutter", sagte sie und verließ die kleine Hütte mit einem Gefühl auf­richtiger Bewunderung für Frau Stirlings große Uneigen­nützigkeit und vuit weniger beschämt über ihre nahe Ver­wandtschaft mit der armen Frau, als es unter gleichen umständen einer jungen Engländerin möglich gewesen wäre.

Auf dem Heimwege beschäftigten sich Minor's Ge­danken eifrig mit der Frage, ob Fräulein Bassett das lange gehütete Geheimnis jetzt schon preisgegeben habe und an wen, ynb wie es wohl der eine aufnehmen werde, dessen Rat sie sofort einholen wollte.Wenn Herr Morgan

mir sagt . . ." dachte sie, als sie bei einer raschen Biegung des Weges dicht am Flusse die Spuren eines kürzlich statt­gehabten Unfalls bemerkte.

Mit einem Ausrufe des Schreckens erkannte sie eines ihrer eigenen Fahrzeuge einen Wagen ohne Deichsel und halb zusammengebrochen, den man gerade einen steilen Abhang auf der einen Seite der Brücke heraufzog; der Grauschimmel, den Herr Morgan stets zu benutzen pflegte, stand schwer verletzt dicht daneben, und eine Anzahl! Männer stritten lebhaft darüber, ob man das arme Tier noch nach Hause bringen könne, oder auf der Stelle töten müsse.

Was ist passiert?" rief Minor. Harris, ihr eigener Verwalter trat vor, nm ihr zu antworten.

Etwas recht Schlimmes, Fräulein Graham", sagte er ernst.Herr Morgan saß in diesem Wagen und Fräu­lein Bassett saß bei ihm. Im Hause erzählten sie mir, daß Herr Morgan hierher gekommen sei, um auf Sie zu warten. Da Sie aber lange ausgeblieben und er noch Nötiges auf der Post in Bearsord zu besorgen batte, ließ er einspannen, um hinüberzufahren. Gerade wt letzten Augenblicke kam Fräulein Bassett herunter und fragte, ob sie mitfahren könne, da sie auch dort zu tun habe. Ich stand hier nebenan auf dem Felde und sah sie daher kommen. Plötzlich scheute das Pferd beim Anblicke einiger Kinder, die Aehrenbündel auf dem Kopfe trugen, und ging in rasendem Tempo durch. Herr Morgan hatte die Zügel fest gefaßt, und ich konnte sehen, wie er Fräulein Bassett, Die herausspringen wollte, auf ihrem Sitze zurückhielt; es wäre wahrscheinlich alles gut abgegangeu, iveun nicht das Frauenzimmer gerade, als sie über die Brücke fuhren, wie toll geschrieen und sich au den Zügel festgeklammert hätte. Damit war das Unglück geschehen, der Wagen stürzte hinunter und ein Wunder ist's, daß sie nicht beide den Hals brachen."

Wer wer von ihnen ist verletzt?" stammelte Minor.Wo sind sie?"

Ich ließ einen Wagen vom Felde kommen, und Fräu­lein Bassett nach Westfields zurückfahren. Dann schickte ich nach Herrn Pott, der schon bei ihr ist. Sie sprach kein Wort, es scheint sehr schlimm mit ihr £u stehen."

Und Herr Morgan?"

Er kam am besten weg, Fräulein Graham, aber das will nicht viel heißen."

Minor atmete dennoch erleichtert auf, und Harris erzählte weiter:

Glücklicherweise kam gerade Herr Dr. Wilson mit seinem Landauer vorüber. Er half uns Herrn Morgan in den Wagen tragen und fuhr ihn sofort nach Hause."

Dann muß ich sofort nach der Villa", erklärte Fräu­lein Graham augenblicklich:bestellen Sie zu Hause, daß man mich heute abend dort abholt. Mit dem Pferde machen Sie, was Ihnen am besten, am barmherzigsten scheint. Sagen Sie auch, daß man Herrn Pott alles zur Verfügung stellt, was er für Fräulein Bassett braucht. Gehen Sie jetzt gleich nach Hause zurück?"

Noch nicht gleich, Fräulein. Herr Morgan, der "nicht ganz das Bewußtsein verloren hat, vertraute mir ferne Briefe an. Ich versprach ihm, auf den Postboten zu warten, und sie ihm mitzugeben. Er wird bald hier vor­überkommen."

Dann geben Sie ja Acht, daß Sie ihn nicht verfehlen", sagte Minor,denn dies würde Herrn Morgan sehr un­angenehm sein" und ohne noch einen Augenblick weiter zu verlieren, eilte sie auf einem Wiesenpfade nach der Villa. Hier traf sie Frau Wilson in größter Bestürzung, halb weinend vor Angst.um den geliebten Bruder, im Garten aus und 'ab schreitend. Man hatte sie aus seinem Zimmer verbannt, während der Doktor mit geschickter Hand, den wohlerfahrenen Jarris als Assistenten zur Seite, Richards doppelten Armbruch einrichtete. Die beiden Damen hörten draußen das schmerzliche Stöhnen des halb bewußtlosen Patienten, und während Minor toten­bleich wurde, brach Frau Wilson in lautes Schluchzen aus.

O wäre ich doch früher nach Hause gekommen, und hätte ihn oder wenigstens dieses unglückselige Fräulem Bassett zurückgehalten!" flüsterte Minor ganz schuld­bewußt in großer Bestürzung.

Oder hätte er überhaupt nicht nach Vearford ge­wollt! Was konnte er nur dort zu tun haben?" ent-