Nr. 96
Mittwoch den 1. Juli.
1903.
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(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Englischen von Clar a Rh ein au.
(Fortsetzung.)
8. Kapitel.
Ohne zu W&ettfett, daß sie zu dem wichtigen Schritte, den sie vorhatte, der Einwilligung ihrer Eltern bedürfe, eilte Ellinor, so rasch ihre Füße sie tragen wollten, nach Fran Stirlings Hütte in B-ridgeham. Aus der Verwirrung, in die Fräulein Bassetts Erzählung ihre Gedanken gebracht batte, sonderte »ihr warmes Herz als schwärzesten Punkt die Grausamkeit ab, die man der einsamen alten Frau angetan hatte, und die sie ohne Zeitverlust wieder gut machen wollte.
Beim Durcheilet: des letzten Gäßchens stolperte sie in ihrer Hast beinahe über ein kleines rotwangiges Kind, das auf dem Boden saß und eifrig im Sande spielte.
„Aus dem Wege, kleiner Wurm!" rief sie in scharfem Tone, kehrte aber nach wenigen Schritten wieder zurück, und warf dem erstaunten Kinde all' die kleinen Münzen zu, die sie bei sich hatte.
„Wer kam: wissen", sagte sie für sich, „ob ich nicht vielleicht die Ehre habe, eine entfernte Verwandte dieses struppigen Geschopfchens zu sein! Vielleicht habe ich eine Menge derartiger Verwandten im Dorfe, ohne es zu wissen! O, mein armes, schönes Westfields" — wehmütig blickte sie über das Wasser nach ihrem Heim, das ganz in Laubwerk eingehüllt, kühl und friedliche in der Augusthitze da- lag — „wird mich dies von Dir entfernen, -oder werden wir Mut zum Bleiben haben? Er soll für uns entscheiden, ihm will ich alles überlassen."
Die bescheidene Heimstätte der alten Frau war bald erreicht. Eine strohgedeckte Hütte mit bleigefaßten Fensterscheiben und sehr baufälligen: Aussehen — die Wohnung ihrer nächsten Verwandten auf englischem Boden. Ein schmales Streifcheu Garten trennte das Häuschen von der Landstraße, zwei üppige rote Dahliensträucher wucherten zu beiden Seiten der Tür, umflattert von hübschen Schmetterlingen, die Ellinor beinahe um ihre sorglose Lebenslust beneidete, als sie auf ihr erstes Klopfen einige Sekunden ivarten mußte. Endlich hörte sie langsame, schlürfende Schritte näher kommen. Die Tür wurde geöffnet, und die alte Witwe stand knixend vor ihr. Die trotz ihrer 70 Jahre noch lebhaften braunen Augen, blickten zu der Besucherin auf mit dem geduldigen, halb schüchternen Ausdrucke, den Ellinor -oft an ihrer Mutter gesehen hatte, wenn diese auf irgend eine Aeußerung ihres Vaters wartete.
„Darf ich etntreten?" fragte sie, plötzlich von einer nervösen Unruhe und der Lust zu weinen befallen. „Ich möchte m:t Ihnen sprechen, Frau Stirling. Sind Sie ganz allein?"
„Ganz allein, Fräulein, und stolz auf Ihren Besuch-^ war die Antwort mit einem abermaligen Knix. „Ich rechnete schon die ganze Zett darauf, daß Sie wieder einmal zu mir kommen würden."
„Und die Frau, die bei Ihnen wohnt, wo ist sie fragte Ellinor, indem sie in die armselige, niedere Stub!e eintrat, die nur außerordentliche Reinlichkeit vor dem gänzlichen Verfall bewahrte.
„Sie ist zum Aehrenlesen", war die Antwort. „Matt sagte mir, die Ernte wäre vorüber. Gesehen habe ich dieses Jahr nichts davon, denn viele Schritte kann ich nicht mehr machen."
Ml das Leben eines Gesichtes, das vor einem halbett Jahrhundert schön gewesen sein mußte, -lag nun in den sagenden Augen der Frau Stirling. Sie sah so entsetzlich schwach und gebrechlich aus, daß Ellinor unwillkürlich ihre Hilfe anbot, um sie an ihren Stuhl zurückzuführen. Befriedigt bemerkte sie, daß sowohl die hagere, braune Hand, die aus ihrem Arme ruhte, als auch jeder Faden des dürftigen Kleides von peinlicher Sauberkeit war.
Mit vielen Dankesworten nahm die alte Frau ihrett Platz vor einem runden Tische wieder ein. „Seit letztem Winter", bemerkte sie traurig, „als mich der Rheumatismus erfaßte, bin ich hier festgebannt. Nur manchmal krieche ich hinaus in die warme Luft, sonst sitze ich fast der: ganzen Tag allein hier."
Sie sprach ohne Klage. Aber es lag etwas Rührendes in diesem -letzten „allein", das Ellinor zum Sprechen drängte. Für sich selbst zog diese einen Schemel herbei, schob den Hut von ihrer erhitzten Stirn zurück und fragte r „Müssen Sie allein sein? * Kann niemand von den Ihrigen bei Ihnen bleiben?"
Frau Stirling schüttelte traurig ihr graues Haupt. „Fast alle die Meinigen sind tot, Fräulein. Unsere drei Männer liegen droben bei der Kirche begraben, und meine Jungen hinterließen niemand."
„Aber Sie hatten eine — Tochter? Wo ist diese?"
„Ach, wenn ich es ivüßte — ach, wenn ich es wüßte! Oft denke ich, ich wäre froh, wenn ich sie sicher da droben bei den übrigen wüßte."
So mitleiderregend war der Anblick der zusammen- gesunkenen Gestalt, ein solch herzbrechender Kummer klang durch diese Worte, daß Ellinor die Wahrheit nicht länger zurückhalten konnte, lieber den Tisch hinüber reichend, legte sie ihre kräftige junge Hand auf die zitternde Rechte der alten Frau.
„Ich kann Ihnen sagen, wo Ihre Tochter ist; itt Marypint in Australier: und sie ist — meine Mutter!"
Ein seltsamer, säst erschreckter Schrei entfuhr der arnren Mten. Einen Moment erfaßte sie Ellinor's Hand, gab! sie aber sofort wieder frei. Sie wagte ihren Ohren mcht zu trauen, aber an allen Gliedern zitternd, wiederholte sie leiser „Ihre Mutter! Fräulein Grahams Mutter?!


