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Mädchen einen Degen (in Rußland tragen die Justizbeamten bei der Paradeuniform Degen) und einen alten Regenschirm zn den Sachen des Opfers. Auf der Station Tichorez- kaja wurde die Solotowa des Diebstahls beschuldigt, auf Befehl des Untersuchungsrichters Pussepp festgenommen und sogleich in das unweit belegens Arresthaus gesteckt. Auf diese Weise gelangte die hilflose Person in die Gewalt dieser niederträchtigen Spitzbuben: des! Untersuchungsrichters Pussepp und seiner Spießgesellen Dobrowolski und Besmenow, die sie mißbrauchten und sie dann allen Leuten Preisgaben.
Als ich auf der Station Dichorezkaja anlangte, be- gegnete ich mehreren Arbeitern, die aus dem Eisenbahndepot kamen, und bat sie, mir die Wohnungen Kondakows und einiger anderer für tneine Zwecke wichtiger Personen zu nennen. Ich erklärte den Leuten, daß ich mid) für die Geschichte der Solotowa interessiere, die ihrem Tod vvraus^- gegangeneu Einzelheiten erfahren wolle und vom Gebiets!- chef ermächtigt sei, mit ihnen über diesen Gegenstand zu sprechen. Als die Arbeiter den Zweck meines Besuches kannten, wurde ich mit Freude von ihnen ausgenommen, uran unrdrängte mich!, lud mich? ins Depot ein, rief die Augenzeugen des erschütternden Dramas herbei und gab mir mit Eifer die genauesten Erläuterungen über den empörenden Fall. Die Arbeiter bestätigten mir in allem die Erzählung der unglücklichen Eltern und fügten hinzu, daß die Solotowa allen Leuten preisgegeben wurde. , Außer dem gesamten Dienstpersonal, dem der Zutritt freigestellt war,' durfte jedermann gegen eine geringfügige, an das Gefängnispersonal zu zahlende Entschädigung in die Zelle der Solotowa gehen. Die Kosaken wurden für einige Groschen oder auch nur für Schnaps zugelassen. Hingegen haben alle, welche das unglückliche Mädchen in Schutz nehmen wollten, für die hochherzige Wallung ihres Herzens büßen müssen. Der Stationsmaschinist Kondakow wollte die Solotowa gegen Kaution zu sich nehmen. Er wurde auf Anordnung des Staatsannwalts Dubinski ins Jekateri- nodarsche Gefängnis gesetzt und erst nach der Ankunft des Petersburger Staatsanwalts entlässen. Er wurde aus dem Dienst gejagt und ist bis jetzt ohne Stelle. Die von den Eltern bei der Leichenschau der Solotowa erbetenen Zeugen Kisselew und Sopow, Schlosser im Eisenbahndepot, wurden gleichfalls ins Gefängnis gesetzt, weil sie öffentlich! versicherten, „daß Tatjana Solotowa sich nicht vergiftet habe, sondern bei den Vergewaltigungen erstickt sei". Tie Leiche ivar schrecklich, entstellt. Geschwollene Beulen und Wunden bedeckten den Körper, Spuren von Nägeln waren auf Beinen, Brust und Händen zu finden. Tatjana hatte mehrere Telegramme an ihre Eltern aufgesetzt, das Geld dafür hatte sie erlegt und Quittungen darüber erhalten, doch keines dieser Telegramme hat seinen Bestimmungsort erreicht. — Später wurden die Quittungen von den alten, Solotows in den Strümpfen der Tochter entdeckt. Die Polizei verbot den Slotows aufs strengste, irgend jemand in der Stadt von den Vorfällen etwas zu erzählen. Dem Eisenbahn- bediensteten Dolmatschew wurde verboten, eine Photographie von der entstellten Leiche des Mädchens anzusertigen."
So weit der Brief des Fürsten Andronikow, der überall in Rußland gelesen wird und die Empörung gegen die heutige Beamtenwirtschaft nur noch mehr anfacht.
Vermischtes.
* E i n o ze ani s ch e s Mär chen v o n d e r s ch ö n e n Melusine erzählt der Regierungsarzt Dr. Born in Pap in einem Aufsatz über die Leute der K'arolineninsel Pap, der der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte eingesandt wurde und in der „Zeitschrift für „Ethnologie" zum Abdruck gelangt. Es ist die Geschichte vom Fre-Gntschik. Letzteres Wort bedeutet in der Papsprache den Delphin; doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß man ftüher damit auch die sogenannte Meerkuh, den Dugang, bezeichnet hat, der sich ab und zu von den Palaus, wo er sich häufiger zeigt, in der Vorzeit an die Küste von Pap verirrt haben soll. Da kamen nachts oft zwei Gutschiks ans Land geschwommen, die verbargen ihre Rückenflossen im Sande und verwandelten sich! bald in zwei schöne Mädchen. Durch den Busch liefen sie zum Tanzplatz der Frauen und schauten den Tanzen zu. Wenn die Nacht um
war, eilten sie zum M. messtrand zurück und gruben ihre Rückenflossen wieder aus dem Sande. Sobald sie diese aus den Rücken legten, wurden sie wieder zu Fischen und schwammen über das Rifs in das Meer hinaus. Ein Mann saß aber einstmals oben in einer Kokospalme und sah, wie die Fischte ihre Flossen verbargen und zu Mädchen wurden. Rasch! stieg er hinunter und stahl dre eine der Seit und verbarg sie in einem Korbes AG nun die hen am Morgen vom Tanz zurückkehrten, fand die eine!
ihre Flosse nicht und mußte traurig sehen, wie ihre Gefährtin davonschwamm; da stieg der Mann vom Baum herab, führte das Mädchen in sein Haus, gab ihr zu essen und! nahm sie zu seinem Weibe. Die Flosse aber verbarg er sorgfältig in einer Matte. Sie lebten glücklich und hatten viele Kinder. Als aber der Mann eines Tages in den Busch gegangen war, fand die Frau ihte Flosse wieder. Sofort lief sie zum Meeresstrand hinunter, legte sich die Flosse auf den Rücken und wurde alsbald zum Fische Rasch schwamm sie ins Meer zurück. Lange Zeit war vergangen, da segelte der Mann mit seinem Sohn einst zum Fasch fang auf das Riff hinaus. Und wie er nun umherfuhr und nach Fischen spähte, kam ein großer Fisch geschwommen, der beständig das Kanoe umkreiste und über den Ausleger hin uttti her sprang. Der Knabe aber rief dem Water zur „Sieh den großen Fisch." Da ergriff der Mann die Lanze und speerte den Fisch Als er ihn aber ins Kanoe zog, erkannte er an der Flosse, daß er sein Weib getötet hatte. Da wickelte er den Fisch in seine Matten und weinend! grub er ihn in die Erde und legte viele Steine darauf. Tann zog er mit seinen Kindern in den Busch und blieb trauernd zwanzig Tage darin. Dann kehrten sie in iHv Haus zurück und lebten wie zuvor, der Mann und die Kinder. . . Die Nachkommen dieses Fischsss leben angeblich heute noch!, und ein Kranker, den Dr. Born pflegte, ein fünfzehnjähriger Jüngling von Gatschbar, leitet seinen Stammbaum von ihm her.
Literarisches.
— Dr. Theod. Matthias, Vollständiges kurzgefaßtes Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung mit zahlreichen Fremdwortverdeutschungen und Angaben über Herkunft, Bedeutung und Fügung der Wörter. 2. Ausl. Max Hesses Werlag. Bd. 31 und 356 S. Preis geb. 1,30 Mk. hatte schon in der ersten Auflage durch, ein vergleichendes Verfahren praktisch bewiesen, wie verhältnismäßig leicht eine bloße Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung sei. Nun diese durch die Berliner „Orthographische Konferenz" von 1901 erreicht worden ist, nach den aus dieser hervorgegangenen amtlichen Bestimmungen umgearbeitet, muß es daher gleichmäßig für das Reich, die Schweiz und Oesterreich-Ungarn als der berufenste Führer durch, die — leider immer noch! gar zahlreich gebliebenen Schwierigkeiten der deutschen Rechtschreibung gelten. Doch ist das Blich viel mehr als ein bloßer Berater in Rechtschreibungsnöten. In den Andeutungen über die Herkunft und Verwandtschaft der Wörter enthält es zugleich das Gerippe einer Wortgeschichte. Durch die weitgehende Berücksichtigung des mundartlichen Sprachgutes ist es jedem, namentlich, auch dem Ausländer, em bequemes Hilfsmittel für das Verständnis fo gut der Buch?- wie der Umgangssprache. Auch ein vollständiges Verzeichnis der deutschen Vornamen ist hineingearbeitet, das über die Bildung und Bedeutung unserer älteren wie neueren Rufnamen Aufschluß gewährt. Es ist ferner ein Fremdwörterbuch, im kleinen, das die unersetzlichen Fremdlinge erklärt und für die im guten Schreibgebrauch besser vermiedenen die treffendsten üblichen Verdeutschungen an die Hand gibt. Endlich ist es ein Wegweiser durch alle Schwierigkeiten der deutschen Sprachlehre, in welchem von allen Verhältniswörtern die möglichen Fügungen verzeichnet sind.
Auflösung des Magischen Dreiecks in vor. Nr.:
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R A ALB NOTE ZOBEL
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und L erlag der Vrübl'ichcn Universitiits-Buck- und Stcindruckerci (Pietsch Erben) in Eicken.


