Ausgabe 
1.5.1903
 
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Verließen, bis zu der Zeit, da sie den Tee Hereinbrachte, volle drei Viertelstunden verstrichen?"

Ungefähr so, sollte ich meinen."

Sie sahen sie während dieser Zeit nicht, noch er­innern Sie sich, sie inzwischen gehört zu haben?"

Gewiß sah ich sie nicht und erinnere mich nicht, sie gehört zu haben."

Wieder entstand eine gespannte Pause.

Als Sie sie das nächste Mal wiedersahen das ist, als sie den Tee hereinbrachte, schien sie da auf- geregt oder war sie ruhig?"

Sie war sehr aufgeregt. Sie hatte die ganze Zeit geweint, wie sie mir, glaub' ich, sagte."

Ich muß Ihnen für die Klarheit, mit der Sie Ihre Aussagen abgaben, danken. Nur noch eine andre Frage. Würde es glauben Sie für jemand möglich sein, von Ihrem Hause in drei Mertelstunden oder etwas mehr bis zu dem Platze, wo der Verstorbene entdeckt wurde, und wieder zurückzukommen?"

Die im Gerichtshof versammelte Menge schien einen tiefen Atemzug einhelliger Bestürzung zu holen. Nur die Zeugin schien die Absicht der Frage nicht zu bemerken.

Es würde, wie ich sicher bin, völlig unmöglich sein", sagte sie verwundert.

Und Sie sind sicher, daß die Zeit drei Mertel­stunden nicht überstieg?"

So sicher, als ich es sein kann in Anbetracht, daß ich nicht besonders acht auf die Zeit gab."

Ich danke Ihnen. Das ist alles, was ich Sie jetzt zu fragen habe, doch! ist es möglich', daß wir Sie noch zurückrufen müssen. Meine Herren", fuhr er gegen die Geschwornen gewendet fort, die mit ihren Fragen schon aufsprangen.Ich glaube, es wird für Sie besser sein, die Aussagen der Aerzte erst anzuhören, ehe Sie weitere Fragen an diesen Zeugen richten."

Sie setzten sich wieder, und wieder gab es ein Summen und Zischeln der Aufregung im Gerichtshof und die Leute sahen einander an und fragten einander, ob es wahr wäre, daß Nell Claris vom Bahnhof geholt worden sei und ob sie als Zeuge vernommen werden würde? Die Geschichte wurde immer rätselhafter.

Das Geräusch hörte auf, als der Arzt, der die Leiche, ehe sie vom Fundorte fortgeschaft worden war, besichtigt hatte, den Eid ablegte und seine Aussage machte.

Bei der ersten flüchtigen Untersuchung, die er nur draußen zu machen im stände war, hatte er nichts be­merkt, das ihm Aufschluß über die Todesursache gegeben hätte.

Sie nahmen aber später mit Hilfe von Doktor El ar gas noch eine gründliche Untersuchung der Leiche vor?"

Ja."

Und Sie waren dann im stände, zu einem bestimmten Schluß- zu gelangend

Ja, das war ich."

Ich glaube, Sie waren im stände sestzustellen, daß- der Mann auf gewaltsame Weise ums Leben ge­kommen ist?"

Es herrschte jetzt völlige, völlige Stille im Saal, als der Doktor erwiderte:Ja. $n der rechten Seite des Kopfes fand ich eine kleine Wunde und nachdem ich eine Zeitlang sondiert hatte, fand ich im Gehirn eingebettet tzirre Kugel."

15. Kapitel.

Der Wahrspruch.

Zu sagen, daß man in dem überfüllten Gerichtshof Line Stecknadel würde habe fallen hören, als der Arzt diese Aussage machte, hieße die totenähnliche Stille, von her die dichte Masse der Hörer ergriffen war, unter­schätzen.

Nicht einer von zwanzig in der Menge war aus diese aufsehenerregende Enthüllung gefaßt, die in der Tat nur der Polizei und Hemming mitgeteilt worden war. Diese neue Tatsache warf ein so plötzliches Licht aus den Fall, jede Möglichkeit ausschließend, daß Jem durch einen Zu­fall ums Leben gekommen sein konnte, daß alle Anwesen­den, Männer wie Frauen, einen Augenblick Atem schöpfen mußten, um die sich so plötzlich, darbietende neue Ansicht der Lage fassen zu können.

Inzwischen fuhr der Arzt ruhig in seiner Aussage Jort, von der vieles technisch und für die Mehrheit von einem Interesse war. Doch war die Meuge fähige siH

an die wichtigen Tatsachen zu halten, daß der Schuß von hinten und von der rechten Seite des Wegs gekommen sein mußte, wenn das Opfer, wie anzunehmen war, nach Stroan zu gegangen war und daß das Verbrechen ganz kurz vor der Entdeckung der Leiche begangen worden sein mußte.

Können Sie eine Meinung abgeben, Doktor, hin­sichtlich der Länge der Zeit, die zwischen dem Mfeuern des Schusses und Ihrer ersten Besichtigung der Leiche ver­strichen ist?"

Nach meiner Meinung ist der Tod höchstens eine Stunde vor dieser, wahrscheinlich eine viel kürzere Zeit vorher eingetreten."

Können Sie uns Ihre Gründe für diese Meinung mitteilen?"

Der Körper war noch ganz warm. Da es eine kalte Nacht war, und der Körper an einer sehr offenen Stelle laß, so konnte der Abkühlungsprozeh ein sehr rascher sein."

Können Sie uns genau sagen, zu welcher Zett Sie diese erste Untersuchung der Leiche machten und zu dieser Meinung gelangten?"

Es war sechzehn Minuten nach acht Uhr, als man mich holen ließ und ich kam an dem Ort, wo die Leiche lag, zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Minuten nach acht Uhr an."

Und die Leiche hatte nach Ihrer Meinung ungefähr eine Stunde dort gelegen?"

Oder beträchtlich weniger lange."

Sie würden daher annehmen, daß der Tod ungefähr zu welcher Zeit stattgefunden hätte? Oder ist es möglich, noch eine genauere Schätzung erlangen zu können?"

Es ist natürlich schwer, es genau zu bestimmen. Doch bin ich sehr geneigt, den Tod auf acht Uhr oder selbst später anzusetzen."

Das ist tatsächlich- nur einige Minuten, ehe die Leiche von dem Knaben entdeckt worden tft?"

Nur sehr wenige Minuten."

Eine neue Erregung ging durch das Gedränge der

Ich hätte selbst erwarten sollen", fuhr der Arzt fort,daß der Knabe den Knall der Feuerwaffe gehört hätte."

Aller Augen waren jetzt auf den unglücklichen Knaben, Charles Wallett, gerichtet, der, nachdem er seine Aussage gemacht hatte, im Gerichtshöfe saß» Auf die Bemerkung eines der Geschwornen, ward er wieder vorgerufen und befragt. Er behauptete jedoch unter tiefem Erröten der Verwirrung, durch die so plötzlich von allen Seiten aus ihn gerichtete Aufmerksamkeit, kein Geräusch bemerkt und nichts gesehen oder gehört zu haben, was seine Beachtung erregt hätte, 6t3' er auf den mit dem Gesicht auf der. Erde zu Seiten der Straße liegenden Mann gestoßen wäre.

WenigstensHier hielt er plötzlich inne und sein hochrotes Gesicht wurde blaß.

Er hörte dann hinter sich im Saal ein Gemurmel! und er sing an verstört auszusehen und zu zittern.

Ganz recht, mein Junge", sagte der Coroner er­mutigend,überlege Dir hübsch, eh' Du sprichst, doch dann sage uns alles, was Du weißt, selbst das Gering- sügigste, das Du bemerkt hast."

Sir", sagte der Knabe, indem er abwechselnd rot und weiß wurde.Ich hörte etwas' es war gerade ehe ich- an die Biegung des Wegs kam und dann den Mann sah, aber ich habe nicht vor diesem Augenblick wieder daran gedacht."

Und was war das?"

Es war, was ich für Mr. Wells Schießen nach Vögeln hielt, Sir. Er ist immer da herum mit seiner Flinte und darum beachtete ich's nicht."

Es' lag Wahrheit auf dem Gesichte dessen, der diese so spät und wider Willen aus ihm hervorgezogene Aus­kunft gegeben hatte. Da er, wie er sagte, das Schießen nach! Vögeln so oft hier gehört hatte, so konnte der Schall für ihn weiter keine Bedeutung haben, und es war, ihm nicht einmal sonderbar vorgekommen, daß- der Gutseigner noch! so spät sollte geschossen haben.

Ein Schatten von Enttäuschung ging durch den Ge­richtshof fiel dem Gedanken, daß Stickels trotz allem nur zufällig statt eines Sperlings erschossen worden sein konnte. Doch wurde diese Annahme rasch wieder verscheucht, ittbetn