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Beschaffenheit, alS diejenigen in Deutschland, und so wird Cadburys Schöpfung denn auch nach Verdienst gewürdigt. Er hatte zur Lösung seiner Aufgabe einen Teil seiner Besitzung Bournville, welche etwa 7 Kilometer von Birmingham entfernt liegt, zur Errichtung eines Musterdorfes hergegeben; die Urkunde datiert vom 14. Dezember 1900, und der Wert der Schenkung wird auf 3 600 000 Mk. geschätzt. Der Begründer der Kolonie, welcher die Bedürfnisse der Arbeiter sehr genau kennt, wollte dieselben namentlich der Wohltat eines Lebens in freier Natur teilhaftig werden lassen und ihnen zu gesunder Beschäftigung auf eigenem! Boden Gelegenheit bieten. Deshalb sollte jedes Haus in Bournville einen Garten besitzen und etwa ein Zehntel! der Kolonie sollte für Parkanlagen und Sportplätze reserviert werden. Die ersten 140 Häuser wurden zum Selbstkostenpreise verkauft und der Boden, auf welchem sie erbaut wurden, auf 999 Jahre verpachtet. Die ursprünglichen Muser haben in vielen Fällen ihre Häuser mit einem Gewinn von 1000 bis 2400 Mark pro Haus Wiederverkaufs Das war natürlich nicht die Absicht des Gründers, und die seitdem erbauten Häuser sind daher vermietet worden. Gegenwärtig sind nach Chambers Journal 31 neue Häuser teils schon vollendet, teils noch im Bau, und Pläne für 18 weitere Häuser sind vorhanden, sodaß bis zum EndS des Jahres 1903 mindestens 500 Häuser erbaut sein werden, mit einer Einwohnerschaft von etwa 2500 Personen. Die Mieten betragen einschließlich der Steuern wöchentlich 6.50 bis 9 Mk. Die Häuser sind halb freistehend oder in Kom- ilexen von je vier Gebäuden errichtet. Die Monotonie oll durch große Mannigfaltigkeit der Entwürfe vermieden! ein. Die kleinsten Häuser besitzen im Erdgeschoß eine Küche, ein Wohnzimmer, eine Waschküche, einen Flur und eine Speisekammer; im ersten Stockwerk befinden sich drei Schlafzimmer und ein Wandschrank für Wäsche. Mit der Küche ist ein Baderaum verbunden. Die größeren Häuser, haben ähnliche Räume und besitzen noch ein weiteres Schlaf- zimmer. Es giebt bis jetzt hier kein konzessioniertes Haus! für den Verkauf alkoholischer Getränke, und sollte ein solches etabliert werden, so würde es unter der Aufsicht der Kuratoren stehen und jeder erzielte Gewinn für Erholungsund Wohlfahrtseinrichtungen verwendet werden. Es ist nicht erstaunlich, daß eine lebhafte Nachfrage nach solchen Häusern besteht, und daß dieselben nie leer stehen. Wenn dre Besitzung vollständig bebaut sein wird, so wird die für den Zweck gegründete Wohlfahrts-Gesellschaft durch Pacht und Hausmieten ein jährliches Einkommen von ungefähr drei Millionen Mark erzielen.
Cadbury ist nicht durch Erbschaft zu feinem reichen Besitz gelangt. Er ist ein Mann, der aus eigenen Ideen etwas zu machen weiß. Auf seiner Besitzung in Northfield. wird die elektrische Energie zur Erleuchtung des Herrenhauses durch einen Windmotor erzeugt; dieselbe Maschine besorgt aber auch das Dreschen und Buttern. Jedenfalls eine interessante Propaganda für die Ausnutzung einer kostenfreien Kraftquelle. Es heißt, daß Cadbury vor 40 Jahren das Geschäft mit 12 Arbeitern übernahm; anfangs arbeitete er sogar, ohne Gewinn zu erzielen. Unter diesen Umständen war es entschieden ein Akt der Großmut, daß er die Löhne der weiblichen Arbeiter erhöhte. Heute be- schäftiat das Unternehmen etwa 3600 Personen, darunter 2300 Frauen. Es giebt viele geschäftliche Unternehmungen^ die einen derartigen Aufschwung genommen haben, aber wenige haben sich in einer so kurzen Spanne Zeit m so übe« raschender Weise entwickelt. u-
Scherzrätsel.
Freund, du bist so schlecht gelaunt. Na, ich bad' auch Grund! Saß als stiller 8 daheim, — Plötzlich heult mein Hund. Schrill und frech tönt eine 1, O! die Ohrenqual. Aergerlich begab ich mich In mein Stammlokal, Und bestellt' mein Leibgericht. Wie ich's kost', o weh!
War die Sauce angebrannt \
Und die b wie d. (Auflösung in nächster Nummer.,
Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Mut verloren, alles verloren. _____ ,
wunderung erfüllen müssen. Doch steht dieser Sänger mit seinem wahren Pantoffelheldenmut keineswegs vereinzelt da. Bor einiger Zeit ereignete sich in einer kleinen deutschen Stadt ein Vorfall, der zeigte, daß es mehr so mutige Leute giebt, die ungescheut, öffentlich sogar ihre Abhängigkeit vom Pantoffelregiment dokumentieren. Der Vorsitzende einer gutbürgerlichen Versammlung jenes Ortes stellte, als die Debatten vollständig erschöpft waren, zum Schlüsse die Frage, ob etwa sonst noch jemand zu freier Diskussion das Wort verlangen wolle. Da erhob sich denn ein ehrbarer, älterer, jovialer Herr und sprach: ,„Jch hätte wohl den Wunsch, daß die Herren von der Presse, die uns immer in dankenswerter Weise ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit schenken, den Schlußsatz weg- lassen möchten." Der Vorsitzende verstand diesen Antrag nicht sogleich, und nun erläuterte der Interpellant — übrigens unter großem Beifall der „alten Herren" — seinen Wunsch dahin: „Ich meine das nämlich so: Unsere Versammlung ist zum Beispiel heute um zehn Uhr zu Ende. Und da das verhältnismäßig früh ist, geht man noch ein Glas Bier trinken. Es werden wohl auch manchmal zwei Glas; ein paar Herren spielen Skat, und man kiebitzt ein Viertelstündchen, und so kommt man sachte gegen ein Uhr nach Hause. Am anderen Morgen sitzt mgn, nichts Böses ahnend, beim Kaffee und liest die Zeitung, und da hält einem dann die teuere Gattin den Ver- sammlungsbericht vor die Nase, wo in der letzten Zeile steht: „Schluß der Versammlung 10 Uhr." — „Und Du bist erst um ein Uhr aus der Versammlung heimgekommen!?" Natürlich giebt es dann eine unangenehme Auseinandersetzung. Was liegt den Herren von der Presse daran, „Schluß 10 Uhr" zu schreiben". Der freimütige Interpellant und Pantoffelheld schien in der Tat den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, denn sein Antrag sand die allgemeinste Unterstützung, und der Vorsitzende übermittelte denselben unter vieler Heiterkeit an die anwesenden Angehörigen der Presse.
Daß mächtige Fürsten unter dem Pantoffel gestanden haben, ist schon erwähnt. Daß auch sonst noch der Pantoffel auf die Gesetzgebung und Politik einen Einfluß ausüben kann, zeigt das folgende wahre Geschichtchen, das von einem bereits verstorbenen Reichstagsabgeordneten erzählt wird.
Zu den regelmäßigsten Tribünenbesucherinnen des Deutschen Reichstages gehörte die Gattin jenes Parlamentariers, der in seiner norddeutschen Heimat als Bürgermeister ein Keines Gemeinwesen leitete und sich von anderen Abgeordneten dadurch in bemerkenswerter Weise unterschied, daß er das ehrwürdige Haupt stets mit einem Sammetkäppchen bedeckt trug. So oft nun die Dame ihren Stammsitz oben auf der Tribüne einnahm, geschah es, daß ihr Gatte sich unten im Saal von seinem Sitz erhob und — sich zum Wort meldete. Böse Zungen be- hanvteten, es sei die einzige Gelegenheit, bei der es dem Abgeordneten möglich sei, seiner Gattin zu imponieren, und so brachte es denn der Pantoffel, unter dem der Herr Reichstagsabgeordnete stand, zuwege, daß der Parlamentarier ungemein rege an der deutschen Gesetzgebung teilnahm. Eines Tages ober geschah es, daß der sonst so liebenswürdige Präsident — Herr v. Simson war es damals — den sich zu Worte meldenden Abgeordneten übersah, und zwar nicht nur einmal, sondern auch beim nächsten Male. Da riß dem Abgeordneten der Geduldsfaden, er erhob sich und rief zum Präsidententisch hinüber: ■ „Ich habe mich bereits zum dritten Male zum Wort gemeldet . . ." Um den Mund des Präsidenten spielte ein feines Lächeln, er wandte den Kopf zur Tribüne und sagte: „Entschuldigen Sie, erst jetzt sehe ich — sie!" Ein wahrer Heiterkeitssturm durchzog das Haus, welcher dem Abgeordneten und seiner Gattin, oben auf der Tribüne, sicherlich nicht sehr angenehm in den Ohren klang.
Eme englische Arbeiterkolonie.
George Cadbury', der Inhaber einer der bekanntesten englischen Kakaosirmen, hatte, wie Krupp und andere Großindustrielle, sich die Ausgabe gestellt, durch Schaffung einer Arbeiterkolonie die ungesunden Verhältnisse zu beseitigen, in denen sonst die Arbeiter in der Regel zu leben gezwungen sind. Die englischen Arbeiterwohnungen befinden sich im übrigen meist noch in einer weit traurigen


